PORTRÄT 'Es hat sich dennoch gelohnt'

Wie Günter Reppien, Konzernbetriebsratschef und dreifacher Aufsichtsrat beim Energiekonzern RWE, seine Mitarbeit in der Biedenkopf-Kommission erlebte. Mit ihm sprach Stefan Scheytt.



Von Stefan Scheytt
Der Autor arbeitet als freier Journalist in Tübingen.

Er hat drei Büros, zwei Sekretärinnen und einen persönlichen Referenten. Seinen silbernen Dienstwagen steuert ein Fahrer, der in Notfällen das Blaulicht aufs Dach pflanzt. Ein Foto von ihm mit Angela Merkel und Jürgen Rüttgers kam schon drei Mal im "Spiegel". Und im Sommer 2005 bat ihn Gerhard Schröder schriftlich um Hilfe. Aber mit leiser Stimme sagt Günter Reppien nein, er sei nicht mächtig und sowieso alles andere als ein Machtmensch.

Günter Reppien war Mitglied der "Kommission zur Modernisierung der deutschen Unternehmensmitbestimmung", bekannter unter dem Namen Biedenkopf-Kommission, eingesetzt noch von der Regierung Schröder kurz vor deren Ende. Auf einer Veranstaltung rief ihm Angela Merkel im Vorbeigehen zu: "Sie gehören also auch zu denen, die zu keinem Ergebnis kommen wollen." Das war, als sich abzeichnete, dass die Kommission keinen gemeinsamen Abschlussbericht vorlegen würde. Wenige Monate später kam es genau so, und die Zeitungen schrieben, das Gremium aus jeweils drei Wissenschaftlern, Gewerkschaftern und Wirtschaftsverbandsvertretern sei "gescheitert".

"Man kann das natürlich so bewerten", sagt Günter Reppien leise, "aber die Arbeitgeberverbände wollen eben keine moderaten Reformschritte nach vorn machen, sie wollten den großen Schritt zurück und die paritätische Mitbestimmung kippen." In der letzten Sitzung sei es fast zum Eklat gekommen, als die drei Arbeitgeber-Vertreter den Wissenschaftlern erklärten, sie könnten sich nicht zum Berichtsentwurf äußern, solange nicht ihrer grundlegenden Forderungen nach Drittelbeteiligung entsprochen werde. "Ich denke, die Arbeit in der Mitbestimmungskommission", sagt Reppien, "hat sich dennoch gelohnt."

Reppien - braune Jeans, Cordjackett, kariertes Hemd und eine Krawatte mit vormodernen Farben - sitzt im Vorzimmer seines Büros in Essen in der gläsernen Zentrale des RWE-Konzerns, neben ihm sein Referent. Reppien residiert hier in seiner Funktion als Vorsitzender des Konzernbetriebsrats, aber sein Büro sieht so unbelebt aus, wie es tatsächlich ist. Denn einen Großteil seines 14-Stunden-Tags verbringt Reppien im Auto, 100 000 Kilometer legt er im Jahr zurück.

Am Morgen ist er aus Lingen im Emsland angereist, 140 Kilometer entfernt, dort wohnt er, dort ist er Betriebsratschef der Kraftwerke Lingen, zu denen das Kernkraftwerk Emsland gehört. Sein drittes Büro hat er in Köln bei der RWE Power AG, der Stromerzeugungs-Tochter des Konzerns, deren Gesamtbetriebsratsvorsitzender ebenfalls Günter Reppien heißt.

Reppien, 55, geboren an dem Tag, als im Bundestag das Montan-Mitbestimmungsgesetz verabschiedet wurde, hat neben seinen drei Betriebsratsposten auch Sitz und Stimme in drei Aufsichtsräten: bei der RWE Holding, wo er mit ver.di-Chef Frank Bsirske im Aufsichtsrat sitzt, bei RWE Power - dort in einem Aufsichtsrat nach der Montanmitbestimmung - und bei den Stadtwerken Lingen, wo er - kurios - für den Anteilseigner RWE auf einem Ticket der Arbeitgeber im Gremium sitzt. Keine Frage, Günter Reppien ist ein Arbeitnehmer- und Mitbestimmungs-Multi. Einer, der nicht nur ver.di-Mann ist, sondern auch gute Beziehungen zur IG BCE hat, was ihn für diesen Job in der Biedenkopf-Kommission prädestinierte.

Der 1,90-Meter-Mann mit der sanften, gewinnenden Stimme eines Nachmitternachts-Radiomoderators führt zwar das Leben eines Managers und verbringt mit Managern einen Gutteil seiner Zeit - aber als "Co-Manager" will er nie und nimmer bezeichnet werden. Seinen Dienstwagen samt Fahrer empfindet der Elektrikermeister bis heute als zwiespältiges Privileg, den Widerstand dagegen gab er nur auf, weil er die Fahrzeit lesend und telefonierend als Arbeitszeit nutzen muss. "Im Laufe meiner Betriebsratszeit ist mir mehrfach der Posten eines Arbeitsdirektors angeboten worden", erzählt Reppien, "aber das ist nicht meine Welt, ich wäre in dieser Position sicher todunglücklich geworden. Ich war immer Arbeitnehmer und will das auch bleiben."

So verstand Reppien auch in der Biedenkopf-Kommission seine Rolle als die des Arbeitnehmervertreters, als "Praktiker, der erzählen kann, wie es in der Welt der mitbestimmten Unternehmen wirklich abläuft". So habe ihn auch Kurt Biedenkopf gesehen, immer wieder habe der Kommissionsvorsitzende gefragt: "Herr Reppien, wie ist denn Ihr Urteil als Betriebsrat und Mann der Basis?"

Als solcher war Günter Reppien - ganz im Sinne des Kommissionsauftrags - von Anfang an der Meinung, dass die Mitbestimmung durchaus modernisiert werden muss, vor allem bei der Beteiligung von Mitarbeitern ausländischer Konzerntöchter. "Wenn man sein Leben lang in der Mitbestimmung gelebt hat, fragt man sich schon: Kann es sein, dass eine bestimmte Gruppe grundsätzlich von der Mitsprache ausgeschlossen bleibt?"

Gerade die Erfahrung bei RWE, die sich mit riesigen Schritten von einem nationalen in ein europäisches Unternehmen verwandelt hat, bei dem zeitweise mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer außerhalb Deutschlands beschäftigt waren, lässt Reppien die Frage für sich klar beantworten: "Es passt nicht zu meinem Verständnis von Mitbestimmung, so viele Kollegen außen vor zu lassen. Europa wächst zusammen, und das muss sich auch in den Aufsichtsräten widerspiegeln."

Unumwunden gibt Reppien zu, dass es einfach ist, solch ein Bekenntnis abzugeben, aber schwierig, es umzusetzen; dass sein "guter Wille" und sein "gesunder Menschenverstand" an ihre Grenzen stießen, sobald die Wissenschaftler der Kommission mit den juristischen Feinheiten nationalen Rechts und europäischen Gemeinschaftsrechts zu jonglieren begannen.

"Ich musste sehr schnell lernen, dass es nicht so einfach nach dem Motto geht: Jetzt nehmen wir mal aus England diesen oder jenen Vertreter der Arbeitnehmer oder der Arbeitgeber in den Aufsichtsrat auf." So kam Reppien zur Auffassung, dass es wohl das Einfachste sei, einem Verhandlungsgremium aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern des jeweiligen Unternehmens die Aufgabe zu übertragen, wie die Repräsentanz ausländischer Belegschaften in den Kontrollgremien geregelt werden kann.

Einen gewissen Optimierungsbedarf erkennt Reppien auch bei der Frage, ob jede Konzerntochter, der nach dem Gesetz ein eigener Aufsichtsrat zusteht, wirklich einen Aufsichtsrat in der vorgeschriebenen Größe braucht. Reppien atmet tief und lange durch. "Schwierig, schwierig", sagt er leise, seine Stimme ist jetzt nur noch ein Flüsterton, schließlich gibt es allein bei der RWE und ihren zu hundert Prozent beherrschten Töchtern gut ein Dutzend Aufsichtsratsgremien mit mehr als 200 Mitgliedern. "Sicher, es gibt immer welche, die an ihren Aufsichtsratsposten hängen", sagt der dreifache Aufsichtsrat Günter Reppien, "aber das kann ja nicht Grundlage dafür sein, wie man darüber diskutiert."

Grundlage für den Praktiker Reppien sind so einleuchtende Fragen wie diese: "Wenn der Aufsichtsrat der RWE Holding nach langen Diskussionen beschließt, für 2,5 Milliarden Euro ein Kraftwerk zu bauen, wofür er nach dem Gesetz auch die volle Verantwortung trägt - welchen Sinn hat es dann, diese Entscheidung im Aufsichtsrat von RWE Power noch einmal in aller Gründlichkeit durchzuarbeiten?" Da ließe sich doch einiges "optimieren" und "effizienter gestalten", meint Reppien.

Auch über die Frage, ob für solche faktisch beherrschten Tochterunternehmen "abgemagerte" Aufsichtsgremien ausreichen, sollen nach der Empfehlung der Wissenschaftler an die Bundesregierung nun Verhandlungsgremien entscheiden, für die gesetzliche Öffnungsklauseln zu schaffen wären. "Auf der Arbeitnehmerseite waren wir der Meinung, dass dieses Gremium zu einer einstimmigen Entscheidung kommen muss; die Wissenschaftler meinen dagegen, dass man bei Einstimmigkeit zu keinem Ergebnis kommt."

Stark gemacht hat sich Günter Reppien in der Kommission vor allem bei den Empfehlungen für ein vereinfachtes Wahlverfahren. Mit zwei der drei Wissenschaftler telefonierte er extra noch einmal, um sie davon zu überzeugen, dass Betriebsräte und Sprecherausschussmitglieder in einer gemeinsamen Versammlung ihre Vertreter für den Aufsichtsrat wählen. "Bei getrennten Wahlveranstaltungen hätte ich die Sorge gehabt, dass die Arbeitgeber einen Leitenden platzieren, der für sie stark steuerbar ist", begründet Reppien.

Dagegen favorisierte die Arbeitgeberverbandsseite eine Urwahl der Belegschaft inklusive eines "umfassenden Wahlkampfs, vermutlich in der Hoffnung, die Wahlchancen der Funktionäre zu mindern. "Es war mir sehr wichtig, dass die Wissenschaftler dann doch unsere Argumentation für schlüssiger hielten", meint Reppien.

Bewertet man das Ergebnis der Biedenkopf-Kommission in den Kategorien von Sieg und Niederlage, haben die Arbeitgebervertreter verloren. Dass es so kommen würde, müssen sie gleich nach der Bundestagswahl Ende 2005 geahnt haben. "Sie rechneten ja fest mit einer schwarz-gelben Regierung und damit mit der Chance, die Mitbestimmung plattmachen zu können", rekonstruiert Günter Reppien. Danach konnten sie ihre Zusage zur Mitarbeit in der Kommission zwar nicht mehr zurücknehmen. Zur Sache trugen sie aber kaum mehr etwas bei, sondern ignorierten konsequent den Kommissionsauftrag - nämlich Modernisierungsvorschläge zu entwickeln.

Stattdessen "zog sich ihre Forderung nach ‚Drittelparität‘ wie ein roter Faden durch alle sechs Sitzungen", erzählt Reppien und ereifert sich: "Schon das Wort an sich ist doch eine Unverschämtheit - ein Drittel ist eben keine Parität." Vollends verspielt hatten die Unternehmervertreter für Reppien, als einer von ihnen in der Kommission als Freiheitsrecht eines jeden Firmenchefs einklagte, sein Unternehmen auch "an die Wand fahren" zu dürfen. "Für mich ist in dem Moment eine Welt zusammengebrochen. Damit wurde in Frage gestellt, was für mich die Basis ist: das Sozialbündnis zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern."

War also alles umsonst? "Nein, es hat sich gelohnt", beharrt Günter Reppien, "auch wenn ich mir als Praktiker mehr davon versprochen hatte." Lohnend deshalb, weil die Wissenschaftler in ihrem Abschlussbericht feststellen, dass sie keinen Grund sehen, die Unternehmensmitbestimmung grundlegend zu verändern; sie begründen das damit, dass es "keinen Nachweis negativer wirtschaftlicher Wirkungen der Unternehmensmitbestimmung" gebe; ebenso wenig gebe es Belege für die Behauptung, die Mitbestimmung sei ein Grund für ausländische Investoren, den Standort Deutschland zu meiden.

"Solche klaren Aussagen pro Mitbestimmung sind in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich und deshalb umso wertvoller", sagt Reppien, der im Übrigen natürlich erwartet, dass der Auftraggeber, die Bundesregierung, die Empfehlungen ernst nimmt und das eine oder andere auch umsetzt.

Bis dahin dürfte freilich noch einige Zeit verstreichen. Zeit, in der Günter Reppien nach dem Ausflug in die "hohe Politik" einer Chefkommission zur Mitbestimmung wieder ganz praktische Aufgaben eines Betriebsrats erledigen wird. An diesem Mittag steht in seinem Terminkalender noch eine Spendenübergabe in Essen an UNICEF, im RWE-Konzern haben Mitarbeiter alte D-Mark-Münzen gesammelt; anschließend wird er wieder 140 Kilometer nach Lingen gefahren werden, dort steht ein Gespräch mit "meinem Kraftwerksdirektor"an, es wird um einen neuen Manteltarifvertrag gehen; bis spät in die Nacht wird Reppien dann mit seinen Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr in Lingen über neue Fahrzeuge beraten.

Seit er 16 ist, gehört er dazu und hat es längst zum Stadtbrandmeister gebracht. Er sei mit Leib und Seele Feuerwehrmann, sagt Reppien, bei der Feuerwehr gehe es um Kameradschaft, Vertrauen und Verlässlichkeit in schwierigsten Situationen. Dafür ist er immer ansprechbar, sein Beeper war selbst während der Sitzungen der Biedenkopf-Kommission in Berlin immer empfangsbereit. "Hätte es während der Besprechungen Alarm gegeben, hätte ich versucht abzuschätzen, ob ich erforderlich bin. Wenn ja, wäre ich natürlich sofort nach Lingen aufgebrochen." Sein Fahrer hätte dann das Blaulicht aufs Dach gepflanzt und das Tempo deutlich erhöht.

 

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