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22.09.2010

Forscher: Fundamentales Finanzierungsproblem bleibt

Gesundheitsreform belastet kleine Einkommen stärker als größere

Die geplante Gesundheitsreform belastet kleine Einkommen stärker als größere. Das fundamentale Finanzierungsproblem der Gesetzlichen Krankenversicherung geht sie nicht an, zeigen aktuelle Analysen von Gesundheitsökonomen.

Eine Mehrheit der Bevölkerung lehnt laut Umfragen Pauschalprämien im Gesundheitssystem ab, daher spricht die Bundesregierung nur noch von einer "Ausweitung der Zusatzbeiträge". Doch wenn nach 2011 die Arbeitgeberbeiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung eingefroren und Kostensteigerungen über einkommensunabhängige Zusatzbeiträge bezahlt werden, dann bedeutet das faktisch "den Einstieg in die Kopfpauschalenfinanzierung". Darauf weisen Prof. Dr. Simone Leiber und Florian Blank in einer Analyse hin. Weil pauschale Beiträge einen regressiven Verteilungseffekt haben, bedeutet das: "Geringe und mittlere Einkommen schultern die Reform", so die Professorin an der Fachhochschule Düsseldorf und der Sozialversicherungsexperte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Ihr Beitrag erscheint in der nächsten Ausgabe der WSI Mitteilungen.

Leiber und Blank verweisen auf Berechnungen, die Prof. Dr. Stefan Greß, Gesundheitsökonom an der Hochschule Fulda, Dr. Klaus Jacobs und Sabine Schulze vom Wissenschaftlichen Institut der AOK angestellt haben. Die Zusatzbeiträge werden demnach die bereits bestehende relative Ungleichbelastung von Gering- und Gutverdienern verschärfen. Inklusive eines durchschnittlichen monatlichen Zusatzbeitrags von 16 Euro, wie ihn das Bundesversicherungsamt für 2014 prognostiziert, gehen von kleineren Brutto-Einkommen zwischen 450 und 1.000 Euro bis zu zehn Prozent als Arbeitnehmeranteil für die Krankenversicherung ab. Dabei ist der so genannte Sozialausgleich schon berücksichtigt. Bis zur Beitragsbemessungsgrenze von 3.750 Euro sinkt die relative Belastung dann langsam, jenseits dieser Marke rapide. Ein Gutverdiener muss nur etwa fünf Prozent seines Einkommens überweisen. Die Zusatzbeiträge vergrößerten die Ungleichheit zwar eher moderat, so Greß, Jacobs und Schulze in einer Fachzeitschrift. Doch immerhin werde die Reform "von ihren Urhebern nicht nur als gerecht, sondern zugleich als Strukturreform mit Zukunftsperspektive bezeichnet". Beiden Ansprüchen entsprächen die Pläne nicht.

Auch Simone Leiber und Florian Blank kritisieren neben dem Gerechtigkeitsdefizit die mangelnde Nachhaltigkeit. Denn an der größten Schwäche der Krankenkassen ändere sich nichts: Zentrale Finanzierungsquelle bleiben die Arbeitseinkommen, deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt seit langem sinkt. Kapital- und Gewinneinkommen haben zugelegt, sollen aber weiter außen vor bleiben. So entstehe keine sichere Finanzierungsbasis, warnen die Experten. Wenn die Gesundheits-Zuschüsse aus Steuermitteln nicht steigen - was die Bundesregierung nicht plant - "ist mit ungedeckten Finanzierungslücken und sozialen Härten durch direkte Kostenbeteiligung, Leistungskürzungen oder höhere Zusatzbeiträge zu rechnen".

Weitere Informationen:

Simone Leiber, Florian Blank: Nachhaltige Finanzierung des Gesundheitssystems ohne Kopfpauschalen, in: WSI-Mitteilungen 10/2010

Stefan Greß, Klaus Jacobs, Sabine Schulze: GKV-Finanzierungsreform: schwarz-gelbe Irrwege statt gezielter Problemlösungen, in: Gesundheits- und Sozialpolitik 4/2010

in: Böckler Impuls 14/2010

Kontakt:

Dr. Florian Blank
WSI

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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