Drei Fragen an Marion Weckes

Frauenanteile in Aufsichtsräten und Vorständen - Kein echter Kulturwandel

Frauen sind in den Aufsichtsräten deutscher börsennotierter Unternehmen noch immer deutlich in der Minderheit – das zeigen die aktuellen Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Demnach ist die Quote im vergangenen Jahr nur leicht auf 24,6 Prozent gestiegen. Die Vorstände sind weiterhin nur zu acht Prozent weiblich besetzt. Zur Einschätzung dieser Entwicklung drei Fragen an Marion Weckes, Expertin für Frauen in Führungspositionen der Hans-Böckler-Stiftung.


Wie sind die neuen Zahlen des DIW zum Frauenanteil in Aufsichtsräten und Vorständen in deutschen Unternehmen zu bewerten?

Sie sind wenig überraschend, zeigen aber deutlich Schwachstellen der derzeitigen Gesetzeslange auf. Bei den Vorständen ist selbst die sehr langsame Entwicklung der vergangenen Jahre nicht mehr fortgeschrieben worden, da sind wir beim Frauenanteil immer noch im einstelligen Bereich. Hier erwarte ich auch in den kommenden Jahren keine dramatischen Fortschritte, das liegt auch an oft lange laufenden Verträgen der Vorstände. Ehe sich hier grundlegend etwas ändert, muss wohl mindestens ein Generationenwechsel stattfinden.

Bei den Aufsichtsräten sehen wir seit 2010, als die Formulierung „eine angemessene Beteiligung von Frauen im Vorstand und Aufsichtsrat“ im Deutschen Corporate Governance Kodex aufgenommen wurde, einen Trend hin zu einer stärkeren Präsenz von Frauen in den 200 größten Unternehmen; die 24,6 Prozent im Jahr 2017 lagen jedoch nur knapp über den 23 Prozent im Jahr 2016. Ein Spezialfall sind die börsennotierten mitbestimmten Unternehmen. Hier zeigt sich nun das Ergebnis der gesetzlichen Verankerung der Geschlechterquote durch die große Koalition im März 2015. Diese Aufsichtsräte sind nun tatsächlich durchschnittlich zu 30 Prozent mit Frauen besetzt.

Also hat das Gesetz seinen Zweck erfüllt?

Streng genommen ja, aber das reicht nicht. Die börsennotierten mitbestimmten Unternehmen halten sich nun zwar an die Quote von 30 Prozent, aber darüber hinaus sind keine Veränderungen zu erwarten. Es handelt sich also eher um eine pflichtschuldige Erfüllung des Gesetzes, keinen echten Kulturwandel. Das sieht man auch daran, dass die Aufsichtsräte teilweise vergrößert wurden, um die Quote zu erfüllen, aber zugleich auf keinen der männlichen Mandatsträger zu verzichten. Dabei war es für keines der Unternehmen ein Problem, qualifizierte Frauen für die Aufsichtsräte zu finden, was vorher tatsächlich oft in Frage gestellt wurde.

Das Problem ist nun vor allem dieses: Das Gesetz in der derzeitigen Form droht oftmals wie ein Deckel zu wirken und verhindert geradezu, dass die Quote – auch bei den gar nicht regulierten Betrieben - weiter steigt. Ich erwarte nun eher eine Stagnation statt einer Entwicklung hin zur echten Gleichstellung. Auch die Posten der Aufsichtsratsvorsitzenden und in den Ausschüssen, von denen aus ja in der Praxis viel mehr bewegt werden kann, sind weiter stark männlich dominiert.

Ist es notwendig, dass der Gesetzgeber hier zukünftig noch einmal nachjustiert?

Derzeit gibt es keine weiteren Veränderungen bei den Quoten zu erwarten, dies gilt dem Anschein nach auch für die Sondierungen zur eventuellen erneuten großen Koalition. Dabei wäre es nicht nur wünschenswert, die Quote etwa auf 40 Prozent zu erhöhen, sondern vor allem auch den Geltungsbereich des Gesetzes zu vergrößern. Denn derzeit gilt es nur für mitbestimmte börsennotierte Unternehmen, und das sind in Deutschland derzeit nur knapp über 100. Die öffentliche Debatte war damals schon erstaunlich angesichts so weniger betroffener Unternehmen.

Das Gesetz war auch von Anfang an nicht richtig konzipiert, denn der Faktor Mitbestimmung ist im Grunde völlig unerheblich für das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Hier müsste nachgebessert werden, alle börsennotierten Unternehmen sollten ab einer bestimmten Größe in die Pflicht genommen werden und eine verbindliche Quote erfüllen.

Ansprechpartnerin: Marion Weckes

 


Report: Beginnender Kulturwandel oder absehbare Stagnation bei 30%? (pdf)
Fragen und Antworten zur Geschlechterquote in Organen von Kapitalgesellschaften
Frauen in Führungspositionen – Daten aus dem WSI Genderdatenportal
DIW Managerinnen-Barometer 2018 (extern)
Geschlechterquote im Aufsichtsrat: Viele neue Frauen mit geringem Einfluss (extern)


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