Philosophie

Zurück zu den Griechen

Nachdem der Steidl-Verlag eine Werkausgabe von Oskar Negt herausgebracht hat, folgen Abschriften seiner Vorlesungen. Der erste Band behandelt die griechische Antike. Von Kay Meiners


Tonbänder von Oskar Negts Vorlesungen an der Universität Hannover, die lange ungenutzt in seinem Keller lagen, werden jetzt mit Mitteln der Hans-Böckler-Stiftung erschlossen und unter dem Reihentitel „Politische Philosophie des Gemeinsinns“ ediert. Die Reihe soll „Fragen von der Ästhetik bis zur Wissenschaftstheorie behandeln und Denker von Platon bis Popper umfassen“. Gerade ist der erste Band erschienen: „Ursprünge europäischen Denkens: Die griechische Antike“.

Während die meisten Tonbänder in den politisierten 1970er Jahren entstanden sind, stammen die Aufnahmen, die den ältesten Abschnitt der europäischen Philosophie behandeln, erst von 2001. Die darauf festgehaltenen Vorlesungen umfassen die Vorsokratiker und die Klassik, einen Zeitraum, der vom 6. bis zum 3. Jahrhundert vor Christus reicht und die Blütezeit der attischen Demokratie einschließt. Man kann Negt dabei zusehen, wie er den Stoff strukturiert und für die Gegenwart nutzbar macht. Sein Anliegen ist es, „die politischen Wurzeln der europäischen Vernunfttradition herauszustellen“.

Der „Gemeinsinn“, der im Reihentitel aufscheint, eine Lehnübersetzung des aristotelischen „koiné aísthesis“, hat in der Geistesgeschichte mehrere Bedeutungen: zuerst bezeichnet das Wort die Wahrnehmung dessen, was in den Sinnen als Gemeinsames zutage tritt, dann den inneren Sinn, schließlich den sozialen Sinn. Ohne Orientierung auf das Gemeinwohl kann man, so Negt, nicht Bürger eines demokratischen Staates sein. In einem Interview aus dem Jahr 2010 erklärt er: „Die Demokratie ist die einzige staatliche Ordnung, die gelernt werden muss. Autoritäre Systeme müssen nur hingenommen, demokratisch verfasste mitgestaltet werden.“ Zur griechischen Antike hat Negt nie selbst geforscht, sich aber ihr Erbe angeeignet. Wenn der Verlag von einem „Dokument öffentlicher Wahrheitssuche“ spricht, so trifft das den Charakter der Texte recht gut. Manche Abschweifung findet sich in diesen Vorlesungen, die, wie der Steidl-Verlag einräumt, aus einer Zeit stammen, in der „Vorlesungen nicht schneller Wissensvermittlung dienten, sondern der öffentlichen Entwicklung eines Gedankens“. Die Frage, warum gerade in Griechenland das Fundament einer politischen Rationalität entstand, die uns noch immer prägt, zieht sich durch Negts Vorlesungen. Eine Wurzel dieser Tradition ist der antike Stadtstaat, die Polis, mit ihren Staatsorganen: Volksversammlung, Rat oder Magistratur. Aber auch sie war nicht für alle ein Ort der Freiheit. Sklaven, Frauen und Ausländern war die Partizipation verwehrt. 

Hendrik Wallat, seit 2016 Negts Assistent und Bearbeiter des Bandes, weist darauf hin, dass Aristoteles zur Elite einer Sklavenhaltergesellschaft gehört: „Die bereits theoretisch antizipierte Einheit der Vernunft (…) wird von den herrschenden sozialen Verhältnissen gespalten.“ In dieser Beschränkung erkennt Wallat eine „Ur-Schuld“ der Philosophie. Jeder Kultur und damit jeder Philosophie liegt auch Barbarei zugrunde. Negts Vorlesungen deutet Wallat als Versuch, einen kleinen Teil dieser Schuld abzutragen. Das kann nur gelingen, indem die sich selbst reflektierende Vernunft ihren politischen Charakter erkennt. Die Substanz der Vorlesungen zu eruieren ist Wallat gelungen. Dass das Unmittelbare der Tonbandaufzeichnungen dabei verloren geht, ist ihm bewusst: „Den bellenden Hund im Auditorium muss man gehört haben.“ 


Das Buch

Oskar Negt: Politische Philosophie des Gemeinsinns. Ursprünge europäischen Denkens: Die griechische Antike. Herausgegeben von der Hans-Böckler-Stiftung. Mit einem Nachwort von Hendrik Wallat. Göttingen, Steidl 2019. 28 Euro


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