Böckler Impuls Ausgabe 05/2011

Altersübergang

Statistische Effekte verschleiern die Probleme in den Jahren vor der Rente

Die Rente mit 67 dürfte ähnliche Effekte haben wie die bisherigen Reformen, die auf eine Verlängerung des Arbeitsleben zielten: Es erhöht sich zwar die Erwerbsbeteiligung Älterer, doch mehr Über-60-Jährige müssen die Zeit bis zur Rente mit prekären Jobs und in Arbeitslosigkeit überbrücken.

Im kommenden Jahr beginnt die Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters von 65 auf 67. Die Umstellung wird sich bis 2031 hinziehen, dann soll die Rente mit 67 eingeführt sein. Und dann wird sich auch zeigen, ob die Erwerbstätigen künftig tatsächlich so lange arbeiten werden. Die Bundesregierung jedenfalls geht in ihrem Bericht zur Lage der Älteren am Arbeitsmarkt davon aus. Schließlich seien bereits im vergangenen Jahrzehnt mehr 55- bis 64-Jährige einer Erwerbsarbeit nachgegangen, so der Report aus dem Arbeits- und Sozialministerium. Dieser Trend werde sich fortsetzen.

Martin Brussig und Matthias Knuth vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) halten einen weiteren Anstieg der Erwerbsbeteiligung Älterer ebenfalls für recht wahrscheinlich. Die Forscher der Universität Duisburg-Essen verweisen jedoch auch auf die Probleme, die mit einer Anhebung des Rentenalters verbunden sind - und die der Regierungsbericht weitgehend ausklammert. Wenn sich die Beschäftigungschancen für Ältere im Vergleich zu heute nicht deutlich verbessern und sich die körperlichen und seelischen Arbeitsbelastungen nicht reduzieren, dann hat eine Erhöhung des Rentenalters auch etliche Nachteile, sagen die Wissenschaftler. Die seien schon jetzt abzusehen: Aufgrund der Rentenpolitik der vergangenen Jahre müssen viele Ältere die Zeit bis zum Ruhestand mit atypischen Jobs oder in Arbeitslosigkeit überbrücken. Oder sie beantragen ihre Rente vorzeitig - was eine dauerhafte Kürzung bedeutet.

Die Rente mit 67 ist keine Wende in der staatlichen Alterssicherung. Brussig und Knuth verstehen die Erhöhung der gesetzlichen Altersgrenze vielmehr als eine "graduelle Fortsetzung der bisherigen Reformen". Schon seit 1997 strebe die Rentenpolitik an, die faktische Altersgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung anzuheben und die Menschen zu einem längeren Arbeitsleben zu bewegen. So wurde das Zugangsalter für eine abschlagsfreie Altersrente von 60 auf 65 erhöht - jeder, der früher als mit 65 Jahren geht, muss bis zum Lebensende mit einer gekürzten Rente leben. Außerdem verschiebt sich während der Jahre 2006 bis 2012 das frühestmögliche Eintrittsalter zur Altersrente wegen Arbeitslosigkeit, von 60 auf 63. Das Gleiche gilt auch für die bald auslaufende Altersteilzeit. Diese drei Altersgrenzenanhebungen gingen sogar schneller vonstatten als der geplante Übergang zur Rente mit 67. "Die zurückliegenden Jahre waren stärker reformgeprägt als es für die Zukunft zu erwarten ist", schreiben die Forscher. Darum liegen schon jetzt Erfahrungswerte über ein späteres Rentenalter vor - und die analysieren die Sozialstaatsexperten.

Längere Erwerbsphase. Die Erwerbstätigen von heute stellen sich bereits auf ein langes Arbeitsleben ein, berichten die Wissenschaftler. Umfragen zufolge rechnen die meisten Beschäftigten damit, länger im Beruf bleiben zu müssen als frühere Generationen. Auch beim tatsächlichen Rentenzugang macht sich das bemerkbar. Analysen des IAQ belegen: Die Menschen melden ihren Ruhestand zusehends später an. Die Bundesregierung berichtet gar, dass das häufigste Lebensalter beim Beginn einer Altersrente 2000 noch bei 60 Jahren lag. Acht Jahre später war es 65 Jahre. Brussig und Knuth fügen allerdings an: Diese Erfolgsmeldung beruht darauf, dass gegenwärtig viele dieser Rentner aus der passiven Phase der Altersteilzeit in den Ruhestand wechseln - und somit nicht wirklich aus einer Erwerbstätigkeit. Und darum müsse sich erst noch zeigen, schreiben die Wissenschaftler, ob der tatsächliche Erwerbsaustritt auch nach dem Auslaufen der staatlich geförderten Altersteilzeit weiterhin aufgeschoben werden kann.

Angesichts der höheren Erwerbstätigenquote und des gestiegenen durchschnittlichen Renten-Zugangsalters kommt der Bericht der Bundesregierung zu einem positiven Zwischenfazit der Rentenreformen. Der Regierungsbericht blendet jedoch mehrere wichtige Entwicklungen aus, kritisieren Brussig und Knuth: Nicht nur die schlechte Qualität vieler Beschäftigungsverhältnisse im letzten Jahrzehnt des Arbeitslebens, sondern auch die langfristigen Folgen von harten Arbeitsbedingungen. Fehlende Leistungsfähigkeit im Alter ist häufig durch Gesundheitsprobleme aufgrund früherer Arbeitsbelastungen bedingt. Das führe oftmals "zur vorzeitigen Berufsaufgabe und dem Abdrängen in randständige Jobs oder Arbeitslosigkeit", so die Forscher. Den Betroffenen ist das bewusst: Wer unter körperlichen und seelischen Belastungen arbeitet, macht sich nach Erhebungen des Inifes-Instituts oft große Sorgen um seine Beschäftigungsfähigkeit. 54 Prozent der Beschäftigten mit einer körperlich anstrengenden Arbeit zweifeln daran, bis zum Rentenalter im Beruf durchzuhalten. Von den Kollegen mit psychischem Druck bei der Arbeit sind es 47 Prozent.

Die neuen Härten später Arbeitslosigkeit. Durch die Rentenreformen haben sich der Charakter und die Bedeutung von Arbeitslosigkeit jenseits der 60 stark gewandelt. In den 1990er-Jahren war späte Erwerbslosigkeit noch "der Ausgangspunkt zur materiell abgesicherten Frühverrentung", so die Studie. Seit dem Ende der Frühverrentungspolitik ist sie "zunehmend Bestandteil eines prekären Altersübergangs" geworden. Jeder dritte Neurentner des Jahres 2007 hat einen problematischen Ausstieg aus dem Arbeitsleben hinter sich mit Langzeitarbeitslosigkeit von mindestens drei Jahren oder einen um zwei Jahre vorzeitigen Rentenbezug, berichten die Wissenschaftler. Auch Teilzeit und Minijobs kommen bei den Über-55-Jährigen häufig vor.

Diese Altersklasse leidet auch darunter, dass die seit den Hartz-Gesetzen praktizierte Arbeitsmarktpolitik an ihr vorbei geht - Ältere werden wenig bis gar nicht gefördert, bemängeln Brussig und Knuth. Sie werden ohnehin bald die Arbeitslosenstatistik verlassen: Wer 63 ist und Hartz IV bezieht, muss möglichst rasch seine Rente anmelden. Auch dies führt dazu, dass Rentenabschläge inzwischen weit verbreitet sind. Lediglich Männer, die aus stabiler Beschäftigung in Rente gehen, schaffen es mehrheitlich, ohne Abschläge durchzukommen - und viele von ihnen haben die Altersteilzeit in Anspruch genommen. In allen anderen Gruppen - Frauen, Männer in gelegentlicher oder längerer Arbeitslosigkeit - muss mehr als die Hälfte Abschläge hinnehmen. Was bei vielen Altersarmut nach sich ziehen dürfte.

Problematische Indikatoren

Der Regierungsbericht zur Lage Älterer am Arbeitsmarkt stützt sich vor allem auf die Veränderungen in der Erwerbsbeteiligung. Das geschehe allerdings nicht, "um die Chancen und Grenzen der künftigen Entwicklung auszuloten, sondern um die Machbarkeit der Rente mit 67 zu betonen", stellen Brussig und Knuth fest. Die Erwerbsquote allein liefere aber nur ein sehr unvollständiges Bild. Ohnehin sind die gängigen Indikatoren - die Alterserwerbsquote, das Alter beim Rentenzugang und beim Erwerbsaustritt - problematisch. So meldet nicht jeder gleich die Rente an, nachdem er aufgehört hat zu arbeiten. Und die Erwerbsquote sagt nichts über den Anteil derer aus, die keinen Job haben. Wenn mehr Menschen arbeiten oder Arbeit suchen, weil ihnen beim vorzeitigen Rentenzugang Abschläge drohen, dann kann sich beides erhöhen - die Erwerbsquote, aber auch die Arbeitslosigkeit.

Die viel zitierten Indikatoren zur Erwerbstätigenquote, zum Renteneintrittsalter und zum Erwerbsaustrittsalter sind außerdem problematisch aufgrund von "mikrodemografischen Verwerfungen", die mit individuellem Verhalten im Altersübergang nichts zu tun haben, schreiben Brussig und Knuth. Stark schwankende Kohortenstärken aufeinander folgender Geburtsjahrgänge bewirken eine Veränderung des durchschnittlichen Rentenzugangsalters - auch dann, wenn sich das Renteneintrittsalter innerhalb der einzelnen Geburtskohorten nicht verändert. In den vergangenen zehn Jahren kamen die unterschiedlich stark besetzten Geburtsjahrgänge der späten 1930er- und 1940er-Jahre ins Rentenalter, was die gleichzeitig ablaufenden Prozesse der steigenden Erwerbsbeteiligung überlagerte.

Wer sich Kalenderjahre anschaue, übersehe leicht die Unterschiede zwischen starken und schwach besetzten Geburtsjahrgängen, erklären die Wissenschaftler des IAQ. Diese Unterschiede aber "machen das Bild weniger eindeutig", als es der Bericht der Bundesregierung erscheinen lässt.

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