Böckler Impuls Ausgabe 04/2010

Ostdeutschland

Frauen wollen unabhängig bleiben

Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall ist die Haus­frauenehe in Ostdeutschland fast bedeutungslos. Die übergroße Mehrheit der ostdeutschen Frauen ist wirtschaftlich für sich selbst verantwortlich.

Zu Beginn der 1990er-Jahre hatten Frauen in den neuen Bundesländern einen Gleichstellungsvorsprung gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen im Westen. Die allmähliche Abkehr vom männlichen Ernährermodell hatte mehr als eine Generation früher begonnen. Die Anreizwirkungen des nun gesamtdeutschen Steuer- und Sozialsystems hätten dazu beitragen können, dass Frauen vom Arbeitsmarkt wieder verdrängt werden. Bislang ist das ostdeutsche Geschlechtermodell jedoch in seinen Grundzügen erhalten geblieben, zeigt eine Untersuchung von Christina Klenner.

Auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) hat die WSI-Forscherin die Einkommensverhältnisse von Paarhaushalten mit und ohne Kinder analysiert. Zentrales Ergebnis: Dass beide Partner erwerbstätig sind, ist in Ostdeutschland nach wie vor die Regel. Zweiverdienerpaare dominierten im Jahr 2007 mit fast drei Viertel aller Paare. Rechnet man die Haushalte mit einem arbeitslosen Partner hinzu, ist die Quote damit genauso hoch wie 1990. Lediglich 6 Prozent der Frauen in Paarhaushalten nehmen nicht am Erwerbsleben teil, führen also eine klassische Hausfrauenehe. In Westdeutschland liegt ihr Anteil bei 20 Prozent.

Teilzeitarbeit spielt für Frauen im Osten ebenfalls eine geringere Rolle als im Westen. Am häufigsten arbeiten beide Partner in Vollzeit. Allerdings: Die Zahl der Paare mit teilzeitbeschäftigter Frau nahm seit 1990 stetig zu, die der beide in Vollzeit arbeitenden Paare deutlich ab. Ein Hinweis auf traditioneller werdende Geschlechterarrangements? Kaum, zeigt Klenner unter Hinweis auf die Einkommensrelationen: Die Zahl der Paar-Haushalte, in denen beide Partner ungefähr gleich viel zum Einkommen beitragen, ist im Zeitverlauf praktisch unverändert geblieben. Inzwischen gibt es sogar weniger Paare mit einem männlichen Haupternährer.

Ostdeutsche Frauen sind heute häufiger Hauptverdienerinnen als zum Zeitpunkt der Deutschen Einheit, ihre Einkünfte sind jedoch teilweise sehr niedrig. Damit gilt: Ohne die Arbeitslosigkeit und unfreiwillige Teilzeit oder Minijobs würden noch mehr Frauen ein eigenes, ihre Existenz sicherndes Einkommen erzielen, so die Forscherin. Ein Wandel hin zu einem traditionelleren Geschlechterverhältnis lässt sich somit aus den Daten nicht ablesen.

Die berufliche und soziale Ungleichheit von Männern und Frauen besteht jedoch auch in Ostdeutschland fort:

  • Die Hierarchien sind zwar etwas flacher, in Führungspositionen sind Frauen aber unterrepräsentiert.
  • Frauen haben auch weniger Freizeit. Denn unbezahlte Familienarbeit ist auch im Osten eher Frauensache.
  • Weibliche Beschäftigte verdienen im Schnitt weniger. Die geschlechtsspezifische Einkommenslücke ist insgesamt kleiner als in Westdeutschland, junge Frauen sind allerdings stärker davon betroffen als ältere.

Dennoch: Der Wille zur Unabhängigkeit ist bei den ostdeutschen Frauen tief verankert. Dies zeige sich auch an der Einstellung zur Ehe, so Klenner. Sie gilt im Osten kaum als die typische Form der Absicherung von Mutter und Kindern - trotz steuerlicher Anreize: Im Jahr 2008 wurde weit mehr als die Hälfte aller Kinder von ledigen Müttern geboren. Im Westen war es nur ein Viertel. Auch ist es in Ostdeutschland stärker akzeptiert, dass beide Eltern arbeiten und Kinder in öffentlichen Einrichtungen betreut werden. 



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