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09.10.2018

Weiter „wechselseitige Verstärkung von Löhnen und Beschäftigung“

Der Aufschwung schaltet zurück, fängt sich 2019 aber wieder – IMK prognostiziert BIP-Wachstum um 1,9 und 2,0 Prozent

Obwohl der Anstieg der deutschen Exporte durch Handelskonflikte, Unklarheit über den Brexit und steigende Energiepreise gebremst wird, geht der moderate Aufschwung der deutschen Wirtschaft weiter. In diesem Jahr schaltet das Wachstum zwar etwas zurück, 2019 fängt sich die Konjunktur aber wieder, prognostiziert das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung: Das Bruttoinlandsprodukt nimmt im Jahresdurchschnitt 2018 um 1,9 und 2019 um 2,0 Prozent zu. Vor dem Hintergrund spürbar steigender Löhne und eines weiter positiven Trends am Arbeitsmarkt bleibt der Konsum die zentrale Stütze des Wachstums, hinzu kommt ein positiver Beitrag durch anziehende Investitionen. Die Erwerbstätigkeit dürfte 2019 ein Rekordniveau von 45,4 Millionen Personen im Jahresdurchschnitt erreichen (alle Daten im Detail unten). Die Einnahmen von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen überschreiten die Ausgaben sehr deutlich: um knapp 56 Milliarden Euro in diesem Jahr und knapp 51 Milliarden 2019, so die neue IMK-Prognose, die heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wird. Dieser Spielraum für zusätzliche Investitionen sollte genutzt werden, empfehlen die Forscher.

Gegenüber der Vorhersage vom Juni senkt das IMK seine Prognose für dieses Jahr um 0,2 Prozentpunkte und für 2019 um lediglich 0,1 Prozentpunkt. „Auch wenn die Dynamik zeitweilig nachlässt: Der laufende Aufschwung ist intakt, und wir haben gute Aussichten darauf, dass er der längste im vereinigten Deutschland wird“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Diese Stabilität beruht darauf, dass unsere Wirtschaft nicht mehr so abhängig vom Außenhandel ist wie noch vor einer Dekade. Deutschland ist weiterhin exportorientiert, aber es ist nicht mehr die Fahne im Wind der Weltkonjunktur. Das macht deutlich: Eine ausgewogenere Verteilung der Einkommenszuwächse ist nicht nur gerechter, sondern als Voraussetzung für eine solide Binnennachfrage auch ökonomisch sinnvoll. Das ist besonders wichtig, weil die weltweiten Rahmenbedingungen im Moment extrem sind: Einerseits kräftiges Wachstum und – noch – niedrige Zinsen in vielen Ländern. Andererseits Trump, Brexit, steigende Ölpreise.“

Den besonderen Charakter der aktuellen Entwicklung zeigt auch der Vergleich mit anderen Aufschwungsphasen der vergangenen drei Dekaden. Der laufende Aufschwung ist eher im Ausdauer- als im Sprintmodus unterwegs, er verlaufe weniger dynamisch, dafür aber unter dem Strich deutlich stetiger als seine Vorgänger, konstatiert das IMK. Die Forscher beobachten eine „positive wechselseitige Verstärkung von Löhnen und Beschäftigung.“ Die Einkommen stiegen „merklich an, ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit darunter leiden würde.“ In dieser günstigen Konstellation gäben lediglich die vergleichsweise verhaltenen Zuwächse bei den Investitionen Anlass zur Sorge.

In ihrer Prognose gehen die Düsseldorfer Konjunkturforscher davon aus, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und China nicht so weit eskaliert, dass das Wachstum in beiden Ländern einbricht. Zudem rechnen sie damit, dass es keinen „harten“ Brexit geben wird, sondern zumindest auf absehbare Zeit eine Verständigung, die Großbritannien in den Handelsbeziehungen einen Status ähnlich dem von Norwegen oder der Schweiz einräumt.

Allerdings seien die Risiken in beiden Fällen nur schwer kalkulierbar, was zur Folge haben könnte, dass der seit Anfang 2017 endlich in Gang gekommene Investitionszyklus vorschnell wieder erlahmt. Daher raten die Wissenschaftler zu einer wirtschaftspolitischen Vorsorge, die gleichzeitig mögliche negative Impulse aus der Weltwirtschaft weiter abfedern und das langfristige Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft erhöhen würde. Dazu solle der Staat die sprudelnden Steuereinnahmen nutzen, um gezielt die Voraussetzungen für Produktion und private Investitionen zu verbessern. Angesichts des digitalen Wandels sei dafür neben Ausgaben für Kommunikations- und öffentliche Verkehrsinfrastruktur deutlich mehr Geld für Bildung zentral, schreiben die Forscher: „Ausgaben für Bildung, die Spitzenforschung ermöglicht und zugleich verhindert, dass Bevölkerungsgruppen wegen mangelnder Fähigkeiten den Zugang zum Arbeitsmarkt verlieren.“

Mit Blick auf die unsichere internationale Lage halten es die Forscher darüber hinaus für absolut notwendig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bei der Straffung ihrer Geldpolitik weiterhin sehr behutsam vorgeht.

Kerndaten der Prognose für 2018 und 2019 (siehe auch Tabelle 3 im Report; Link unten)

– Arbeitsmarkt –

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nimmt weiter kräftig zu – um rund 600.000 Personen oder 1,4 Prozent im Jahresdurchschnitt 2018 und weitere 1,2 Prozent im Jahresmittel 2019. Somit werden 2019 erstmals durchschnittlich mehr als 45 Millionen Menschen erwerbstätig sein. Die Arbeitslosigkeit sinkt: Für 2018 prognostizieren die Forscher einen Rückgang um knapp 190.000 Personen, so dass im Jahresdurchschnitt rund 2,35 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Für 2019 erwartet das IMK, dass die Arbeitslosenzahl um jahresdurchschnittlich knapp 120.000 auf etwa 2,23 Millionen Personen sinkt.

– Außenhandel –

Auch der Euroraum befindet sich im Aufschwung, der sich allerdings abschwächt: 2018 wächst das BIP in der Währungsunion um 2,0 Prozent, 2019 sind es 1,9 Prozent. Unter der Voraussetzung, dass der Handelskonflikt zwischen Washington und Peking nicht eskaliert, bleibt die Konjunktur in den USA, China und anderen Schwellenländern ebenfalls insgesamt dynamisch, die deutschen Exporteure verfügen über eine hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Allerdings bremst allein schon die gestiegene Verunsicherung angesichts der aggressiven US-Politik die Nachfrage nach deutschen Gütern. Daher geht das IMK davon aus, dass die deutschen Ausfuhren in diesem Jahr um lediglich durchschnittlich 2,4 Prozent wachsen werden. 2019 dürften die Exporte dann aber wieder um 3,9 Prozent im Jahresmittel zulegen. Die Importe nehmen in diesem Jahr um durchschnittlich 2,8 Prozent zu, 2019 dann um 5,0 Prozent. Der hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird in diesem Jahr nahezu unverändert sein und 2019 geringfügig sinken.

– Investitionen –

Bei hoher Auslastung und weiterhin günstigen Finanzierungsbedingungen investieren die Unternehmen spürbar, wenn auch nicht ganz so stark wie noch vor kurzem erwartet: 2018 steigen die Ausrüstungsinvestitionen um durchschnittlich 5,4 Prozent, 2019 sind es 5,6 Prozent im Jahresdurchschnitt. Bei den Bauinvestitionen bleibt die Dynamik kräftig. Sie nehmen 2018 um 2,9 Prozent und 2019 um 2,8 Prozent zu.

– Einkommen und Konsum –

Die verfügbaren Einkommen wachsen 2018 und 2019 real um durchschnittlich 1,8 und 1,9 Prozent. Bei in diesem Jahr spürbar steigender und 2019 konstanter Sparquote nehmen die realen privaten Konsumausgaben um 1,6 und 1,9 Prozent zu. Damit trägt der private Konsum in diesem Jahr 0,9 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum von 1,9 Prozent bei. Im kommenden Jahr sind es 1,1 Prozentpunkte von 2,0 Prozent.

– Inflation und öffentliche Finanzen –

Die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland nähert sich bei deutlich steigendem Ölpreis dem EZB-Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent an: 2018 steigen die Verbraucherpreise um 1,9 und 2019 um 1,8 Prozent.

Der von der Binnennachfrage getragene Aufschwung sorgt weiterhin für starke Steuereinnahmen und Einnahmeüberschüsse bei Gebietskörperschaften und Sozialkassen: In beiden Jahren beträgt der gesamtstaatliche Finanzierungssaldo jeweils über 50 Milliarden Euro bzw. gemessen am BIP in diesem Jahr 1,6 und im kommenden Jahr 1,4 Prozent.

Weitere Informationen:

Peter Hohlfeld, Christoph Paetz, Katja Rietzler, Sabine Stephan, Thomas Theobald, Silke Tober, Sebastian Watzka: Konjunkturaufschwung: Dauerläufer unter Stress. Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2018/2019 (pdf). IMK Report Nr. 143, Oktober 2018.

Podcast zur Prognose vom IMK-Konjunkturexperten Peter Hohlfeld

Kontakt

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Peter Hohlfeld
IMK-Konjunkturexperte

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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