Philosophie

Ein deutscher Denker der Französischen Revolution

Wir dokumentieren einen bearbeiteten Auszug der Festrede auf dem wissenschaftlichen Symposium in Hannover zum 85. Geburtstag des Sozialphilosophen Oskar Negt. Von Alexander Neumann, Professor am Forschungszentrum für zeitgenössische Philosophie (LLCP) in Paris.


Ich möchte ausloten, inwiefern Oskar Negt ein deutscher Denker der Französischen Revolution für unsere Zeit ist – ein lebendiger und lebhafter Denker. Die Bezüge zwischen 1968, mit dem Oskar Negt in Deutschland sehr stark assoziiert wird, und der Französischen Revolution durchdringen seine Werkausgabe, die fast 9000 Seiten umfasst. Die 20 Bände, die im Steil Verlag erschienen sind, sind chronologisch geordnet, aber ich orientiere mich an drei zentralen Begriffen, die Kernanliegen der Französischen Revolution und der Aufklärung berühren: Öffentlichkeit, Arbeit und Bildung. 


Immanuel Kant, der große Philosoph der Aufklärung in Deutschland, entwickelt den Begriff der Öffentlichkeit als Gegenmodell zur absoluten Herrschaft der imperialen Strukturen, die höfisch und privat organisiert sind. Bei Oskar Negt geht es dann um „Gegenöffentlichkeit“, um die Spannung zwischen bürgerlicher oder proletarischer Öffentlichkeit. Diese Form der Öffentlichkeit konnte in den letzten Monaten jeden Samstag auf den Plätzen Frankreichs beobachtet werden – in Gestalt der Demonstrationen der „Gilets Jaunes“, der Warnwesten. Eine wichtige Schrift im Gesamtwerk Negts ist das Buch „Öffentlichkeit und Erfahrung“, das er gemeinsam mit Alexander Kluge verfasst hat und das 1973 erschien. Negt und Kluge beschreiben darin Öffentlichkeit als „einzige uns bekannte Form der Produktion von selbstbewusster gesellschaftlicher Erfahrung“.

Der Begriff der Arbeit wird erst im Anschluss an die Französische Revolution allmählich philosophisch präzisiert, etwa bei Friedrich Hegel oder Karl Marx. Ich persönlich bezweifle, dass es sich bei der Französischen Revolution um eine rein bürgerliche Revolution handelt, aber allein schon der bürgerliche Aspekt verweist auf die Arbeit. Denn kein Bourgeois ist je ohne Arbeiter ausgekommen. Im Jahr 1984 greift Negt mit der Publikation „Lebendige Arbeit, enteignete Zeit. Politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit“ argumentativ in den Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche ein: In der Umwidmung von entfremdeter Arbeitszeit zu „Emanzipations- und Orientierungszeit“ erkennt er das Potenzial zu einem „qualitativen Sprung“ in eine neue Gesellschaft. 

Bildung ist ein genuiner Begriff der Aufklärung und des Humanismus. Seit der Französischen Revolution wird Kultur nicht mehr als eine Angelegenheit des Hofstaats verstanden, sondern als eine Angelegenheit, zu der das ganze Volk über ein Kunstmuseum Zugang erhält. Seit frühester Zeit befasst Negt sich mit dem Lernen. In seiner Schrift „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“ von 1971 entwickelt er eine Pädagogik handlungsmotivierender Lernprozesse, die für die Arbeiterbildung von Interesse ist. In einem jüngeren Werk, „Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche“ aus dem Jahr 1997, fragt er, was unsere Kinder für das 21. Jahrhundert eigentlich lernen sollen. Ausgehend von seiner 1968 vorgestellten Idee des exemplarischen Lernens, fordert er eine zweite Bildungsreform, die das Utopiebedürfnis von Lernenden und Lehrenden anerkennt und die Zukunft der Kinder und Jugendlichen sichert. Oskar Negt Interesse umfasst Arbeiterbildung, alternative Pädagogik in Schule oder Universitäten, Erwachsenenbildung und politische Bildung – also Bildung im umfassenden, demokratischen Sinne, der sich nicht auf Ausbildung beschränkt.  


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