INTERVIEW 'Ich lasse mich nicht einschüchtern'

INTERVIEW Ex-Böckler-Stipendiat Najim Wali über seine Erfahrungen in Israel, den Boykott der arabischen Presse und die Rolle der Gewerkschaften im Friedensprozess


Das Gespräch führte FRANK ZIRPINS, Journalist in Köln. Foto: David Ausserhofer

Herr Wali, wie sind Sie als Schriftsteller mit irakischen Wurzeln auf die Idee gekommen, in das Land zu reisen, das in der ganzen arabisch-islamischen Welt das Böse verkörpert - nach Israel?
Ich war schon als Kind neugierig, was das für ein Land ist, das man als Feind bezeichnet. Nachdem ich den deutschen Pass bekommen hatte, habe ich bei jeder Gelegenheit versucht, dorthin zu fahren. Vor rund 15 Jahren gründete sich bei der Hans-Böckler-Stiftung eine Gruppe, die Austauschbesuche mit Israel organisierte. Aber die Teilnehmerzahl war begrenzt. Im Oktober 2006 lud mich Amatzia Baram, Historiker an der Universität Haifa, zur Konferenz "Quo vadis, Irak?" ein. Da habe ich mir gedacht, jetzt kommt der Moment. Ich habe meinen Verlag angerufen und denen erzählt: "Ich habe eine Einladung für eine Woche, aber das ist zu wenig, ich werde versuchen, auf eigene Kosten sechs Wochen durch das Land zu reisen. Es ist ein Abenteuer, aber vielleicht kommt ein Buch dabei heraus." Mein Verleger hat gesagt: "Bist du verrückt?" "Ja", habe ich gesagt, und er sagte: "Mach das."

Wie hat denn Ihr Umfeld reagiert, Ihre Familie, die im Irak lebt?
Meiner Familie habe ich am Anfang nichts davon erzählt. Später hat sie sich gefreut, weil sie sehr viel mit dem Arzt Dawud Gabbay verbindet, dem ich das Buch gewidmet habe. Gabbay war wie ein Freund für meinen Vater, er war mein Kinderarzt, und er war Jude. Dass ich hier sitze, das habe ich ihm zu verdanken. Ich hab als Kind fast einen Viertelliter Petroleum getrunken und fiel ins Koma. Gabbay hat mich gerettet. Diese Geschichte hat mich nach Israel gezogen. Ich wollte seine Spuren finden, die wir Ende der 60er Jahre in Bagdad verloren haben. Ich habe auf meiner Reise erfahren, dass er tatsächlich emigriert war und wenige Wochen vor meiner Ankunft in Israel gestorben war.

Man kann bei der Lektüre Ihres Buches den Eindruck gewinnen, dass Sie sehr begeistert von Israel sind, dem Land sind, das Sie bereist haben.
Ich bin begeistert von der Idee Israel, von der israelischen Gesellschaft. Wenn ich von Israel spreche, dann meine ich die Grenzen von 1967. Ich rede nicht vom Westjordanland oder dem Gazastreifen. Da hört Israel für mich auf. Das ist Besatzung, das verurteile ich. Ich bin für die Zweistaatenlösung. Was mich an der israelischen Gesellschaft fasziniert, ist die Frage: Wie haben Juden aus verschiedenen Kulturen der Welt es geschafft, einen funktionierenden, ja demokratischen Staat zu gründen? Und wie ist es auf der anderen Seite möglich, dass Länder mit einer jahrtausendealten Geschichte, wie Ägypten oder Irak, nicht in der Lage sind, einen funktionierenden Staat zu errichten?

Was hat Sie auf Ihrer Reise am meisten beeindruckt?
Am meisten hat mich die multikulturelle Gesellschaft in Haifa beeindruckt, wie junge Araber und Israelis zusammenleben. Es ist großartig, was sie dort erreicht haben. Das ist ein Modell, das für mich ein Vorbild ist.

Sie schreiben auch für die arabische, eher westlich orientierte Zeitung Al-Hayat. Wie sind die damit umgegangen, dass Sie nach Israel reisten?
Ich konnte in der Zeitung Al-Hayat über die Reise berichten, sie hat sich also liberal verhalten. Aber als mein Buch herauskam, war Schluss. Ich bin jetzt fast isoliert in der arabischen Welt. Kein Verlag wagt es, meine Bücher weiter zu drucken, und in den Zeitungen gibt es keinen Platz mehr für meine Texte. Die Angriffe, die ich erlebt habe, sind sehr hart, im Internet ist von Verrat die Rede.

Werden Sie bedroht?
Auf der Webseite des sogenannten Widerstandes im Irak - Anhänger der alten Baath-Partei und Al-Kaida-Leute - gibt es eine Art Abschussliste. Da bin ich auf den ersten Platz gerückt. Ich lasse mich davon aber nicht einschüchtern. Es gibt auf der anderen Seite viele junge Schriftsteller und junge Künstler, die sich solidarisieren, die das toll finden, was ich mache. Es ist eine Debatte entstanden, ob es richtig oder falsch ist, wie man mich jetzt behandelt für ein Buch, das nicht einmal auf Arabisch erschienen ist. Im Irak gibt es eine junge Kulturszene. Darunter ist auch das Magazin "Tattoo". Es hat jetzt drei Kapitel meines Buches veröffentlicht.

Bekommen Sie eigentlich auch Interviewanfragen aus dem arabischen Sprachraum?
Kaum. Anlässlich des Nahost-Besuches von US-Präsident Obama und seines Friedensaufrufs an die Muslime bin ich zu einer Diskussionsrunde bei dem Sender Al-Dschasira nach Katar eingeladen worden. Der Normalfall ist, dass ich angegriffen werde. Ein Beispiel: Ich habe mich kritisch zu einigen Songs der populären Sängerin Fairuz geäußert - obwohl ich zugleich ein Fan von ihr bin. Das war in Ägypten der Beginn einer Rufmordkampagne gegen mich. Die Schlagzeile war "Najem Wali: Ich liebe Israel, ich hasse Said und Fairuz".

Das ist ja wie bei einer Boulevardzeitung.
Ja, aber das war eine angesehene Zeitung - die wöchentliche Literaturzeitung "Akhbar al-Adab", das wichtigste Literatur-Blatt. Das war eine Aktion des Chefredakteurs, Gamal al Ghitaty. Er ist ein bekannter Schriftsteller, dessen Bücher auch auf Deutsch erscheinen.

Sollten sich die Nachbarstaaten Israels mehr damit beschäftigen, eigene Demokratien aufzubauen, statt sich am Feindbild Israel abzuarbeiten?
Selbst wenn die Palästinenser ihr Problem mit Israel lösen, werden viele arabische Staaten diesen Weg nicht mitgehen. Arafat hat das Abkommen von Oslo unterschrieben, aber Assad, Ghaddafi und Saddam Hussein haben es abgelehnt. Denn sie wussten, dass ihre Regierungen nicht an der Macht bleiben werden, wenn es einen Frieden gibt.

Wie soll in einem zukünftigen Palästina eine demokratische Führung heranwachsen, die auf Augenhöhe mit Israel ist?
Erstmal muss Israel den Palästinenser-Präsidenten Mahmud Abbas unterstützen. Sonst verlieren sie einen glaubwürdigen Veteranen, der wirklich für den Frieden gekämpft hat. Ich bewundere diesen Mann. Israel muss ihn durch Taten unterstützen. So kann man auch demokratisches Verständnis bei den Palästinensern schaffen. Was den rechten Vormarsch in Israel angeht: Ich habe 23 Jahre in Hamburg gelebt, das war jahrelang eine sozialdemokratische Stadt. Auf einmal war Ronald Schill da, mit 20 Prozent. Ist Hamburg deswegen pseudofaschistisch geworden?

Sie waren in den 90er Jahren Böckler-Stipendiat. Wie wichtig war das für Sie?
Es hat mir sehr geholfen. Ich war Mitte der 90er Jahre in einer Stipendiaten-Gruppe unter der Leitung von Wolfgang Nitsche, die in die ehemaligen sozialistischen Länder gefahren ist. In Bosnien-Herzegowina war nicht immer klar, auf welcher Seite man sich bewegte. Im Büro der moslem-feindlichen Karadzic-Partei, haben mich alle angeschaut und gefragt, wer ich bin. Ich habe gesagt, ich schreibe für die arabische Zeitung Al-Hayat. Das hat mir gezeigt, dass man alles machen kann, wenn man seine Angst überwindet.
 
Welchen Beitrag können deutsche Gewerkschaften für den Friedensprozess im Nahen Osten leisten?
Die deutschen Gewerkschaften könnten ein Treffen organisieren, bei dem man Palästinenser und Israelis oder Araber und Israelis zusammenbringt. Im Irak ist es jetzt erlaubt, nach Israel zu reisen, ein Abgeordneter hat das erstritten. Bei uns gibt es keinen Dialog, kein Vertrauen. Deshalb haben sie Angst voreinander. Und Angst baut man ab, indem man miteinander redet.

Aber wer soll für wen sprechen, wer soll die Gespräche führen?
In den ehemaligen Ostblock-Staaten hat es gut funktioniert, einfach Vertreter aller Parteien zu treffen. Man muss nicht gleich den irakischen Gewerkschaftschef treffen. Der hat vielleicht noch Angst, dass er nicht wiedergewählt wird. Aber man kann einen regionalen Gewerkschafter aus Basra im Südirak einladen oder einen aus Mossul im Norden. Man hat Vertrauen zu den deutschen Gewerkschaften, das weiß ich aus Erfahrung. Wenn einmal jemand kommt und damit seine Angst vor einem Gespräch mit Israelis abbaut, dann kann er das weitervermitteln. Ich würde als Ex-Stipendiat gerne bei so einem Projekt mitwirken.


ZUR PERSON

Der Journalist, Schriftsteller und Böckler-Stipendiat Najem Wali wurde 1956 in Basra im Irak geboren. 1980 floh er vor dem Militärdienst, der den sicheren Einsatz gegen die iranischen Truppen bedeutet hätte, nach Deutschland. 2007 reiste er zu einer Tagung nach Israel und erkundete sechs Wochen lang das Land. Über seine Erlebnisse hat er 2009 im Hanser-Verlag das Buch "Reise in das Herz des Feindes - Ein Iraker in Israel" veröffentlicht. Wali lebt und arbeitet derzeit in Berlin.

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