Gesundheitsbranche

Schluss mit #unbezahlt

Viele Auszubildende an Krankenhäusern erhielten bis Ende vergangenen Jahres kein Geld für ihre Arbeit. Der Gesetzgeber hatte sie einfach vergessen. Mit viel Energie, Cleverness und gewerkschaftlicher Unterstützung haben die Azubis jetzt einen Tarifvertrag erstritten. Von Andreas Schulte


Wie wertgeschätzt darf sich jemand fühlen, der kein Geld für seine Arbeit bekommt? Denis Schatilow erhielt keinen Lohn vom Universitätsklinikum Düsseldorf. 2013 begann er eine betrieblich-schulische Ausbildung als medizinisch-technischer Radiologieassistent. Schnell merkte er: „Man macht einen ähnlichen Job wie ein Krankenpfleger.“ Doch während Pfleger bezahlt werden, erhalten Azubis in den medizinisch-technischen Berufen in Deutschland keine Ausbildungsvergütung. „Für diese Jobs muss in der privaten Ausbildung oft sogar noch Schulgeld bezahlt werden“, sagt Schatilow. Er fühlte sich null wertgeschätzt. „Wir wurden vom Gesetzgeber und den Arbeitgebern wie Stiefkinder behandelt“, erinnert er sich. 

Für Schatilow war klar: Das muss sich ändern. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) platzte er in eine Personalversammlung. Sie trugen einen Sarg mit der Aufschrift „Wertschätzung“. Die hatten die Arbeitgeber aus Sicht der Azubis mit ihrer Lohnpolitik zu Grabe getragen. Lauthals forderten sie einen gerechten Lohn. 400 Teilnehmer johlten, buhten oder schauten betreten auf den Boden. Die meisten aber applaudierten: „Die haben das gefeiert“, erzählt Schatilow. Doch es prasselte auch Kritik auf ihn ein: „Zu dreist“ und „geschmacklos“ lautet der Tenor. 

Parlamentarier beim Fototermin

Gemeinsam mit der JAV forderte Schatilow eine Bezahlung zunächst auf betrieblicher Ebene. Doch die Uniklinik stellte sich taub: Selber zahlen wollten die Düsseldorfer nicht. Die Klinik scheute den Aufwand, die Erstattung der Ausbildungsvergütungen nach dem Muster der Pfleger über die Kassen durchzusetzen. 

Doch Denis Schatilow und die elfköpfige JAV der Uniklinik ließen nicht locker, sie druckten Flyer, und Schatilow sprach unter dem Motto „Ausbildungsvergütung für alle“ auf Personalversammlungen. Zunächst vergeblich: „Wir sollten doch froh sein, dass wir an Unikliniken kein Schulgeld bezahlen müssen“, erinnert sich der 23-Jährige an Gespräche. Doch eines seiner Argumente fand zumindest hier und da Gehör: An allen Unikliniken in Nordrhein-Westfalen sanken die Bewerberzahlen in nicht-tarifierten Berufen. Wenn die Arbeitgeber nicht von sich aus bezahlen, folgerte Schatilow, werden Altersstruktur und Personalmangel bald zu immensen Qualitätsproblemen in den Krankenhäusern führen. 

Schatilow und seine JAV-Kollegen gewannen immer mehr Mitstreiter. Die Jugendvertretungen der sechs Unikliniken in Nordrhein-Westfalen machten 2016, unterstützt von ver.di, unter dem Motto „#unbezahlt“ gemeinsame Sache. Das Ziel: eine Angleichung des Tarifs der nicht vergüteten Ausbildungsberufe an den Tarifvertrag für Auszubildende in der Pflege. Sie gewannen Rückhalt unter Kollegen und in der Öffentlichkeit. Presse und Politik sprangen auf das Thema an. Aus Berlin kamen Bundestagsabgeordnete zum Fototermin einer #unbezahlt-Aktion an die Uniklinik nach Düsseldorf. Auch das Fernsehen drehte einen Beitrag. Sich für die vergessenen Unbezahlten einzusetzen schien plötzlich angesagt. 

Bsirske macht Druck

Bei ver.di wurde #unbezahlt zur Chefsache. Frank Bsirske sprach öffentlich über den Missstand. Dem Druck gaben die Unikliniken schließlich nach. Sie übergaben die Verhandlungen der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL), also dem Arbeitgeberverband der Länder. Bsirske wandte sich gemeinsam mit der TdL an den Gesetzgeber. Die Politik solle die entscheidende Frage beantworten: Sind die schulischen Ausbildungsberufe Teil des Krankenhausfinanzierungsgesetzes? Wenn dies so ist, müssen die Kassen eine Vergütung finanzieren, und dann wäre auch der Weg zu einem Tarifvertrag geebnet. 

Tatsächlich lenkte das Gesundheitsministerium ein. Aus den Worten „zum Beispiel“ sei abzuleiten, dass der Gesetzgeber im Krankenhausfinanzierungsgesetz auch andere Ausbildungsvergütungen im Blick hatte als die dort erwähnten Hebammen und Entbindungshelfer, hieß es. „Das war der Durchbruch. Ab diesem Zeitpunkt ging es nur noch um die Höhe der Vergütung“, erzählt Schatilow. 

Zäher Verhandlungsbeginn

Im Oktober 2018 begannen in Berlin die entscheidenden Verhandlungen. Schatilow war dabei. Doch sein Ziel, die Angleichung an den Pflegetarif, rückte zu Beginn der Runde in weite Ferne. Die Arbeitgeber boten gerade einmal 70 Prozent der gut 1100 Euro. „Viel zu wenig“, sagt Schatilow. „Für dieses Geld finden die Kliniken niemanden für diesen Job.“ Das Argument der Gegenseite: Wenn die betrieblich-schulischen Azubis das gleiche Geld erhalten wie die Pfleger, gehe niemand mehr in die Pflege. 

Sein großes Ziel erreichte Denis Schatilow drei Jahre nach dem Beginn des Protests: Ende 2018 vereinbarte ver.di mit den Arbeitgeberverbänden des öffentlichen Dienstes einen Tarifvertrag für Auszubildende in betrieblich-schulischen Gesundheitsberufen. Am Ende stand eine Einigung auf 91 Prozent der Ausbildungsvergütung für Pfleger, genau 965,24 Euro im ersten Jahr. 

Für Denis Schatilow, der seine Ausbildung mittlerweile abgeschlossen hat und an der Uniklinik als freigestellter Jugendvertreter arbeitet, zählt nicht nur das Geld. Genauso sehr freut er sich über die hart erkämpfte Wertschätzung für seine Kollegen.


Tarifvertrag für betrieblich-schulische Auszubildende

  • 965 bis 1.122 Euro monatliche Vergütung je nach Ausbildungsjahr
  • 29 Urlaubstage
  • Prämie von 400 Euro bei abgeschlossener Ausbildung 
  • Anspruch auf Übernahme für ein Jahr
  • Jahressonderzahlung von 95 Prozent der monatlichen Ausbildungsvergütung


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