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12.02.2010

Analyse in den WSI Mitteilungen

70 Prozent der Bevölkerung für gesetzlichen Mindestlohn - Mehrheit auch unter Selbstständigen und Gutverdienern

70 Prozent der Bevölkerung sprechen sich für einen gesetzlichen Mindestlohn aus. Am höchsten ist die Zustimmung unter Niedriglohnverdienern und Arbeitslosen, die sich von einer Lohnuntergrenze eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse versprechen. Doch selbst unter Besserverdienenden und Selbstständigen sind die Befürworter in der Mehrheit. Die Frage nach der Höhe eines Mindestlohns beantworten Mindestlohn-Befürworter unabhängig von ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage recht ähnlich: Im Durchschnitt halten sie ein Brutto-Lohnminimum von rund zehn Euro für vernünftig. Das zeigt eine Analyse von Wissenschaftlern des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Universität Frankfurt/Main, die in den WSI-Mitteilungen erschienen ist.

Dass große Teile der Bundesbürger sich eine gesetzliche Lohnuntergrenze wünschen, zeigen Umfragen immer wieder. Im Rahmen einer Untersuchung, die im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums (BMAS) 2005 bis 2008 in vier aufeinander folgenden Erhebungswellen Einstellungen der Bevölkerung zum Sozialstaat ermittelte, wurden 2008 auch die Einstellungen zum Mindestlohn untersucht. Damit liegen erstmals detaillierte Einblicke in die Einstellungen der Menschen in Deutschland zum Thema Mindestlohn vor. Die empirische Basis bildet eine repräsentative Befragung von 5.000 Menschen über 18 Jahren. Die IWAK-Forscher Roland Bieräugel, Oliver Nüchter und Prof. Dr. Alfons Schmid, die auch an der BMAS-Studie beteiligt waren, stellen in ihrem Beitrag für die WSI-Mitteilungen die wesentlichen Befragungsbefunde zum Thema Mindestlohn vor. 

Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass die eigene soziale Lage und der persönliche Nutzen, den sich der Einzelne von einem Mindestlohn verspricht, Einfluss auf die Meinung der Befragten hat. Daher hatten die IWAK-Forscher Schwankungen der Zustimmung in je nach Einkommen oder Bildung unterschiedenen Untergruppen erwartet. Doch die Differenzen sind begrenzt, beobachten die Forscher: "Bei allen von uns untersuchten Subgruppen gibt es eine mehrheitliche Befürwortung des Mindestlohns."

Egal, welche soziale Gruppe man betrachtet, ob Arbeitslose, abhängig Beschäftige, Selbstständige, hoch oder niedrig Gebildete: immer ist deutlich mehr als die Hälfte der Befragten für einen gesetzlichen Mindestlohn. Insgesamt 70 Prozent sprechen sich für eine allgemeine Lohnuntergrenze aus, 30 Prozent sind dagegen. Unter Langzeitarbeitslosen ist die Zustimmung mit fast 90 Prozent am höchsten. Unter Besserverdienern fällt die Mehrheit der Befürworter mit 57 Prozent kleiner aus als unter Geringverdienern, von denen 75 Prozent eine Lohnuntergrenze befürworten. Die Selbstständigen finden vergleichsweise wenig Gefallen an der Lohnuntergrenze. Allerdings ist auch in dieser Gruppe noch eine Mehrheit von 61 Prozent für den Mindestlohn.

Wie hoch sollte der Mindestlohn sein? Ziemlich genau zehn Euro, meinen die Mindestlohn-Befürworter im Schnitt. Damit plädieren sie für einen Brutto-Stundenlohn der eher am oberen als am unteren Ende der von Politik und Wissenschaft diskutierten Spanne liegt - und oberhalb der in anderen Ländern geltenden Mindestlöhne. Hier unterscheiden sich die Vorstellungen, etwa von Selbstständigen und Langzeitarbeitslosen, kaum. Am niedrigsten fällt die Forderung von Menschen aus, die seit weniger als einem Jahr arbeitslos sind: Sie plädieren im Schnitt für eine Lohnuntergrenze von 9,60 Euro pro Stunde. Dies verweise auf den Wunsch nach Rückkehr ins Erwerbsleben, für den sie bereit sind, ihre Ansprüche zu verringern, so die Forscher.

Gefragt wurde auch nach den erwarteten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen eines Mindestlohns: Klar im Vordergrund steht die Hoffnung auf mehr soziale Gerechtigkeit, gefolgt von einer spürbaren Entlastung der Sozialsysteme. Beide Erwartungen werden jeweils von einer deutlichen Mehrheit der Befragten genannt. Ein gutes Drittel der Menschen rechnet mit Jobverlusten, ein knappes Drittel hingegen mit einer Zunahme der Beschäftigung. 41 Prozent erwarten mehr Schwarzarbeit. Hier unterscheiden sich Einschätzungen der erwarteten Vor- und Nachteile erwartungsgemäß am deutlichsten zwischen Befürwortern und Gegnern des Mindestlohns.

Mindestlohn-Gegner begründen ihre Position vor allem mit dem Argument, die Politik solle nicht in die Tarifautonomie eingreifen. Das sagen 52 Prozent der Kritiker. 34 Prozent meinen, der Staat solle sich generell aus dem Markt heraushalten. 24 Prozent halten einen Mindestlohn nur in ausgewählten Branchen für sinnvoll.
Die Forscher fassen zusammen: Mindestlöhne sind in der Wahrnehmung der Bevölkerung eng mit dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit verbunden. Selbst eher skeptische Gruppen wie Besserverdienende und Selbstständige halten den Mindestlohn für eine sozial gerechte Maßnahme.

Weitere Informationen:

Roland Bieräugel, Oliver Nüchter, Alfons Schmid: Einstellungen der Bevölkerung zu Mindestlöhnen in Deutschland, in: WSI Mitteilungen 1/2010

70 Prozent wollen Mindestlohn - Arm wie Reich für zehn Euro, in: Böckler Impuls 01/2010

Kontakt:

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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