Böckler vor Ort in Oberhausen

Betriebsratsarbeit am Haifischbecken

Im Sea Life in Oberhausen leben Tausende Meerestiere. Die Fische werden von den Angestellten gut gepflegt und es geht ihnen bestens. Von der Belegschaft lässt sich das leider nicht immer sagen. Sie musste sich schon mehrfach gegen Repressalien des Arbeitgebers wehren. Grund für DGB-Chef Reiner Hoffman, die streitbaren Betriebsräte im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Böckler vor Ort“ zu besuchen.


Wer sich kaum wehren kann, den beißt man weg. So geht es im Haifischbecken zu. Und so hat es der Betriebsrat im Sea Life in Oberhausen zu spüren bekommen. Anfang 2013 zog das Besucherzentrum Legoland Discovery Center auf das Gelände von Sea Life nach Oberhausen. Beide Unternehmen gehören der britischen Merlin Entertainment Gruppe, die wenig von Mitbestimmung hält. Die bestehenden Betriebsräte sollten sich doch auflösen, forderten die Manager. Schließlich würden sie doch nicht mehr gebraucht, denn Legoland und Sea Life würden fortan als Gemeinschaftsunternehmen Gewinne erwirtschaften. Blödsinn, fanden die Betriebsräte: Die Geschäftsfelder beider Betriebe seien nicht vergleichbar. Mithilfe der IG BAU stemmten sich die Arbeitnehmervertreter gegen die Forderung des Arbeitgebers und zogen bis vor das Bundesarbeitsgericht. Dort bekamen sie Recht – und quasi nebenbei gewannen sie für ihr Engagement auch noch den Deutsche Betriebsräte-Preis 2018.

„Die Arbeit ist klasse, aber die Bezahlung nicht“

Doch mit der Existenz zweier Betriebsräte sind die Probleme mit dem Arbeitgeber heute nicht vom Tisch. Das findet auch Reiner Hoffmann, der Vorsitzende des DGB und des Vorstands der Hans-Böckler-Stiftung, bei seinem Besuch im Sea Life. „Die Arbeit ist klasse, aber die Bezahlung nicht“, resümierte er nach einem Rundgang durch das Aquarium.

Tatsächlich erhält ein Großteil der rund 80-köpfigen Belegschaft gerade einmal etwas mehr als den gesetzlichen Mindestlohn - viele arbeiten zudem auf 450-Euro-Basis. Darunter sind zum Beispiel ausgebildete Einzelhandelskaufleute, Tierpfleger und so genannte Entertainer, die mit großem schauspielerischem Können und viel tierischem Fachwissen die Führungen der Besucher übernehmen. Obendrein hat der Betriebsrat vor Jahren Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Anspruch auf Urlaub erst erstreiten müssen. „Wir müssen vieles, was Mitarbeitern gesetzlich zusteht, hart erkämpfen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Sebastian Krüger. „Im Moment streiten wir darum, dass Dienstpläne mit uns abgestimmt und eingehalten werden. Außerdem soll der Arbeitgeber Überstunden endlich beantragen und nicht einfach verfügen.“

Britischer Arbeitgeber zeigt wenig Verständnis für Mitbestimmung

Nicht nur in seinen Augen liegt das Hauptproblem des angespannten Verhältnisses zum Arbeitgeber in Großbritannien. „Dort herrscht grundsätzlich wenig Verständnis für Mitbestimmung“, sagt Thomas Schicktanz. Der für Oberhausen zuständige Branchensekretär der IG BAU hat zudem eine Masche ausgemacht, mit dem sich das internationale Management der deutschen Mitbestimmung verweigert. „Das lokale Management in Oberhausen wechselt nach maximal zwei Jahren. Wenn die Betriebsräte gerade davorstehen, etwas durchzusetzen, haben sie es schon wieder mit einem neuen Geschäftsführer zu tun. Dann fangen sie wieder von vorne an.“

Sebastian Krüger sieht zudem das Problem, dass sich Verantwortliche wegducken. „Das Verhältnis zum Geschäftsführer vor Ort ist im Moment gut. Aber er hat nur geringe Entscheidungskompetenzen. Oft rätseln wir, wo im Konzern die eigentlichen Ansprechpartner für unsere Probleme sitzen – ohne Ergebnis.“ Er stehe auch im Austausch mit Arbeitnehmern der anderen Sea Life-Standorte in Deutschland und teilweise in Europa. Aber: „Die haben die gleichen Probleme wie wir“, sagt er. Krüger fordert ein einheitliches europäisches Betriebsverfassungsgesetz.

Das scheint vernünftig, denn tatsächlich spricht einiges dafür, dass sich die deutsche Mitbestimmung demnächst häufiger Angriffen aus dem Ausland erwehren muss. Laut dem statistischen Bundesamt hat sich die Zahl der Übernahmen deutscher Firmen aus dem Ausland in den vergangenen 20 Jahren versechsfacht. Nur wenig spricht für die Umkehr dieses Trends. Die Gewerkschaften haben bereits reagiert und fordern auch europaweit mehr Mitbestimmung. „Wir kämpfen auf europäischer Ebene unter anderem für eine Senkung des Schwellenwerts bei der verpflichtenden Einrichtung von Europäischen Betriebsräten“, sagte Reiner Hoffmann auf der Pressekonferenz nach dem Gang durch das Aquarium. Bislang müssen international tätige Unternehmen einen Europabetriebsrat ab 1000 Beschäftigten einrichten. Hoffmanns Schlusswort: „Wir brauchen ein sozial gefestigteres Europa, damit Zustände wie diese bei Sea Life endlich überwunden werden.“

Andreas Schulte

 



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