Achillesferse einer Zukunftsbranche

GESUNDHEITSWIRTSCHAFT Der Gesundheitssektor wird in den nächsten Jahren enorm wachsen, sagen Experten voraus. Doch Fachkräftemangel und schlechte Arbeitsbedingungen könnten die allseits gehegten Hoffnungen untergraben.


Von Josef Hilbert und Michaela Evans. Hilbert ist Direktor des Forschungsschwerpunkts Gesundheitswirtschaft und Lebensqualität am Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen, Evans dort wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Die Erwartungen sind groß: Wenn die wissenschaftlichen Prognosen stimmen, dann gehen vom Gesundheitssektor in den kommenden Jahren nachhaltige Impulse für Wirtschaft und Beschäftigung aus. Gesundheit nicht mehr als "Last", sondern als "Chance" für die Ökonomie - dieser Perspektivenwechsel ist keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern er stützt sich auf eine Reihe von grundlegenden Überlegungen und Analysen: Bereits heute ist die Gesundheitswirtschaft die größte Wirtschaftsbranche in Deutschland.

Dazu zählen nicht nur Ärzte, Krankenhäuser und Altenheime. Gesundheit ist auch ein wichtiger Motor für eine Reihe von Zulieferern - etwa aus der Medizintechnik - und benachbarten Wirtschaftsbereichen, etwa gesunde Ernährung und Wellness. Insgesamt arbeiten in der Gesundheitswirtschaft mittlerweile mehr als 4,5 Millionen Menschen. Verschiedene Studien zur Zukunft der Arbeit - etwa von der Prognos AG oder auch vom Institut Arbeit und Technik (IAT) - rechnen damit, dass der Gesundheitssektor auch in Zukunft viele zusätzliche Arbeitsplätze bringen wird.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) prognostiziert für das Gesundheitswesen bis zum Jahr 2025 einen Beschäftigungsgewinn von rund einer Million neuer Arbeitsplätze in Deutschland. Das Altern der Gesellschaft, der medizinisch-technische Fortschritt sowie ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein breiter Bevölkerungsschichten lassen den Bedarf nach Angeboten zur Gesunderhaltung und Heilung steigen. Deutschlands wirtschaftliche Zukunft wird zudem in erheblichem Maße von Erfolgen bei den Hochtechnologien abhängen, vor allem bei der Molekularbiologie und der Nanotechnologie. Deren wichtigste Anwendungen liegen im Gesundheitsbereich.

HOFFNUNGSTRÄGER GESUNDHEITSREGION_ Zahlreiche Bundesländer setzen auf den Wachstumsfaktor "Gesundheit". Zu den Ersten, die sich in diesem Sinn engagiert haben, gehören die Regionen Erlangen-Nürnberg und Ostwestfalen-Lippe; nachgezogen haben Ballungsräume wie die "Metropole Ruhr", Berlin und Hamburg. Innovative Gesundheitsangebote sollen die regionale Wirtschaft stärken, dazu beitragen, die private Nachfrage auszubauen, und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

Die Gesundheitsregionen setzen je unterschiedliche Schwerpunkte: Berlin versteht sich in erster Linie als wissenschaftsgestützte Gesundheitsregion, setzt auf Forschung und Entwicklung mit dem Fokus auf molekularer Medizin. Einen ähnlichen Schwerpunkt haben München und Hamburg gelegt. In Erlangen-Nürnberg spielt hingegen das Thema Medizintechnik eine große Rolle. Im Ruhrgebiet sind die Aktivitäten sehr vielfältig: Sie reichen von der Modernisierung der Kliniklandschaft, der Medizintechnik und Biotechnologie über Gesundheitsförderung bis zu neuen Ansätzen integrierter Versorgungsformen.

In NRW werden auch Firmengründungen und -ansiedlungen rund um das Thema Gesundheit gezielt begleitet und internationale Kooperationen in der Gesundheitswirtschaft ausgebaut. Dagegen sind im Unterallgäu - etwa in Bad Wörishofen - Prävention und Naturheilverfahren sowie der Gesundheitstourismus große Themen. Auf Kur, Reha, Gesundheits- und Seniorentourismus setzt auch die Gesundheitswirtschaft in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Ostwestfalen-Lippe. Allen drei Regionen ist gemeinsam, dass es sich um traditionelle Kur- und Reha-Zentren handelt, die ihre bisherige Basis zukunftsfest machen und durch neue Angebote ergänzen wollen.

VORAUSSETZUNGEN FEHLEN_ Die Aufbruchstimmung darf allerdings über eins nicht hinwegtäuschen: Vielfach fehlen die Voraussetzungen für ein nachhaltiges Wachstum des Gesundheitssektors - vernünftige Arbeitsbedingungen und entsprechende Qualifizierung. Was von den Befürwortern des Gesundheitsbooms als erfolgreiche Modernisierung propagiert wird, erleben die Beschäftigten vor Ort vielfach als Leistungsverdichtung oder Entwertung von Berufen.

Der Gesundheitssektor steht unter erheblichem Modernisierungsdruck: Er muss die Qualität und die Wirtschaftlichkeit der vorhandenen Angebote weiter erhöhen und neue, bedarfsgerechte Angebote entwickeln. Der wirtschaftliche Druck, bedingt vor allem durch die Einführung von Fallpauschalen, beeinflusst nachhaltig die gewachsenen Strukturen der Arbeitsteilung. Arbeitsabläufe und Tarifstrukturen stehen durch trägerübergreifende Fusionen und Kooperationen zunehmend auf dem Prüfstand.

Der Gesundheitssektor ist zudem gefordert, das Spannungsverhältnis zwischen regionaler Modernisierung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu gestalten. Zwar ist Gesundheit nach wie vor ein Gut mit hoher lokaler Bindung; gleichwohl rechnen Experten für die kommenden Jahre mit einem Zusammenwachsen von nationaler und internationaler Gesundheitsversorgung in den EU-Ländern sowie mit einer stärkeren Wettbewerbsorientierung.

Der Gesundheitssektor ist auf Fachkräfte angewiesen, wenn er dauerhaft hochwertige Dienstleistungen entwickeln und anbieten will. Bereits heute herrscht in Deutschland ein akuter Fachkräftemangel in zentralen Gesundheitsberufen. Und künftig ist mit einem steigenden Arbeitskräftebedarf zu rechnen - bei einem gleichzeitig demografisch bedingten Rückgang des Arbeitskräfteangebots.
Ursachen für den Fachkräftemangel im Gesundheitssektor sind sinkende Ausbildungszahlen, unattraktive und belastende Arbeitsbedingungen, empfundene Statusverluste sowie - im Vergleich zu anderen Fachberufen - niedrige Löhne.

Hinzu kommen unzureichende Möglichkeiten, die Berufs- und Karriereplanung individuell zu gestalten. Zahlreiche Studien zur Arbeitsbelastung im deutschen Gesundheitssektor belegen: Die Verknappung des Fachkräfteangebots ist längst nicht mehr nur ein Problem der Pflege, zunehmend gibt es Nachwuchsprobleme im medizinischen Bereich, viele wechseln den Beruf, nicht wenige junge Ärzte wandern ins Ausland ab. Hinzu kommt eine Überalterung der aktiven Ärzteschaft.

Der Anspruch, "einfach gute Arbeit" leisten zu wollen, erscheint angesichts der hohen Arbeitsbelastung für viele Beschäftigte nur noch bedingt einlösbar (siehe Grafik). Aufgrund gestiegener Patientenzahlen, die weniger Tage im Krankenhaus verweilen, hat sich die Arbeitbelastung in den letzten Jahren weiter verschärft. Seit der Einführung der Fallpauschalen wurde vor allem kurzfristig das Pflegepersonal reduziert. Innerbetriebliche Monitoringsysteme, welche die mittelfristigen Auswirkungen des Personalabbaus für Arbeitsabläufe und -qualität nachzeichnen, sind die Ausnahme.

Die Folgen: eine Zunahme psychischer und physischer Erkrankungen, mehr frühzeitige Berufsausstiege und Arbeitgeberwechsel sowie Image- und Qualitätsverluste der Einrichtungen. Die bisherige Arbeitsteilung der Berufsgruppen erweist sich zunehmend als Engpass für die Bewältigung komplexer Anforderungen, die sich aus medizinischen Innovationen oder dem demografischen Wandel ergeben. Wie aber könnte eine neue Aufgabenteilung der einzelnen Berufsgruppen aussehen?

Zur Diskussion stehen die Übertragung bislang ärztlicher Tätigkeiten auf pflegerische Berufsgruppen, die Einführung neuer Berufe sowie die Ausbildung nicht-ärztlicher Berufsgruppen auch durch die Universitätsklinika. Es gilt, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie gestaltet sich zukünftig das Zusammenspiel der Berufsgruppen in der Gesundheitsversorgung - von Angelernten bis zu Akademikern? Welche Auswirkungen ergeben sich für die Tarifsysteme? Wie können nationale und internationale Herausforderungen in der Versorgung durch eine integrierte Reform der beruflichen Bildung gemeistert werden?

Auf betrieblicher Ebene - etwa in den Kliniken - ist darüber hinaus eine enge Verzahnung von Organisations- und Personalentwicklung anzustreben. Hier besteht derzeit jedoch noch erheblicher Nachholbedarf. Obwohl in den vergangenen Jahren in zahlreichen Einrichtungen ein Wandel vom Verwaltungs- zum Managementparadigma vollzogen wurde, konnte dies bislang nur bedingt zur Verbesserung der Personalarbeit selbst beitragen. Hier müsste systematisch Personalentwicklung betrieben werden.

LÄNGER, GESÜNDER, BUNTER_ Das Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung nimmt in den nächsten Jahren deutlich zu, auch in der Pflege, wobei es durchaus stark variiert: So ist in den Krankenhäusern aktuell jede zehnte Pflegekraft älter als 50 Jahre, in den Pflegeheimen fast jede vierte. Damit ergibt sich die Anforderung, die Beschäftigten möglichst lange im Beruf zu halten und frühzeitig in den Nachwuchs zu investieren. Dieser Nachwuchs - insbesondere die weiblichen Beschäftigten - ist aber nicht geneigt, schlechte Arbeitsbedingungen auf Dauer hinzunehmen.

Der Konflikt Arbeit-Familie ist eine der wichtigsten Ursachen, warum viele ihren Beruf verlassen oder den Wiedereinstieg nach Familienpausen nicht schaffen. Für eine "moderne Arbeit" im Gesundheitswesen ist daher ein grundlegender Perspektivwechsel nötig: vom traditionellen Arbeitsschutz zu gesundheitserhaltender und -fördernder Arbeitsgestaltung. Die Herausforderung an dieser Stelle lautet, zukünftig das "länger, gesünder und bunter Arbeiten" zu ermöglichen.

Die schlechte Nachricht ist: Die Modernisierung drängt. Die Arbeitgeber im Gesundheitswesen müssen sich zukünftig auf einen verschärften Wettbewerb um qualifizierte Arbeitnehmer/-innen einstellen. Wenn bei der Arbeitsgestaltung keine Fortschritte erzielt werden, besteht die Gefahr, dass der Fachkräftemangel sich in Zukunft weiter verschärft und der Gesundheitssektor Personal an andere Branchen verliert. Eine nachhaltige Arbeitspolitik für den Gesundheitssektor muss sicherstellen, dass die Beschäftigten zukünftig gerne und lange in ihrem Gesundheitsberuf arbeiten möchten.

Die gute Nachricht ist: Zahlreiche Regionen und Einrichtungen haben bereits neue Wege für eine moderne Arbeitsgestaltung beschritten, wie etwa die "Initiative Neue Qualität der Arbeit" (INQA), an der auch die Hans-Böckler-Stiftung, der DGB und einzelne Gewerkschaften beteiligt sind, oder die Initiative "GAbi" (Gestaltung altersgerechter Arbeitsbedingungen in Krankenhaus und Altenheim) in Schleswig-Holstein.

Darüber hinaus existieren auch branchenübergreifende Initiativen - etwa das Audit "berufundfamilie" der Hertie-Stiftung, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - , welche in den letzten Jahren innovative Ansätze zur Arbeitsgestaltung im Gesundheitswesen befördert haben. Die Aktivitäten haben gezeigt, wie Arbeit und Qualifizierung von der Achillesferse zum Innovationsmotor für den Gesundheitssektor werden können.

Die wissenschaftlichen Analysen liegen vor; gute Ideen und Lösungen sind ebenfalls vorhanden. Jetzt wird es darauf ankommen, die bestehenden Ansätze zusammenzuführen und den nationalen wie internationalen Dialog der Einrichtungen über innovative Lösungen zu unterstützen. Das kürzlich gegründete "Netzwerk Deutsche Gesundheitsregionen e.V.", in welchem sich zahlreiche Bundesländer mit ihren Akteuren der Gesundheitswirtschaft engagieren, könnte für diesen Modernisierungsdialog die geeignete Plattform sein.

Mehr Informationen

Stephan von Bandemer: VERBESSERUNG VON QUALITÄT; WIRTSCHAFTLICHKEIT UND ARBEITSBEDINEUNGEN IN KRANKENHÄUSERNerbesserung von Qualität, Wirtschaftlichkeit und Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern, in: Badura, B./Schellschmidt, H./Vetter, C.: Gesundheitsmanagement in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2005, S. 125-139

Bernard Braun/Rolf Müller/Andreas Timm: GESUNDHEITLICHE BELASTUNGEN, ARBEITSBEDINGUNGEN UND ERWERBSBIOGRAFIEN VON PFLEGEKRÄFTEN IM KRANKENHAUS. Eine Untersuchung vor dem Hintergrund der DRG-Einführung, GEK (Hrsg.): Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 32, Asgard-Verlag, St. Augustin 2004, 262 Seiten

H. M. Hasselhorn/B. H. Müller: ARBEITSBELASTUNG UND -BEANSPRUCHUNG BEI PFLGEPERSONAL IN EUROPA - ERGEBNISSE DER NEXT-STUDIE, in: Badura, B./Schellschmidt, H./Vetter, C. (Hg.): Gesundheitsmanagement in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2005, S. 21-47

Rolf G. Heinze/Katja Fox/Josef Hilbert/Christa Schalk: REGIONALE INNOVATIONS- UND QUALIFIZIERUNGSSTRATEGIEN IN DER MEDIZINTECHNIK, Abschlussbericht für die Hans-Böckler-Stiftung, Bochum/Gelsenkirchen 2007, 196 Seiten

Josef Hilbert/Michaela Evans: DIE GESTALTUNG VON ARBEIT UND QUALIFIZIERUNG. SCHLÜSSELHERAUSFORDERUNG UND ACHILLESFERSE FÜR DIE ZUKUNFT DER GESUNDHEITSWIRTSCHAFT, in: Pundt, J. (Hrsg.): Professionalisierung im Gesundheitswesen. Positionen - Potenziale - Perspektiven, Verlag Hans Huber, Bern 2006, S. 193-212

INQA - Initiative Neue Qualität der Arbeit (Hrsg.): FÜR EINE QUALITÄT DER ARBEIT IN DER PFLEGE. LEITGEDANKEN EINER GESUNDEN PFLEGE. Memorandum, Dortmund 2007, 36 Seiten

Netzwerk Deutsche Gesundheitsregionen e.V.: http://www.agentur-wok.de/

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