Böckler Impuls Ausgabe 19/2019

Digitalisierung

Was auf den Arbeitsmarkt zukommt

Trotz Digitalisierung dürfte nach dem aktuellen Stand der Forschung das Beschäftigungsniveau stabil bleiben. Wahrscheinlich sind aber erhebliche Verschiebungen zwischen Branchen und Berufen.

Was auf den Arbeitsmarkt zukommt

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Die Umbrüche in der Wirtschaft, die Digitalisierung, Vernetzung und maschinelles Lernen mit sich bringen, gelten als „vierte industrielle Revolution“. Wie die sich auf dem Arbeitsmarkt auswirken wird, ist allerdings unklar. Die Hans-Böckler-Stiftung hat zwei umfangreiche Literaturstudien gefördert, die eine Übersicht über den Stand der Forschung bieten. Der Wirtschaftswissenschaftler Bruno Kaltenborn hat 41 empirische Untersuchungen ausgewertet, die sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung in Deutschland befassen. Andrea Laukhuf, Benedikt Runschke, Sabrina Spies und Daniel Stohr vom Wifor-Institut haben 31 Studien analysiert. Kaltenborn kommt zu dem Ergebnis, dass sich Verluste und Zuwächse bei den Arbeitsplätzen gesamtwirtschaftlich ungefähr die Waage halten dürften.

Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht stelle sich technischer Fortschritt stets ambivalent dar, schreibt der Forscher. Automatisierung führe zunächst dazu, dass Jobs wegfallen. Zugleich entstünden aber auch zusätzliche Aufgaben bei der Einführung, Wartung, Reparatur und Herstellung der neuen Technologien. Wenn Unternehmen durch Innovationen ihre Produktivität steigern und die Absatzpreise senken, dürften sie mehr Produkte absetzen und damit mehr Personal benötigen. Zugleich komme es aber auch zu Verdrängungseffekten bei der weniger produktiven Konkurrenz. Gesamtwirtschaftlich müssten zudem „Multiplikatoreffekte“ in Rechnung gestellt werden: Wenn innovative Betriebe dank höherer Absatzzahlen mehr Gewinn abwerfen und Jobs schaffen, also zusätzliches Einkommen generieren, steige dadurch die Nachfrage insgesamt und damit die Beschäftigung.

Wie stark die skizzierten Effekte im Einzelnen ausfallen, das sei eine empirische Frage, so Kaltenborn. Die meisten der von ihm ausgewerteten Studien hätten lediglich Teilaspekte zum Gegenstand. So gebe es zahlreiche Arbeiten, die sich mit der Automatisierbarkeit von Berufen oder Arbeitsplätzen befassen – und zu sehr heterogenen Ergebnissen kommen. Was den Anteil der Beschäftigten angeht, deren derzeitige Tätigkeiten innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahrzehnte mit hoher Wahrscheinlichkeit vollständig ersetzbar sein wird, reichen die Schätzungen von 12 bis 59 Prozent. Dabei scheint das Risiko mit dem Qualifikationsniveau abzunehmen. Allerdings sollten diese Ergebnisse nur "mit größter Vorsicht interpretiert werden“, warnt der Autor.

Welche Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt bereits eingetreten sind, wurde der Auswertung zufolge sowohl auf betrieblicher als auch auf regionaler Ebene untersucht. Die Diagnose fällt wenig dramatisch aus: „Insgesamt hat nach den Ergebnissen der vorliegenden Studien die Digitalisierung bislang keine oder allenfalls eher geringe – positive oder negative – Beschäftigungseffekte zur Folge.“ Der Bedarf an Akademikern und Experten nehme tendenziell zu, während Helfertätigkeiten weniger gefragt sind.

Studien, die sich an Prognosen der künftigen Entwicklung versuchen, kommen bislang zu ähnlichen Ergebnissen: Den Berechnungen zufolge werde die Digitalisierung zwar zu Verschiebungen zwischen Branchen und Berufen, netto allerdings zu allenfalls geringen Beschäftigungsgewinnen oder  -verlusten führen, so Kaltenborn. Das Spektrum reiche von Zuwächsen um 263 000 Erwerbstätige bis 2030 bis zu einem Rückgang um 100 000 im gleichen Zeitraum. Dabei gelte generell, dass langfristige Prognosen nur begrenzt verlässlich sind: Die Zukunft der Informationstechnologie vorherzusehen, sei kaum möglich; die Technologien, die 2030 zum Einsatz kommen, dürften noch gar nicht erfunden sein. Unabhängig von detaillierten Projektionen stehe aber fest, dass die Anpassungsfähigkeit von Arbeitskräften durch Weiterbildung gestärkt werden sollte.

Quelle

Bruno Kaltenborn: Auswirkungen der Digitalisierung auf die Erwerbstätigkeit in Deutschland – Literaturstudie, Working Paper 157 der Forschungsförderung der HBS, Oktober 2019

Andrea Laukhuf u.a.: Beschäftigungseffekte der Digitalisierung in Branchen – Ein Literaturüberblick, Working Paper 162 der Forschungsförderung der HBS, November 2019