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05.08.2010

WSI-Halbjahresbilanz

Deutlicher Rückgang der Arbeitskämpfe im ersten Halbjahr 2010

Im ersten Halbjahr 2010 ist die Zahl der Streikenden und der durch Arbeitskämpfe ausgefallenen Arbeitstage im Vergleich zur ersten Hälfte 2009 deutlich zurückgegangen. Mit rund 86.000 Streikenden hat sich die Zahl der an Streiks und Warnstreiks beteiligten Beschäftigten gegenüber dem Vergleichszeitraum auf weniger als ein Drittel verringert. Dies zeigt die Halbjahresbilanz zur Arbeitskampfentwicklung, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung heute vorlegt. Das Arbeitskampfvolumen schätzt das WSI für die ersten sechs Monate des Jahres 2010 auf rund 140.000 wegen Streik und Warnstreik ausgefallene Arbeitstage. Auch dies ist ein deutlicher Rückgang gegenüber den 350.000 Streiktagen im ersten Halbjahr 2009. "Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise dürften ein wesentlicher Grund dafür sein, dass im ersten Halbjahr weniger gestreikt wurde", sagt der WSI-Arbeitskampfexperte Dr. Heiner Dribbusch.

Der deutliche Rückgang des Arbeitskampfvolumens, so der WSI-Experte, ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass es in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie in diesem Jahr vor dem Hintergrund der krisenhaften Branchensituation zu vorgezogenen Verhandlungen und noch vor Auslaufen des alten Tarifvertrages zur Einigung kam. In der zeitlich fast parallel laufenden Tarifrunde für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen wurde zwar erst über eine Schlichtung ein Ergebnis erzielt, doch waren die verhandlungsbegleitenden Warnstreiks in diesem Jahr erheblich weniger umfangreich als in den Jahren zuvor. Die rasche Einigung im öffentlichen Dienst verminderte auch die Zahl von Folge- und Partizipationsstreiks in den an den öffentlichen Dienst angelehnten Bereichen. Gleichwohl stellen die an den Warnstreiks im öffentlichen Dienst beteiligten Beschäftigten etwa 70 Prozent aller Streikenden im ersten Halbjahr.

Die Zahl der Streiks wird von der amtlichen Statistik nicht erfasst. Doch erkennt Dribbusch auch hier Anzeichen für einen erheblichen Rückgang. Ein Indikator ist, dass dem Vorstand der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im ersten Halbjahr 2010 lediglich 59 Anträge auf Arbeitskampfmaßnahmen vorlagen, während es im gleichen Zeitraum des Vorjahres mit 118 exakt doppelt so viele waren.

Nach wie vor dominierten unter den Einzelstreiks Konflikte um Firmen- und Haustarifverträge, bilanziert Dribbusch. Die spektakulärste dieser Auseinandersetzungen war der über mehr als drei Monate andauernde, von Aussperrung und Streik begleitete Arbeitskampf um die Einrichtung eines Betriebsrates und einen Haustarifvertrag im Betonwerk Westerwelle in Herford. Dagegen blieben umfangreiche Arbeitsniederlegungen auf Grund von Restrukturierungen und Verlagerungen aus, was nicht zuletzt daran lag, dass es keine spektakulären Werks- und Betriebsschließungen gab. Auch im potenziellen, von Demonstrationen während der Arbeitszeit begleiteten Großkonflikt bei GM Opel wurde vorerst eine Verhandlungslösung gefunden.

Der, abgesehen von den Warnstreiks im öffentlichen Dienst, größte Arbeitskampf war die dreiwöchige Tarifauseinandersetzung im Mai und Juni zwischen den im Marburger Bund (MB) organisierten Ärztinnen und Ärzten an kommunalen Krankenhäusern und dem Verband Kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA). Nach wie vor nicht abgeschlossen ist der seit 2009 ungelöste, immer wieder von Streikaktionen begleitete Tarifkonflikt um einen ärztespezifischen Tarifvertrag des MB bei der Deutschen Rentenversicherung. Im übrigen gab es vergleichsweise wenig Streikaktivitäten seitens der Berufsgewerkschaften. Im Konflikt zwischen Lufthansa und Vereinigung Cockpit (VC) kam es nur zu kurzen Streiks. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte einige eng begrenzte Auseinandersetzungen mit verschiedenen regionalen Privatbahnen.

Mit Blick auf das zweite Halbjahr schließt Dribbusch Arbeitsniederlegungen im Zusammenhang mit der Stahltarifrunde nicht aus. Eine weitere Unbekannte ist die Zahl und Dauer betrieblicher Konflikte. Insgesamt sei aus heutiger Sicht jedoch nicht damit zu rechnen, dass 2010 das Vorjahresvolumen von 400.000 arbeitkampfbedingten Ausfalltagen erreicht wird.

Kontakt:

Dr. Heiner Dribbusch
WSI

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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