Familienunternehmen brauchen Leitfiguren

BETRIEBE Vielfach machen Betriebe viel Wind um ihre vermeintliche Familienfreundlichkeit, tatsächlich tun sie das Gegenteil, wenn sie die Arbeitszeiten ständig verlängern. Die WestLB zeigt, dass es auch anders geht.


Von Frank Zirpins, Journalist in Köln

Deutschland entdeckt die Familie neu. Die Politik gibt sich große Mühe, Defizite bei der Familienfreundlichkeit aufzuholen. Eine Ganztagesbetreuung für Kleinstkinder soll künftig berufstätigen Eltern die Rückkehr in den Job erleichtern. Eine geteilte Elternzeit soll Paare animieren, gemeinsam für den Nachwuchs zu sorgen. In den meisten Paarbeziehungen hat längst eine Abkehr von den klassischen Rollenmodellen stattgefunden. Doch ist das auch in den Unternehmen angekommen?

"Ja, aber in unterschiedlichem Maß", antwortet Edeltraud Glänzer, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG Bergbau, Chemie, Energie. Sie betreut das Projekt "Familienbewusste Personalpolitik - Eltern sind Leistungsträger" und befürwortet den Paradigmenwechsel in der Familienpolitik. "Unsere Beobachtung ist, dass sich immer dort, wo es aktive und engagierte Betriebsrätinnen und Betriebsräte gibt, viel getan hat", sagt Glänzer.

VOLLZEITNORM IST HINDERLICH_ Für einen neuen Standard bei den Arbeitszeiten spricht sich auch Christina Klenner von der Hans-Böckler-Stiftung aus. Kernproblem ist für sie die traditionelle Norm der lebenslangen Vollzeitarbeit. De facto aber lebt nur noch ein Viertel der Paare in Westdeutschland in der so genannten Hausfrauenehe, in Ostdeutschland sind es gerade noch acht Prozent, wie das WSI herausfand.

WSI-Referatsleiterin Klenner kommt zu dem Schluss, dass die faktischen Arbeitszeitverlängerungen der vergangenen Jahre dazu beigetragen haben, die Geschlechterungerechtigkeit bei den Arbeitszeiten zu erhalten. Denn Frauen müssen sich häufig zwischen Vollzeit und Teilzeit entscheiden. Zeitgewinn geht daher oft mit Karriereverzicht und wirtschaftlicher Benachteiligung einher. Die Autorinnen engagieren sich deshalb für ein familien- und gleichstellungsorientiertes Arbeitszeitkonzept, in dem Unternehmen und Politik stärker auf Arbeitnehmer abstellen, die eben nicht ausschließlich Vollzeit zur Verfügung stehen.

Die Möglichkeiten, den Betrieb familienfreundlich zu gestalten, haben Elisabeth Botsch, Christiane Lindecke und Alexandra Wagner untersucht. In ihrer Böckler-Studie zeigen sie, dass der Begriff "Familienfreundlichkeit" in der deutschen Wirtschaft sehr weit gefasst ist. Die Autorinnen fanden Modelle, die von Hilfen für Mütter bis zu ausdifferenzierten Konzepten zur "Work-Life-Balance" reichten, und tragen in zehn Fallstudien die Möglichkeiten und Folgen familienorientierter Personalpolitik zusammen.

Drei Typen von Betrieben haben die Autorinnen dabei ausfindig gemacht: Manche Unternehmen sehen Familienfreundlichkeit als Bonus, andere als Kompensation, die dritte Gruppe als Mittel zur Gleichstellung der Geschlechter. So werden im ersten Typ Probleme, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, individuell gelöst. In erster Linie sollen damit wichtige Mitarbeiter an das Unternehmen gebunden, untertarifliche Gehälter ausgeglichen oder das Image gepflegt werden. Häufig wird hier Müttern nach der Elternzeit ein Abfindungsangebot gemacht.

Im zweiten Typ werden Phasen familiärer Sorge als zeitlich begrenzte Ausnahmen von der Regel gesehen. Für diesen Zeitraum werden Möglichkeiten der Kompensation geboten, etwa Tele- oder Teilzeitarbeit. Häufig müssen die Betroffenen diese Leistungen individuell einfordern. Der dritte Typ schließlich sieht in einer familienorientierten Ausrichtung eine Möglichkeit, Abschied von alten gesellschaftlichen Leitbildern zu nehmen. Mit Mentoring und Frauenförderplänen werden in diesen Unternehmen gezielt auch Frauen angesprochen, die Karriere machen wollen.

WIE GUT IST DAS GÜTESIEGEL?_ Der Grad an Familienfreundlichkeit eines Unternehmens lässt sich in einem gewissen Maße durch Gütesiegel ablesen. Die gemeinnützige Hertie-Stiftung etwa bietet ein Audit - eine externe Prüfung - "Beruf und Familie" an. Nach Eigendarstellung unterstützt es "Unternehmen, eine familienbewusste Personalpolitik nachhaltig umzusetzen", und versteht sich als "das strategische Managementinstrument zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie".

In der Böckler-Studie allerdings schnitten keineswegs die auditierten und zertifizierten Betriebe am besten ab. Die Autorinnen fanden heraus, "dass das Interesse an öffentlicher Präsentation der familienfreundlichen Betriebspolitik allein noch keine Gewähr dafür ist, dass tatsächlich nutzer/-innenfreundliche Angebote geschaffen werden". Die Zertifizierung schaffe allerdings Anreize, das Thema überhaupt erst anzugehen.

17 Prozent der auditierten Unternehmen kamen nach Angaben der Böckler-Stiftung 2007 aus der Chemiebranche. Als Vorzeigebetrieb gilt dabei die B. Braun in Melsungen. Der Betriebsrat hat mit dem Vorstandsvorsitzenden Ludwig Braun eine Vereinbarung zur Familienteilzeit abgeschlossen, die von Müttern und Vätern in Anspruch genommen werden kann.

"Die Familienteilzeit soll unsere Beschäftigten dazu motivieren, möglichst schnell in das Berufsleben zurückzukehren, um den Anschluss nicht zu verlieren", sagt Braun, der auch Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages ist. In dieser Phase des Erwerbslebens beträgt die Arbeitszeit 50 Prozent, die Vergütung wird jedoch aufgestockt: 15 Prozent gibt es beim ersten Kind, 25 Prozent bei jedem weiteren.

Auch Betriebsrätin Doris Pöllmann findet das Vorgehen ihres Betriebes B. Braun vorbildlich. Man habe schon frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt. "Angesichts des demografischen Wandels werden wir nur weiterkommen, wenn wir die Beschäftigten nach einer Pause so schnell wie möglich wieder holen." Dringend benötigte, hoch qualifizierte Fachkräfte können so an das Unternehmen gebunden werden. "Wir vermeiden auf diese Weise Überbrückungs-, Fluktuations- und Wiedereingliederungskosten", sagt Braun.

"Frauen sind heute besser qualifiziert als je zuvor und haben hier längst mit den Männern gleichgezogen. Das aber spiegelt sich derzeit weder in den Arbeitsmarktdaten noch in der betrieblichen Beschäftigungssituation wider", sagt BCE-Vorstandsfrau Edeltraud Glänzer. Perspektivisch planende Unternehmen hätten dies erkannt und bauten dem Fachkräftemangel in Form von innovativen Konzepten vor.
Doch längst nicht alle Unternehmen sehen das so.

Glänzer verweist darauf, dass häufig Kostenargumente und Umstrukturierungen oder Personalabbau gegen eine familienfreundliche Ausrichtung eines Unternehmens ins Feld geführt werden. Umfragen hätten aber "mittel- und langfristige positive betriebswirtschaftliche Effekte nachgewiesen". Daher müssten Betriebsräte das Thema auf ihre Agenda setzen und individuell handeln: "Optimal ist das, was den Beschäftigten den besten Nutzen bringt", resümiert Glänzer. Die angestoßenen Projekte, die in der IG BCE-Kampagne "Eltern sind Leistungsträger" zusammengefasst wurden, seien äußerst vielfältig:

"Das kann zum Beispiel bei Eurawasser in Rostock der Tarifvertrag sein, der verschiedenste Maßnahmen bündelt und unter dem Stichwort demografischer Wandel zusammenfasst. Bei Büsing und Fasch in Oldenburg sind es die KiTa und das Unternehmensleitbild, bei InfraLeuna das Servicebüro, das alle Beschäftigten berät und unterstützt und so angelegt ist, dass es auch auf andere Standorte übertragbar ist." Prägend für fortschrittliche Familienleitbilder sind engagierte Personen im Betrieb, sagen die Wissenschaftlerinnen, die den familienfreundlichen Betrieb untersucht haben. Seltener seien es die Beschäftigten selbst, die ihre Wünsche und Vorschläge äußerten.

BEWÄHRUNGSPROBE BEI DER WESTLB_ Häufig ist die Familienfreundlichkeit für die Unternehmensleitung nur ein "Schönwetterthema". Wenn es hart auf hart kommt, muss sich das Leitbild bewähren, so wie derzeit bei der WestLB. Durch Fehlspekulationen in die Krise geraten, steht die Bank vor einem großen Personalabbau - 1350 der rund 5900 Stellen sollen in den kommenden zwei Jahren wegfallen. Für die Betriebsratsvorsitzende Doris Ludwig ist die aktuelle Situation die Nagelprobe: "Jetzt entscheidet sich, wie familienfreundlich die WestLB wirklich ist. Wenn sie es mit ihren Angeboten ernst meint, dann müssen die auch in schwierigen Zeiten gelten."

Die Angebote, das sind ein Anrecht auf Teilzeitarbeit für Eltern und die Möglichkeit zu Telearbeit. Ein Mentoring-Programm unterstützt zudem gezielt weibliche Nachwuchskräfte. Die flexiblen Arbeitszeitmodelle werden auch von Kolleginnen und Kollegen genutzt, die alternative Arbeits- und Lebensmodelle für sich geschaffen haben und etwa nicht mehr täglich nach Düsseldorf pendeln wollen. Hinzu kommt ein Kontingent von 25 Plätzen, das die WestLB in einem nahe gelegenen Kindergarten subventioniert.

Zudem können die Mitarbeiter kostenlos das Beratungsangebot des bundesweiten "PME-Familienservice" nutzen, der Au-Pair-Kräfte, KiTa-Plätze oder kurzfristigen Ersatz beim Ausfall der Kinderbetreuung bietet. Die Dienstleistung muss dann natürlich bezahlt werden.
Christine Parbs, Leiterin Grundsatzfragen/Diversity bei der WestLB, hofft, dass diese Sozialleistungen der Bank nicht gefährdet sind. "Derzeit werden alle Angebote aufrecht erhalten", so Parbs.

Auch Betriebsratsvorsitzende Ludwig, die selbst Diversity-Beauftragte der WestLB war und eine Auditierung des Unternehmens angestoßen hat, erinnert sich: "Bei früherem Stellenabbau hat das Unternehmen seine Familienfreundlichkeit nicht zur Disposition gestellt."
So besteht bei den Düsseldorfern Hoffnung, dass auch das nächste Projekt doch noch zustande kommt: Mit einer fortschrittlichen Kindertagesstätte in Banknähe will man auch ein Betreuungsangebot für den jüngsten Nachwuchs offerieren. Zehn konkrete Zusagen werden für das Projekt benötigt, berichtet Personalerin Parbs.

Kurzfristig wollten sich aber nur drei Mitarbeiter verbindlich anmelden. "Viele Pendler nutzen eher die Angebote in Wohnortnähe", vermutet Parbs. Betriebsrätin Ludwig allerdings gibt zu bedenken, dass bislang noch wenig betriebsinterne Werbung für die Kindertagesstätte gemacht wurde. "Und außerdem sind die Plätze so teuer, dass sich das nicht jeder WestLB-Mitarbeiter leisten kann." Dieses Problem kennen viele Eltern, die einen frühen beruflichen Wiedereinstieg wollen: Häufig geht ein Elternteil nur arbeiten, um die hohen Kosten der Kinderbetreuung zu finanzieren.

Abhilfe kann in kleineren Unternehmen das Förderprogramm "Betrieblich unterstützte Kinderbetreuung" des Bundes-Familienministeriums schaffen. Wer in Betrieben mit bis zu 1000 Angestellten zusätzliche Betreuungskapazitäten für Mitarbeiterkinder unter vier Jahren schafft, bekommt die Hälfte der Kosten aus Mitteln des europäischen Sozialfonds ersetzt. Das Maximum liegt bei 6000 Euro pro Platz. Ministerin Ursula von der Leyen nennt das Programm einen wichtigen "Schritt, um Familienfreundlichkeit als Markenzeichen der deutschen Wirtschaft zu etablieren".

Familienfreundlichkeit, das beinhaltet auch die Sorge um Ältere. Denn angesichts einer alternden Gesellschaft wird nicht nur der Nachwuchs immer wichtiger, sondern auch der Umgang mit Älteren und die Betreuung Pflegebedürftiger. Die Pflege von Angehörigen wird zunehmend eine Balance von Beruf und Familie erfordern - auch ein Ergebnis des WSI-Diskussionspapiers "Jenseits von Zeitnot und Karriereverzicht". Die Unternehmen reagieren darauf: So hat die WestLB das Beratungsangebot des PME-Familienservice auch auf den Bereich "Eldercare" ausgeweitet.

Auch bei der Pflege von Angehörigen greifen die Teilzeitmodelle. Bei der B.Braun in Melsungen umfasst die Familienteilzeit ebenfalls die Pflege von Angehörigen, auch hier gilt der Aufstockungsbetrag des Arbeitgebers von 15 Prozent des Gehaltes. "Wir müssen in Zukunft auch verstärkt auf altersgerechtes Arbeiten achten", so Betriebsrätin Doris Pöllmann. "Jung und Alt müssen zusammenarbeiten, doch angesichts der Rente mit 67 bekommen wir es in Zukunft auch mit immer älteren Arbeitnehmern zu tun." Die Familienfreundlichkeit von Betrieben steht vor etlichen Herausforderungen.

Mehr Informationen

Christina Klenner/Svenja Pfahl: JENSEITS VON ZEITNOT UND KARRIEREVERZICHT - WEGE AUSDEM ARBEITSDILEMMA. Analyse der Arbeitszeiten von Müttern, Vätern und Pflegenden und Umrisse eines Konzeptes, WSI-Diskussionspapier Nr. 158, Düsseldorf, Januar 2008

Elisabeth Botsch/Christiane Lindecke/Alexandra Wagner: FAMILIENFREUNDLICHER BETRIEB. Einführung, Akzeptanz und Nutzung von familienfreundlichen Maßnahmen. Eine empirische Untersuchung. Edition der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 193, Düsseldorf, 2008

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