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07.11.2019

IMK berechnet verschiedene Szenarien

US-Autozölle und die Folgen: Eskalierender Handelskrieg kann Deutschland in Rezession treiben, Schuldenbremse begrenzt Möglichkeit zum Gegensteuern

Bis zum 13. November muss US-Präsident Donald Trump entscheiden, ob er die Zölle auf Auto-Importe aus der EU erhöhen will. Sollte er das tun und sollten sich die Streitigkeiten mit den USA in der Folge deutlich zuspitzen, drohen Deutschland jährliche Wachstumsverluste von bis zu 0,7 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt und eine Rezession. Die aktuellen Regeln der Schuldenbremse begrenzen die Möglichkeiten der Bundesregierung, mit einem Konjunkturpaket gegenzusteuern – was im Falle einer längeren Auseinandersetzung eigentlich dringend nötig wäre. Die amerikanische Regierung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Staatsausgaben deutlich erhöhen, um die eigenen beträchtlichen Wachstumsverluste (bis zu 0,9 Prozent im Jahresdurchschnitt) zu mildern und den Handelskonflikt zu „gewinnen“. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Was könnte der Auslöser für einen Handelskonflikt sein? US-Präsident Donald Trump hat bereits mehrfach damit gedroht, Importzölle auf Autos aus der EU zu erhöhen. Indem er die Einfuhren der ausländischen Konkurrenz verteuert, will er der US-Autoindustrie einen Vorteil verschaffen. Der Einfuhrzoll auf Kraftfahrzeuge soll wahrscheinlich bei 25 Prozent liegen. Er würde die deutsche Wirtschaft an einem empfindlichen Punkt treffen, zeigen die IMK-Forscher Prof. Dr. Sebastian Dullien, Dr. Sabine Stephan und Dr. Thomas Theobald. Im vergangenen Jahr exportierten VW, BMW und Daimler insgesamt fast eine Million Fahrzeuge in die USA, knapp die Hälfte davon aus deutscher Produktion. Autos und Kfz-Teile machen circa 20 Prozent der deutschen Warenexporte in die USA aus. Hinzu kommt, dass mittelbar auch der Maschinenbau und die Chemieindustrie betroffen wären, die von Aufträgen der Automobilindustrie abhängen. Eine Antwort auf Einfuhrbeschränkungen der USA würde sehr wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen. Die EU würde ihrerseits Zölle auf US-Produkte anordnen, was dann wieder von der US-Seite erwidert würde – die Spirale der Eskalation wäre in Gang gesetzt.

Zwölf mögliche Szenarien


Wie sich ein eskalierender Handelskonflikt auf die Wirtschaft in Deutschland und den USA auswirken könnte, haben die IMK-Forscher anhand von Simulationen untersucht. Insgesamt haben sie zwölf verschiedene Szenarien mit unterschiedlicher Dauer und Intensität berechnet: von einem kurzen Konflikt, der sich über eineinhalb Jahre erstreckt und auf Autozölle beschränkt bleibt, bis hin zu einem langen Handelskrieg, der sich über die nächsten fünf Jahre zieht und für große Unsicherheit sorgt. Außerdem haben die Wissenschaftler analysiert, welchen Effekt staatliche Ausgleichsmaßnahmen hätten, wie zum Beispiel konjunkturstützende Investitionen.

„Zollscharmützel“ bis zur Präsidentenwahl: schmerzlich, aber verkraftbar


Aus den Berechnungen wird deutlich: Ein Zoll, der allein auf Autos und Kfz-Teile beschränkt bleibt und keine weitere Unsicherheit erzeugt, wäre für die deutsche Wirtschaft verkraftbar, insbesondere, wenn der Konflikt auf kurze Zeit beschränkt bleibt. Die Unternehmen könnten Importzölle ausgleichen, indem sie ihre Margen kurzzeitig senken. Sie würden also weniger Gewinn machen, dafür aber ihre Marktanteile halten können. Bliebe es dabei, wäre der gesamtwirtschaftliche Effekt schmerzlich, aber noch erträglich: Das deutsche BIP fiele um jährlich 0,3 Prozent niedriger aus als ohne Erhöhung der Zölle, und zwar über insgesamt 18 Monate. „Dieses Szenario ist allerdings nicht wahrscheinlich“, schreiben die Wissenschaftler. Nur wenn Trump bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr abgewählt werden sollte, bestehe die Aussicht, den Handelskonflikt schnell zu beenden. Ein Ende der Streitigkeiten unter einem Präsidenten Trump erscheine unrealistisch. Die Handelsfrage sei ein Kernelement seiner Politik. Trump sei der Meinung, die Amerikaner seien die großen Verlierer im Freihandel, weil sie „seit Jahrzehnten von ihren Handelspartnern über den Tisch gezogen“ würden.

Massive Auseinandersetzung bis 2025: Wachstumsschaden in Deutschland groß, in den USA noch größer


Je länger sich ein Handelskonflikt hinzieht, desto größer ist laut IMK die Wahrscheinlichkeit, dass die deutschen Autohersteller und andere betroffene Unternehmen die Zölle nicht mehr durch niedrigere Margen kompensieren, sondern an die Endverbraucher weiterreichen. Die Folge wären sinkende Absatzzahlen und ein Rückgang der Exporte. Schädlicher noch als die Zölle selbst wäre die zunehmende Unsicherheit, weil sich die Unternehmen mit Investitionen zurückhalten – davon wären rasch auch andere Branchen betroffen. Das wiederum würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) belasten und die Arbeitslosigkeit erhöhen. Im schlechtesten Fall würde das BIP in Deutschland in der Spitze um 0,7 Prozent niedriger ausfallen als ohne den Konflikt – und zwar jährlich für die Dauer der Auseinandersetzung. Da die deutsche Wirtschaft sich nach Prognose des IMK im kommenden Jahr ohnehin an der Stagnationsgrenze bewegt, wäre ein solcher Schlag gefährlich. „Eine Verschärfung des Konflikts hat das Potenzial, die deutsche Wirtschaft in eine echte Rezession zu stoßen“, schreiben die IMK-Ökonomen. Die negativen Effekte würden über die gesamte Dauer des Handelsstreits anhalten – in der Simulation der Forscher also bis 2025.

Trump wird Schulden machen, um zu „gewinnen“


Was könnte die Bundesregierung – abgesehen von einer Lösung auf dem Verhandlungsweg – tun, um die Wirtschaft in einem Handelskrieg zu unterstützen? Naheliegend wären höhere öffentliche Investitionen, also eine Art Konjunkturpaket. Das würde die Exportpreise kaum beeinflussen und hätte einen stimulierenden Effekt auf die Binnenkonjunktur. Die schädlichen Effekte des Handelskonflikts auf das BIP könnten so etwas abgemildert werden, wie die Berechnungen des IMK zeigen. Allerdings sind die Voraussetzungen für eine solche Fiskalpolitik in den betroffenen Ländern sehr unterschiedlich: Erfahrungsgemäß tun sich die Amerikaner leichter damit, in Krisenzeiten Geld auszugeben, auch wenn dies durch Kredite finanziert wird. Im Falle einer lang andauernden Auseinandersetzung wäre der Bedarf dafür massiv, denn auch die amerikanische Wirtschaft würde unter Trumps Konfrontationskurs schwer leiden: Infolge von höheren Preisen, Exporteinbußen durch Gegenzölle und Investitionszurückhaltung würde das US-BIP um 0,9 Prozent niedriger ausfallen als ohne den Konflikt.

Dagegen hat Deutschland aufgrund der Schuldenbremse und der EU-Fiskalregeln wenig Spielraum. Sollten Deutschland und die EU in einem Handelskonflikt auf ein fiskalpolitisches Gegensteuern vollständig verzichten – etwa, weil die Politik an der „schwarzen Null“ festhalten möchte –, so „würden die Verluste in Deutschland spürbar höher ausfallen als in den USA“, schreiben die Wissenschaftler. Zwar wären auch bei einem solchen Szenario beide Regionen klar Verlierer eines Handelskriegs. Aber: „Die USA hätten die Möglichkeit, den Schaden aus dem Konflikt im eigenen Land zu begrenzen, während der Handelskonflikt in der EU voll durchschlägt.“

Das Fazit der Forscher: „Um die negativen Folgen eines Handelskonfliktes zu minimieren, kommt es nicht nur darauf an, den Anstieg von Zöllen zu begrenzen. Mindestens ebenso wichtig ist es, dass der Konflikt zeitlich begrenzt wird.“ Dafür solle alles versucht werden, auf dem Verhandlungsweg den Konflikt zu deeskalieren. Bei einer länger andauernden Auseinandersetzung sei eine „aktive Fiskalpolitik“ unabdingbar. Dann wäre es wichtig, die Reaktionsmöglichkeit der Finanzpolitik zu verbessern, so das IMK. Abhilfe würde hier eine Lockerung der EU-Fiskalregeln und der Schuldenbremse bieten, etwa, indem eine Kreditfinanzierung von zusätzlichen Investitionen über die bisherigen Möglichkeiten der Schuldenregeln hinaus erlaubt werden.

Weitere Informationen:

Sebastian Dullien, Sabine Stephan, Thomas Theobald:
Vom Zollscharmützel zum Handelskrieg. Wieviel transatlantische Eskalation verträgt die deutsche Wirtschaft? (pdf), IMK-Report Nr. 151, November 2019.

Infografik zum Download

Kontakt:

Prof. Dr. Sebastian Dullien
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Dr. Sabine Stephan
IMK, Expertin für Außenhandel

Dr. Thomas Theobald
IMK, Experte für Finanzmärkte und Konjunktur

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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