Die Männer von der Silverline

DEMOGRAFIE Die Audi AG setzt bei der Produktion des neuen Sportflitzers R8 auf ältere Mitarbeiter. Älter ist man allerdings schon mit 40 Jahren.


Von BIRGIT OBERMEIER. Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in München.

Hier ein Klopfen, dort ein Hämmern, von Industrielärm und Hektik keine Spur. Die Montagehalle in Neckarsulm erinnert an eine große Werkstatt. Hier wird seit einigen Monaten der Audi R8 gebaut - ein Luxussportwagen für 110.000 Euro. Die Fertigung des "Porschekillers", wie ihn die Arbeiter nennen, ist größtenteils Handarbeit. Nur 20 Stück verlassen jeden Tag das Werk.

Fernando Pereira zieht die Verkabelung für den elektronischen Fensterheber durch die silbern lackierte Fahrzeugtür. Griff und Schloss hat er bereits montiert, mit Hilfe eines Hebegestells setzt er gleich die Scheibe ein. Pro Auto verbaut der Arbeiter bis zu 50 verschiedene Teile, die in einem fahrbaren Wägelchen wie auf einem Tablett angerichtet sind. Der 48-Jährige arbeitet meist im Stehen, manchmal zieht er sich einen fahrbaren Hocker heran: "Das ist schon bequemer als ständig in die Autos ein- und aussteigen zu müssen."

In der Großserienproduktion, wo Pereira vorher arbeitete, verrichtete er wenige Handgriffe - aber die viele hundert Mal am Tag. Eine Arbeitseinheit dauert dort nur wenige Minuten, an jedem R8 arbeitet er knapp eine Dreiviertelstunde. Von den Arbeitern erfordern die vielfältigen Tätigkeiten eine hohe Qualifikation und viel Erfahrung, andererseits werden einseitige körperliche Belastungen vermieden. Optimale Rahmenbedingungen für ältere Mitarbeiter.

Mehr Ergonomie, weniger Verschleiss_ Die Audi AG startet mit dem R8 das Pilotprojekt "Silver Line" und will dabei Erfahrungen sammeln mit dem Einsatz älterer Mitarbeiter. Bei der Zusammenstellung der Mannschaft wurden im Werk Neckarsulm rund 70 Beschäftigte angeworben. Bedingung: älter als 40 Jahre. Die Arbeitsplätze sind voll ergonomisch. Das höhenverstellbare Transportsystem erlaubt es den Arbeitern, die Karosserie auf eine Arbeitshöhe zu bewegen, die ihnen angenehm ist. "Das kostet zwar etwas Zeit, wird aber durch geringere Ermüdung wettgemacht", erklärt R8-Fertigungsleiter Helmut Stettner.

Einige Elemente wie Fahrwerk, Cockpit oder Türen werden in Vormontage gefertigt - ohne unmittelbaren Zeitdruck. Ein Schonprogramm ist die R8-Fertigung aber nicht. "Ein langer Takt bedeutet kein langsameres Arbeiten", stellt Stettner klar. Die besondere Herausforderung liegt darin, sich die einzelnen Arbeitsschritte und den langen Zeittakt selbst einzuteilen: "Ältere Mitarbeiter haben dabei mehr Erfahrung und kommen nicht so schnell in Hektik", sagt Stettner und lässt durchblicken, dass er zu Beginn des Projekts "etwas skeptisch" war. Mittlerweile ist er überzeugt, dass die "Silverliner" genauso leistungsfähig sind wie junge Mitarbeiter.

Hintergrund des Silverline-Projekts ist eine absehbar älter werdende Belegschaft - eine Entwicklung, die im Quartalsdenken vieler Manager gern übersehen wird. Auch bei Audi besteht kein akuter Handlungsbedarf, die Belegschaft ist mit durchschnittlich 40 Jahren vergleichsweise jung, so dass die Grenze für das Silverline-Projekt mit 40 Jahren eher niedrig ist. Doch da in den vergangenen Jahren nicht viel Nachwuchs rekrutiert wurde, wird 2015 voraussichtlich jeder dritte Mitarbeiter in der Produktion älter sein als 50 Jahre, etliche davon vermutlich eingeschränkt leistungsfähig.

 "Darauf müssen wir heute reagieren, sonst gefährden wir die Beschäftigungsfähigkeit unserer Mitarbeiter und damit unsere Wettbewerbsfähigkeit", betont Werner Widuckel, Personalvorstand der Audi AG, der das "Silverline"-Projekt ins Leben gerufen hat. Bisher wurden Verschleißerscheinungen überall in der Autobranche mehr oder weniger billigend in Kauf genommen - schließlich konnte man sich über Altersteilzeit einvernehmlich von den Alten trennen. Ende 2008 aber läuft die Förderung durch die Bundesagentur aus. Hinzu kommt die beschlossene Rente mit 67. Daraus folgt: Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter beschäftigungsfähig halten - sowohl gesundheitlich als auch fachlich.

Audi-Checkup kommt an_ Das macht Audi nun zur Chefsache - gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat. "An Unternehmen wie der Audi AG sollten sich andere ein Beispiel nehmen", lobt Bruno Zwingmann, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (Basi) das Demografieprojekt: Zentrales Element ist die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter.

Die 2005 geschlossene Betriebsvereinbarung sieht einen so genannten Audi-Checkup vor, ein freiwilliges Präventionsprogramm, zu dem die Mitarbeiter alle fünf (ab 45 Jahren alle drei) Jahre eingeladen werden, um ihre Herz-Kreislauf-Werte, Ausdauer, Wirbelsäulenbeweglichkeit oder Lungenfunktion testen zu lassen. Die Daten sowie die anschließende Beratung durch den Betriebsarzt unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Das Angebot kommt bei der Belegschaft gut an - über 80 Prozent der Mitarbeiter haben sich dem Check unterzogen.

Der durchschnittliche Krankenstand der Belegschaft kann sich sehen lassen, 2006 lag er bei 2,9 Prozent, was auch der flächendeckenden Einführung von abwechslungsreicher Gruppenarbeit geschuldet ist. Ein Blick auf die Daten zeigt freilich: Ältere Mitarbeiter fehlen deutlich häufiger als junge. Registrierte der Konzern bei den unter 30-jährigen Industriearbeitern über einen Zeitraum von zwei Jahren durchschnittlich 16 Fehltage, so waren es bei den 40- bis 49-jährigen 23 Tage und bei den über 49-jährigen 34 Tage.

Ursache sind zumeist Beschwerden im Bewegungsapparat sowie chronische Krankheiten. Beidem lässt sich aktiv entgegenwirken, versichert Joachim Stork, Leiter Gesundheitswesen bei Audi: durch Früherkennung von Gesundheitsrisiken, ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze und häufige Belastungswechsel. Neben guter Gesundheit brauchen die Mitarbeiter aber auch Job-Perspektiven.

Und Weiterbildung - die nicht nur den jüngeren, gut ausgebildeten Mitarbeiter zugutekommen soll. In einem Pilotprojekt testet der Konzern deshalb eine systematische Laufbahngestaltung für tarifgebundene Mitarbeiter, die aus der Fertigung künftig in die Qualitätssicherung oder die Technische Entwicklung wechseln könnten. Voraussetzung dafür ist allerdings die Bereitschaft zum permanenten Lernen. Die ist nicht einfach abrufbar und deshalb "muss der Betriebsrat für das Thema Qualifizierung werben", berichtet Peter Mosch, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Audi.

Auch R8-Produktionsleiter Stettner weiß um die hohen Anforderungen eines langen Arbeitstaktes. "Da müssen wir die Mitarbeiter stufenweise heranführen - insbesondere die älteren, die schon jahrelang vom Lernen weg sind", sagt Stettner und erwähnt ein Gedächtnistraining, das zum Qualifizierungsprogramm für die R8-Mannschaft gehört. "Das Lernen war am Anfang schon etwas schwierig", gesteht Fernando Pereira, "aber das habe ich ja gewollt."

Mittlerweile beherrscht er drei lange Takte. Er könnte auch zurück ans Band. "Das gehört zu unseren Spielregeln: Wir geben Älteren ein faire Chance, etwas auszuprobieren", sagt Rolf Klotz, Betriebsratsvize am Standort Neckarsulm. Denn nicht alle "Silverliner" meistern die Anforderungen, manche kehren während der Qualifizierungsphase in ihren alten Job zurück

Wie weiter mit der Altersteilzeit?_ Auch aus diesem Grund muss es Ausstiegs-Alternativen geben - entweder weniger zu arbeiten oder früher aus dem Job auszusteigen, fordert Gesamtbetriebsratsvorsitzender Mosch: "Altersteilzeit muss auch nach dem Rückzug des Gesetzgebers möglich sein, damit die Mitarbeiter je nach individueller Belastung den Zeitpunkt ihres Ausstiegs selbst bestimmen können."

Gemeinsam mit der Unternehmensleitung arbeitet der Betriebsrat gegenwärtig an einer Lösung. Zugleich sollen einige Erfahrungen aus der Silverline aber auch auf die Großserie übertragen werden. Personalvorstand Widuckel verspricht: Künftig wird es bei Audi kein Fahrzeugprojekt mehr geben, ohne dass die Erkenntnisse altersgerechter Arbeit einfließen.

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