"Der Zugang zu Eliten hängt zu oft an der sozialen Herkunft"

Die Leiterin des Hugo-Sinzheimer-Instituts (HSI) Johanna Wenckebach wurde von "Capital" in den Kreis der jungen Top-Entscheider*innen aufgenommen. Im Interview berichtet sie über ihr wissenschaftliches und politisches Wirken und erklärt, warum sie den Begriff der "Elite" kritisch sieht.


Johanna Wenckebach, Sie sind von „Capital“ in die „Junge Elite - Top 40 unter 40“ gewählt worden. Das Wirtschaftsmagazin will damit auf außergewöhnliche Talente aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft aufmerksam machen. Gratulation!

Herzlichen Dank! Das ist insbesondere eine Auszeichnung für das Hugo Sinzheimer Institut der Hans-Böckler-Stiftung und eine Anerkennung für die exzellente wissenschaftliche und rechtspolitische Arbeit, für die wir wahrgenommen werden. Es ist mir eine große Freude und Ehre, dafür auch als Person zu stehen. Als Gewerkschafterin sehe ich allerdings den Begriff „Elite“ sehr kritisch. Denn in unserer Gesellschaft hängt der Zugang zu Eliten immer noch viel zu sehr von Faktoren ab, die nichts mit den Fähigkeiten eines Menschen zu tun haben, z.B. soziale Herkunft oder Geschlecht. Die Hans-Böckler-Stiftung leistet durch die Förderung von Menschen, Bildung und Ideen einen wichtigen Beitrag, das zu verändern. 

Inwiefern spiegeln sich darin Erfahrungen aus dem persönlichen und beruflichen Werdegang wider?

Wer sich für die Rechte von Beschäftigten und Gewerkschaften und für Mitbestimmung einsetzt, bekommt viel Gegenwind. Das habe ich nicht nur in meiner Arbeit als Tarifsekretärin erfahren, wo Interessengegensätze ja Hauptberuf sind. Es gibt auch einen Kampf um das Recht und der findet oft hinter den Kulissen statt. Ressourcen sind auch hier ungleich verteilt. Die ideelle und materielle Förderung der Hans-Böckler-Stiftung hat mir eine exzellente Promotion und wissenschaftliche Arbeit als linke Juristin ermöglicht. So kann ich mich jetzt auf Augenhöhe einbringen. Die Promotion fiel auch in die Phase meines Lebens, als meine Kinder geboren wurden. Das erwähne ich deshalb, weil die Strukturen in Arbeitswelt und Gesellschaft immer noch Menschen benachteiligen, die Sorgearbeit leisten. Es kostet Kraft, sich dagegen zu stemmen. Insbesondere über die Stiftung hatte und habe ich ein Netzwerk von Frauen, die mir Mut machen. Das möchte ich gerne auch weitergeben.

Sie haben in der Wissenschaft gearbeitet, waren Tarifjuristin der IG Metall und sind für die IG Metall im Aufsichtsrat der VW Sachsen GmbH. Mit gerade einmal 36 Jahren haben Sie im Juli 2019 die Leitung des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht übernommen, das seit 2018 Teil der Hans-Böckler-Stiftung ist. Und Sie haben da ein ziemlich dickes Brett zu bohren….

Der Strukturwandel ist allgegenwärtig. Das betrifft auch das Arbeits- und Sozialrecht. Die Große Koalition verhandelt zur Zeit „Gute Arbeit von morgen“. Viele technische aber auch politische Entwicklungen – Stichwort Digitalisierung und Klimaschutz – bringen Veränderungen mit sich, die mit geltenden Regeln des Arbeitsrechts in Einklang gebracht werden müssen oder neuer Antworten bedürfen. Neue Arbeitsmethoden und Beschäftigungsverhältnisse, z.B. Plattformarbeit, lassen sich nicht ohne weiteres einordnen. Gleichzeitig brauchen wir Regeln zum Erhalt guter, tarifgebundener Arbeit insbesondere in unseren Schlüsselindustrien. Hier sind Qualifizierung und Weiterbildung die Kernthemen. Es geht den Szenarien nach um Millionen Arbeitsplätze. Zudem muss jetzt definiert werden, welche gesetzlichen Anforderungen z.B. an Algorithmen gestellt werden, die in zahlreichen Betrieben zunehmend zum Einsatz kommen. Was heißt das für die Mitbestimmung, welche Informationen brauchen Betriebsräte und welche Handlungsmöglichkeiten sind empfehlenswert? Hier spielt auch das Europarecht eine wichtige Rolle. Außerdem braucht es konkrete und konstruktive Vorschläge zur Stärkung der Tarifbindung - bisher gibt es seitens der Bundesregierung nur allgemeine Beteuerungen dazu. Das sind nur einige Beispiele aus der Arbeit des HSI.

Worauf richtet sich der Fokus Ihrer Forschung derzeit und welche Botschaft würden Sie den anderen „Top-Entscheidern“ gerne mit auf den Weg geben?

Digitalisierung und die Transformation unserer Wirtschaft – gerade auch unter dem Aspekt des Klimaschutzes – werden ohne Gewerkschaften und Mitbestimmung in Unternehmen und Betrieben nicht funktionieren. Wir sehen jetzt bereits eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und nun wird entschieden, wie Gewinne und Verluste von Digitalisierung aber auch Strukturwandel verteilt werden. Hier für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, erfordert zum einen konkrete politischeRegulierung, auch im Bereich des Arbeitsrechts. Wir müssen aber auch nah an den Menschen sein, um Ängste zu nehmen und Bedürfnisse zu erfragen. Nicht weniger Beteiligung schafft Dynamik, sondern mehr. Gewerkschaftliche Akteurinnen und Akteure sichern die Demokratie in den Betrieben. Das ist nicht altbacken, wie manche es gerne darstellen, sondern zukunftsweisend.



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