Böckler Impuls Ausgabe 14/2006

Leiharbeit

Image verbessert, trotzdem Arbeitnehmer zweiter Klasse

Die Leiharbeitsbranche wächst schnell. Bei Bezahlung, Arbeitsplatzsicherheit, Mitbestimmungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten hinkt sie der übrigen Wirtschaft jedoch hinterher.

Dreiecksverhältnisse sind nervenaufreibend. Über 400.000 Leiharbeitnehmer in Deutschland müssen sich im Gegensatz zu Kollegen im "Normalarbeitsverhältnis" gleich mit zwei Chefs auseinandersetzen - einem im Ver- und einem im Entleihbetrieb. Dort, wo sie die meiste Arbeitszeit verbringen, im Entleihbetrieb, stehen sie am Rande der Belegschaft. Trotzdem gilt die Leih- oder Zeitarbeit, im Amtsdeutsch "Arbeitnehmerüberlassung", heute nicht mehr als Schmuddelecke des Arbeitsmarkts - dank öffentlicher Diskussion über betrieblichen Flexibilisierungsbedarf und inzwischen flächendeckender Tarifbindung. Markus Promberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einem  von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt Arbeitsbedingungen und Bedeutung der Branche untersucht.

Dabei zeigt sich: Die Zahl der Leiharbeiter ist zwar stark gewachsen - in den letzten zehn Jahren um mehr als 100 Prozent. Leiharbeit gelte "als Flexibilisierungsmittel par excellence", so Promberger. Dennoch werde sie in der Praxis bislang deutlich weniger genutzt als andere Instrumente wie Überstunden, Arbeitszeitkonten, Teilzeit, geringfügige und befristete Beschäftigung. Die Bestandsaufnahme des IAB:

  • Fast 40 Prozent aller Großbetriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern beschäftigen Leiharbeitnehmer. Bezogen auf die Gesamtwirtschaft sind das allerdings nur 2 bis 3 Prozent aller Betriebe.
  • In den meisten Entleihbetrieben sind die Kolleginnen und Kollegen von der Zeitarbeit bisher eine Randerscheinung: Nur 17 Prozent der Entleiher beschäftigen mehr als fünf Leiharbeitnehmer. Dennoch spielt Zeitarbeit in einigen Unternehmen eine entscheidende Rolle. Oft sind das Fertigungsbetriebe mit hohem Tariflohn, zum Beispiel in der Auto- oder Zulieferindustrie.
  • Der typische Leiharbeiter verrichtet Hilfstätigkeiten in der Industrie. Facharbeiterstellen sind mit 35 Prozent in der Minderheit, nur ein Prozent aller eingesetzten Leihkräfte haben einen akademischen Abschluss. Qualifikationsanforderungen und Arbeitseinsätze im Dienstleistungssektor, beispielsweise in Callcentern, nehmen jedoch zu.

Betriebe fordern Miet-Mitarbeiter vor allem an, wenn kurzfristiger, unvorhersehbarer Personalbedarf eintritt, dessen Dauer schwer abzuschätzen ist: bei Krankheitsausfällen, Produktionsstörungen, unerwarteten Auftragseingängen.

Leiharbeitnehmer verdienen pro Stunde 2 bis 3 Euro weniger

Leiharbeitsfirmen sind nicht per se schlechte Arbeitgeber, so Promberger. Das gelte besonders für Verleihfirmen großer Industriekonzerne oder nicht vorrangig gewinnorientierte Verleiher wie Beschäftigungs-, Qualifikations- und Auffangbetriebe. Im statistischen Durchschnitt blieben die Arbeitsbedingungen trotzdem hinter der Gesamtwirtschaft zurück:

  • 2004 verdienten Hilfskräfte pro Arbeitsstunde im Schnitt 3 Euro weniger, wenn sie von einer Leiharbeitsfirma kamen. Bei Facharbeitern betrug die Differenz 2 Euro.
  • Besonders die Einstiegsentgelte der untersten Lohngruppen seien "kaum als existenzsichernd anzusehen", analysiert der IAB-Forscher. So sieht der Tarifvertrag zwischen Christlichem Gewerkschaftsbund und der Mittelständischen Vereinigung der Zeitarbeitsfirmen für Ostdeutschland in der untersten Gruppe einen Einstiegslohn von 5,60 Euro vor. Das entspricht bei Vollzeitarbeit gerade 850 Euro im Monat.
  • Leiharbeitsplätze sind weniger sicher als andere: Nach einer IAB-Auswertung von Daten aus dem Jahr 2003 wurde in der Zeitarbeitsbranche jedes dritte Arbeitsverhältnis von der Arbeitgeberseite gekündigt. In der Gesamtwirtschaft war es nur jedes siebte.
  • Von den "Branchenriesen" abgesehen, ist der Leiharbeitssektor praktisch eine mitbestimmungsfreie Zone: Trotz intensiver Suche fand das IAB kein einziges mittleres oder kleines kommerzielles Verleihunternehmen mit Betriebsrat.
  • Weiterbildung ist in Verleihbetrieben deutlich seltener als in klassischen Unternehmen.

Leiharbeit sei "nach wie vor eine prekäre Form der Organisation von Arbeit", resümiert Promberger. Daran hätten die Tarifverträge bislang wenig geändert. Immerhin habe aber die Tarifierungsbewegung "diese Verhältnisse sichtbarer gemacht" und "in einer vorher weitgehend tariffreien Zone einen regulierungspolitischen Meilenstein" gesetzt, um künftig die Situation der Leiharbeitnehmer zu verbessern.


Quellen

Markus Promberger: Leiharbeit - Flexibilität und Prekarität in der betrieblichen Praxis, in: WSI-Mitteilungen 5/2006.


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