Plattformen für alle

Die Hans-Böckler-Stiftung war erneut auf der republica vertreten. Zum vierten Mal seit 2016, mit einem Infostand und einer eigenen Session zum Thema "Plattformen, die allen gehören".





„tl;dr“ – das Motto der republica dürfte viele Beobachter zunächst ratlos gemacht haben. Der Internetslang steht für „too long; didn't read“ („Zu lang, hab ich nicht gelesen“). Ein selbstironisches Statement, denn die alljährliche Konferenz zum Thema Internet und digitale Gesellschaft trat diesmal mit dem Anspruch an, genau hinzusehen, das Kleingedruckte zu lesen, Details zu recherchieren. Das Internet, so die Botschaft, ist eben nicht nur der Ort schnell hingetippter Kommentare und verkürzter Darstellungen.

Genau hinzusehen, Zukunftstrends zu durchleuchten, ist auch Aufgabe der Hans-Böckler-Stiftung. Sie war zum vierten Mal mit einem Info-Stand auf der republica vertreten, um über die Arbeitsbedingungen der digitalen Arbeitswelt zu sprechen.

Gewerkschaften in Zeiten der Digitalisierung

Und auch in diesem Jahr steuerte die Stiftung eine eigene Session zum Programm der Konferenz bei. „Wir haben den Besuchern am Stand wechselnde Tagesfragen gestellt, etwa, ob Gewerkschaften eine Zukunft in der digitalen Wirtschaft haben“, sagt Lisa Schrepf von der Forschungsstelle „Arbeit der Zukunft“. „Dem haben sehr viele zugestimmt. Aber sie haben uns auch gesagt, dass die Gewerkschaften dafür schneller und digitaler werden müssen.“ Schrepf stellt jedes Jahr wieder fest, dass die Stiftung auf der republica ein neues, durchaus aufgeschlossenes Publikum erreicht.

Ein Thema, das Gewerkschaften wie Konferenzbesucher gleichermaßen beschäftigt, ist die Plattformökonomie. Plattformen wie Uber, Helpling, Deliveroo oder Foodora treten als Vermittler von Dienstleistungen auf und lehnen jede Arbeitgeberverantwortung ab – Kündigungsschutz, Mindestlöhne und Arbeitsschutz sind ausgehebelt. Die Hans-Böckler-Stiftung hatte Orry Mittenmayer eingeladen, um am Stand von der prekären Arbeit in der Lieferbranche zu berichten.

Mittenmayer hatte als Fahrradkurier 2017 mit Kolleginnen und Kollegen den ersten Betriebsrat beim Essenslieferdienst Deliveroo gegründet. „Wir waren befristet bei Mindestlohn angestellt und mussten von dem Geld auch noch unsere Ausrüstung selbst zahlen“, sagte er. „Die Arbeitsbedingungen waren ohnehin schon prekär, und sie wurden damals noch schlechter.“ Das Unternehmen ließ daraufhin die befristeten Verträge aller Mitarbeiter auslaufen und arbeitet nur noch mit Selbstständigen – damit hat sich der Betriebsrat erledigt. Doch Mittenmayer gründete die Initiative „Liefern am Limit.“ „Wir sind sehr froh, dass wir bei der Gewerkschaft NGG ein Dach gefunden haben“, sagte Mittenmayer.

Plattformökonomie in solidarisch

Dass Plattformökonomie auch solidarisch und fair sein kann, war das Thema der von der HBS veranstalteten Session „Plattformen, die allen gehören“.  „Um die Probleme der Plattformarbeit in den Griff zu bekommen, kann Regulierung nur ein Teil der Lösung sein“, sagte Organisationssoziologe Jan-Felix Schrape von der Universität Hohenheim.

Ein weiterer Ansatz besteht in der Gründung von genossenschaftlich betriebenen Plattformen. „Wir wollten eine faire Alternative im Plattformbereich aufbauen“, sagte Claudia Henke, Gründerin der Genossenschaft h3-o. „Wir bieten faire Arbeitsbedingungen, arbeiten mit Open Source, und die Nutzer bestimmen selbst, was mit ihren Daten passiert.“ Die Idee: Genossenschaftliche Plattformen vereinen die Vorteile beider Modelle – die Flexibilität digitaler Vermittler mit dem Ziel, dass die erwirtschafteten Einnahmen den Genossenschaftsmitgliedern zugute kommen.

Magdalena Ziomek gründete nach französischen und belgischen Vorbildern SmartDe eG, eine Genossenschaft für Selbstständige, die im Kreativbereich arbeiten. „Es erschien uns keine Lösung, Festanstellungen für alle Selbstständigen zu fordern“, berichtete sie. „Aber es ist etwas anderes, bei einer Genossenschaft angestellt zu sein, an der man teilhat.“ Die Genossenschaft haftet beispielsweise bei Auftragsausfällen und zahlt dann die Gehälter weiter.

Betriebsräte müssen sich mit KI befassen

Welche Auswirkungen technologische Neuerungen auf die Arbeitswelt haben, war Thema der vom DGB organisierten Diskussionsrunde „Bei uns heißt Siri Mary“. Dort berichtete Efstathios Michailidis, Betriebsratsvorsitzender beim Mineralwasserhersteller Aqua Römer Quelle, von der Einführung der digitalen Kollegin Mary. Die Roboterstimme gibt in der Produktion rund 100 Mitarbeitern Arbeitsanweisungen. „Ich sah, dass Mary Sachen erfasste, die sie nichts angehen“, sagte Michailidis. „Zum Beispiel, wann wir zur Toilette gegangen sind.“ Der Betriebsrat setzte durch, dass das System keine personenbezogenen Leistungs- und Verhaltensmerkmale aufzeichnen darf – und vor allem dürfen keine arbeitsrechtlichen Folgen haben. „Heute können wir Mary einfach sagen: 'Ich will nicht mehr mit dir reden.' Das geschieht mit einer Handbewegung, mit der wir das Mikrofon hochklappen“, sagte Michailidis.



zurück

X

Hinweis zur Nutzung von Cookies auf dieser Website

Diese Website benutzt Cookies. Indem Sie die Website und ihre Angebote nutzen und weiter navigieren, akzeptieren Sie diese Cookies. Die Nutzung der Cookies können Sie in Ihren Browser-Einstellungen ändern. Wir benutzen außerdem Tracking-Cookies der Tracking-Tools Matomo und Webtrekk. Diese werden nur gesetzt, wenn Sie auf den „Einverstanden“-Button klicken. Solange Sie dies nicht tun, nutzen Sie die Website und Ihre Angebote, ohne dass die genannten Tracking-Tools aktiviert werden. Durch die Betätigung des Einverstanden-Buttons willigen Sie auch in das durch Facebook Insights getätigte Tracking auf der Facebook Fanpage der Hans-Böckler-Stiftung ein. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.


Einverstanden