Interview

"Technik first wäre der falsche Weg"

Gespräch mit Michaela Evans, Direktorin des Forschungsschwerpunkts Arbeit & Wandel am Institut Arbeit und Technik (IAT) in Duisburg, über Digitalisierung in der Pflege.


 

Die Digitalisierung hält in den sozialen Dienstleistungen nur verzögert Einzug. Woran liegt das?
Es herrscht Unsicherheit bei der Frage, wer es finanziert und welche technischen Lösungen sich tatsächlich lohnen. Es gibt zwar ein großes Angebot an innovativer Technik in der Pflege, aber bislang nur wenig Erkenntnis, welche Lösungen die Versorgung und Arbeit am besten unterstützen. Beschäftigte haben zwar oft sehr gute Ideen, wo digitale Technik sinnvoll eingesetzt werden kann, sie werden aber viel zu selten beteiligt. Digitale Anwendungen werden zurzeit vor allem zur Dokumentation und Leistungserfassung eingesetzt.

Die Branche leidet unter enormem Fachkräftemangel. Kann die Digitalisierung hier Abhilfe schaffen?
Digitalisierung bietet durchaus die Chance, Beschäftigte zu entlasten und gleichzeitig die Versorgung der Patienten zu verbessern, etwa indem sie Dienstleistungen über Einrichtungs- und Professionsgrenzen hinweg besser erreichbar macht. Sie kann Menschen in der Ausbildung unterstützen, denn künftig können wir uns vermeidbare Ausbildungsabbrüche kaum noch leisten. Digitale Lösungen zur Sprachdokumentation, für Televisiten oder mehr Medikamentensicherheit können helfen, personelle Ressourcen und Kompetenzen gezielter einzusetzen. Aber „Technik first“ wäre der falsche Weg. Sinn und Mehrwert digitaler Lösungen müssen sich zuallererst daran messen lassen, ob sie die Versorgung der Patienten und die Arbeit der Beschäftigten verbessern.

Wie kann die Digitalisierung in Pflege und Erziehung gelingen, ohne dass sie zur Rationalisierungsfalle oder zu einer Mehrbelastung wird?
Es besteht die Gefahr, dass digitale Technik einzelne Berufs- und Beschäftigtengruppen in einem schleichenden Prozess abwertet und die Beschäftigten von ihrer Arbeit entfremdet. Von Nutzen wäre daher ein überbetriebliches Monitoring, das Erfahrungen und Folgen der Digitalisierung in der sozialen Dienstleistungsarbeit systematisch aufbereitet und die Erkenntnisse für die Arbeitspolitik verfügbar macht.

Studien zum Thema

Christina Schildmann/Dorothea Voss: Aufwertung von sozialen Dienstleistungen. Warum sie notwendig ist und welche Stolpersteine noch auf dem Weg liegen. Forschungsförderungsreport der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 4, 2018. 

Michaela Evans/Volker Hielscher/Dorothea Voss: Damit Arbeit 4.0 in der Pflege ankommt. Wie Technik die Pflege stärken kann. Policy Brief der Hans-Böckler-Stiftung, März 2018. 

Katarzyna Haverkamp/Kaja Fredriksen: Lohnstrukturen im Handwerk. Study der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 380, 2018


zurück

Zum Inhaltsverzeichnis dieses Heftes

X

Hinweis zur Nutzung von Cookies auf dieser Website

Diese Website benutzt Cookies. Indem Sie die Website und ihre Angebote nutzen und weiter navigieren, akzeptieren Sie diese Cookies. Die Nutzung der Cookies können Sie in Ihren Browser-Einstellungen ändern. Wir benutzen außerdem Tracking-Cookies der Tracking-Tools Matomo und Webtrekk. Diese werden nur gesetzt, wenn Sie auf den „Einverstanden“-Button klicken. Solange Sie dies nicht tun, nutzen Sie die Website und Ihre Angebote, ohne dass die genannten Tracking-Tools aktiviert werden. Durch die Betätigung des Einverstanden-Buttons willigen Sie auch in das durch Facebook Insights getätigte Tracking auf der Facebook Fanpage der Hans-Böckler-Stiftung ein. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.


Einverstanden