Politisches Lied

Protest gegen die Macho-Kultur

Paz Ferreyra kritisiert in dem Song "Paren de matarnos" die Gewalt an Frauen in Lateinamerika: "Wenn ihr eine von uns anfasst, fasst ihr alle an" Von Martin Kaluza


Miss Bolivia: Paren de matarnos (2017)

Si tocan a una nos tocan a todas/El femicidio se puso de moda/

El juez de turno se fue a una boda/La policía participa en la joda

Chiara Páez, ein 14-jähriges Mädchen aus der Kleinstadt Rufino in der argentinischen Provinz Santa Fe, ist im dritten Monat schwanger, als sie am 9. Mai 2015 nicht mehr nach Hause kommt. Bereits am nächsten Tag wird ihre Leiche gefunden. Páez wurde von ihrem 16-jährigen Freund ermordet, dem Vater des ungeborenen Kindes.

Das Land ist erschüttert. Unter dem Namen „Ni Una Menos“ („Nicht eine weniger“) schließen sich Frauen und feministische Initiativen zusammen und planen einen Protestmarsch. Auch die Gewerkschaften beteiligen sich. Vier Wochen nach Páez’ Tod versammeln sich 300 000 Menschen vor dem Kongress in Buenos Aires, um gegen Gewalt gegen Frauen zu protestieren.

Die argentinische Musikerin Paz Ferreyra, die unter dem Künstlernamen Miss Bolivia auftritt, spricht der Bewegung mit einem Song aus dem Herzen: „Wenn ihr eine von uns anfasst, fasst ihr alle an. Der Femizid ist in Mode gekommen. Der diensthabende Richter ist auf einer Hochzeit. Die Polizei macht mit bei dem Mist.“ Die Strophen sind aus Sicht einzelner Frauen geschrieben. Im Refrain schließen sie sich zum Plural zusammen: „Hört auf, uns umzubringen!“

Das Demonstrationsmotto „Ni Una Menos“ geht auf eine Zeile der mexikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Susana Chávez zurück. 1995 hatte sie gegen Morde an Frauen in Ciudad Juárez protestiert: „Ni una muerta más!“ („Nicht eine einzige weitere Tote!“) In der Grenzstadt waren über Jahre Hunderte Frauen ermordet worden. Die offensichtliche Untätigkeit von Polizei und Justiz stieß international auf Kritik. 2011 wurde die couragierte Dichterin selbst Opfer eines Mordes.

Die Demonstration in Buenos Aires, die Chávez’ Worte vier Jahre später aufgreift, wird zum Beginn einer Bewegung. Erst in Argentinien, schließlich in ganz Lateinamerika und darüber hinaus. Lange galten Morde an Frauen als „Einzelfälle“, als „Privatsache“, als „Beziehungstat“. Doch nun wird im Land über die Macho-Kultur diskutiert, die Frauen als minderwertig ansieht. In dem Land, das seit dem Zusammenbruch des Finanzsystems 2001 in der Krise steckt, ist es für Frauen doppelt schwer, finanziell unabhängig zu sein.

Miss Bolivias Song diagnostiziert der Gesellschaft, dass sie nur fügsamen Frauen einen Wert beimisst: „Ich sollte immer Ja sagen/Sie haben mich umgebracht, seit ich geboren bin/Sie haben mich versklavt/Ich sollte waschen und waschen und gebären“. Verónica Gago, Professorin für Sozialwissenschaften und Mitglied der „Ni Una Menos“-Initiative, sieht die Protestmärsche und Streiks gegen die Macho-Kultur in der Tradition der Mütter von der Plaza de Mayo, die Ende der 1970er Jahre gegen den Staatsterrorismus der Militärregierung demonstrierten: „Sie sind ein Vorbild. Damals traten Frauen als politische Protagonistinnen auf. Ihre Taktik, zum Beispiel Straßen zu besetzen, ist bis heute ein wichtiges Mittel.“

Am 3. Juni 2016, zum Jahrestag der ersten Großdemonstration, versammeln sich erneut 200 000 Menschen in Buenos Aires, diesmal unter dem Motto „Vivas nos queremos!“ („Wir wollen uns lebendig!“) Im selben Jahr ruft das Bündnis zu Frauenstreiks auf, an denen sich zwei Jahre später bereits Frauen in 57 Ländern beteiligen. 

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