Altstipendiat

Der Erwachsenenbildner

Harald Kralik kam kurz nach der Einheit aus dem Westen nach Thüringen, um dort die gewerkschaftliche Bildungsarbeit mit aufzubauen und ist geblieben. Von Dirk Manten


Seit fast 30 Jahren lebt Harald Kralik in Ostdeutschland – und macht in letzter Zeit befremdliche Erfahrungen. Zum Beispiel, dass die AfD mancherorts mittlerweile stärkste politische Kraft ist. Die „irritierenden Wahlerfolge“ der Rechtspopulisten und die Umfrageergebnisse im Vorfeld der thüringischen Landtagswahl machen politische Bildung nötiger denn je, findet Kralik. Eine prägnante Beschreibung des eigenen Kerngeschäfts: Der 61-Jährige verantwortet im ver.di-Bildungszentrum im thüringischen Saalfeld das politische Seminarprogramm. Die Teilnehmer können hier nicht nur die Betriebsverfassung pauken, sondern sich auch mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen sowie über Flüchtlinge, Asylpolitik oder die Bedeutung des Worts „Heimat“ diskutieren. 

Der Mauerfall und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten gaben Kraliks Lebensweg eine völlig neue Richtung. Geboren wurde Kralik in Frankfurt am Main, absolviert der Sohn eines Chemiefacharbeiters nach der Realschule eine Ausbildung zum Industriekaufmann, holt das Abitur nach und studiert als Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung Gesellschaftswissenschaften, Germanistik und Pädagogik. Gleich am ersten Tag seiner Ausbildung tritt Kralik in die IG Metall ein. „Das gewerkschaftliche Grundprinzip hat mir immer eingeleuchtet“, sagt er heute.

Als der damals 31-Jährige Mitte 1989 seine Stelle im Bundesjugendsekretariat des ver.di-Vorläufers ÖTV in Stuttgart antritt, beschleunigt sich wenige 100 Kilometer östlich der Zusammenbruch der DDR. „Das war eine spannende Zeit“, sagt Kralik im Rückblick. „Nach dem Fall der Mauer war ja zunächst nicht klar, welche Auswirkungen das auf die westdeutsche Gesellschaft und auch auf die Gewerkschaften haben wird.“ Den Wandel in der DDR begrüßt er. Nie hatte er verstanden, warum manche West-Gewerkschafter dem DDR-Sozialismus etwas abgewinnen konnten.

1991 beginnt Kralik, am Aufbau des gewerkschaftlichen Bildungsangebots in Ostdeutschland mitzuwirken, zunächst an der Ostsee, ab 1995 dann im Bildungszentrum Saalfeld. Ein schwieriges Umfeld: Bei vielen Ostdeutschen waren Gewerkschaften durch die Erfahrungen mit dem regimetreuen Freien Deutschen Gewerkschaftsbund diskreditiert. Zudem galt Saalfeld damals wie heute als Hochburg gewaltbereiter Rechtsextremisten. 

Dass sein Bildungsangebot einmal auf derart fruchtbaren Boden fallen würde, hätte Kralik anfangs nicht erwartet. Heute sind Seminare zu Themen wie Antisemitismus, „Was wollen die alle hier?– Aspekte von Flucht und Asyl“ oder „Was war eigentlich die DDR?“ lange im Voraus ausgebucht. Der Rechtspopulismus hat mittlerweile allerdings auch die Mauern des Bildungszentrums durchdrungen. „Politische Ansichten, die aus der rechten Ecke kommen, sind uns in den Seminaren nicht mehr fremd“, sagt Kralik. „Es wird kontroverser diskutiert als noch vor zehn Jahren.“ Allerdings habe man Themen wie Flucht und Integration auch ganz bewusst ins Programm genommen. „Wir ducken uns nicht weg.“

Manchmal verlässt Kraliks politisches Wirken auch den Seminarsaal. Wie letztens, als er sich mit anderen Saalfeldern zu einer Bürgerinitiative zusammenschloss. Ihr Ziel: Das Areal eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hotels solle nicht bebaut werden, sondern Grünfläche bleiben – und als Gedenkort dem „Bedarf an historischer Aufarbeitung“ dienen. Bei einem Luftangriff alliierter Bomber waren am 9. April 1945 mehr als 200 Saalfelder ums Leben gekommen. Die Bauinvestoren stehen schon bereit, doch Harald Kralik streitet weiter für seine Idee. Er ist einer geblieben, der sich immer noch einmischt.

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