Böckler Impuls Ausgabe 09/2007

Mitbestimmung

Bessere Arbeitszeiten mit Betriebsrat

Geringere Wochenarbeitszeit und weniger prekäre Teilzeitbeschäftigung: Betriebsräte können flexible Arbeitszeiten regulieren.

In Betrieben mit Betriebsrat verwirklichen Arbeitnehmer ihre Arbeitszeitwünsche weitgehender als in solchen ohne Interessenvertretung. Dies zeigt eine Studie des Instituts für Arbeits­markt- und Berufsforschung (IAB). Bei ihrer Untersuchung zum Einfluss von Betriebsräten auf die Arbeitszeitgestaltung verglichen die Sozialwissenschaftler Peter Ellguth und Markus Promberger strukturell weitgehend identische Betriebe miteinander. Auf Basis des IAB-Betriebspanels stellten sie dabei jedem Betrieb mit Betriebsrat einen "Zwillingsbetrieb" ohne Interessenvertretung gegenüber. Die Ergebnisse im Einzelnen:

=> Einfluss der Mitbestimmung

Wochenarbeitszeit: In westdeutschen Betrieben mit Betriebsrat liegt die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit um 36 Minuten pro Woche niedriger als in Betrieben ohne Betriebsrat. In Ostdeutschland zeigt sich eine ähnliche Tendenz. Dass Betriebs­räte generell senkend auf die Wochenarbeitszeiten einwirken, führen die Forscher auf ihre Rolle als Kontrollinstanzen der tariflichen Regelungen zurück. Erst ihr Eingreifen sorge dafür, "dass die tariflichen Normen faktisch wirksam werden". Ein weiterer Grund für die geringere Wochenarbeitszeit: "Betriebsräte sind im Rahmen von Korridormodellen und betrieblichen Bündnissen für Arbeit auch an temporären Unterschreitungen der tariflichen Arbeitszeitniveaus beteiligt", so die Forscher.

Teilzeitarbeit: Westdeutsche Betriebe mit Betriebsrat praktizieren häufiger sozialversicherungspflichtige Teilzeitarbeit und deutlich seltener geringfügige als die Vergleichsgruppe ohne Interessenvertretung. Insgesamt fällt der Anteil der geringfügig Beschäftigten in Betrieben mit Betriebsrat niedriger aus. "Betriebsräte fördern also ‚gute‘ und hemmen ‚prekäre‘ Teilzeitbeschäftigung", folgern Ellguth und Promberger. In ostdeutschen Betriebsratsbetrieben sei insgesamt eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Der positive Einfluss der Betriebsräte auf die betriebliche Ausgestaltung der Teilzeit ist für eine wachsende Zahl von Beschäftigten von großer Bedeutung: Inzwischen sind unterschiedliche Teilzeitmodelle bei mehr als der Hälfte der privatwirtschaftlichen Betriebe in Ostdeutschland und drei Vierteln der Betriebe in Westdeutschland verbreitet.

Überstunden: Bezahlte Überstunden werden in westdeutschen Betrieben mit Betriebsrat weniger genutzt als in solchen ohne. Dies könne darauf zurückgeführt werden, dass in Betriebsratsbetrieben entweder die Wünsche der Belegschaften stärker berücksichtigt werden, oder ein Ausdruck "betriebs­politischer Erwägungen" sein, argumentieren die Forscher. Überstunden werden in Betrieben mit Betriebsrat - zumindest in Westdeutschland - häufiger in Freizeit ausgeglichen als in Betrieben, die nicht über eine Interessenvertretung verfügen. Dieses Phänomen kann durch die Schutzfunktion des Betriebsrates erklärt werden. Er sorge vermutlich dafür, dass Überstunden häufiger "abgefeiert" werden, "nicht zuletzt aus gesundheitlichen Aspekten".

Vertrauensarbeitszeit: Obwohl diese Arbeitszeitform von Betriebsräten meist skeptisch beurteilt wird, können die Forscher in ihrer Studie keine Unterschiede für die jeweiligen Betriebe mit und ohne Betriebsrat nachweisen. Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass "Betriebsräte diese vor allem bei ‚privilegierten‘ Beschäftigtengruppen eingesetzte Arbeitszeitregulierung nicht beeinflussen wollen oder können".

Wochenendarbeit: Hier ist die Situation ähnlich. Der IAB-Studie zufolge hat die Existenz von Betriebsräten keinen direkten Einfluss darauf, ob samstags oder sonntags in einem Betrieb gearbeitet wird. Dies könne ein Hinweis dafür sein, dass über diese "ungünstige" Arbeitszeitform nicht oder nicht wirksam genug auf Betriebsebene verhandelt wird.

Die Existenz von Betriebsräten wirkt sich also nicht auf alle Bereiche der Arbeitzeitgestaltung gleichermaßen aus. Die Forscher deuten die Ergebnisse als Indiz dafür, dass Betriebsräte prinzipiell einer Flexibilisierung von Arbeitszeiten nicht im Wege stehen. Sie tragen jedoch zu deren Regulierung bei. Dafür spreche auch, dass Arbeitszeitkonten in Betrieben mit Betriebsrat - sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland - häufiger genutzt werden als in Betrieben ohne Betriebsrat.

Die IAB-Studie belegt insgesamt den positiven Einfluss der Betriebsräte auf die Arbeitszeitsituation. Wenn sich ein ähnlicher Einfluss auch für andere Bereiche der betrieblichen Arbeitspolitik nachweisen ließe, "würde die Existenz oder Nichtexistenz von Betriebsräten einen entscheidenden Indikator für die Qualität von Arbeitsplätzen darstellen". Dies wollen Ellguth und Promberger in einem ihrer nächsten Projekte klären.


Quellen

Peter Ellguth, Markus Promberger: Arbeitszeitsituation und betriebliche Interessenvertretung - Bessere Zeiten mit Betriebsrat?, in: WSI-Mitteilungen 4/2007 .

mehr Infos zum IAB-Betriebspanel 


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