Fachkräfte

Was hilft, wenn Fachkräfte rar werden

Handwerker, Erzieherinnen und Pflegekräfte haben eins gemeinsam: Sie werden gesucht und immer seltener gefunden. Drei Beispiele, was Betriebs- und Personalräte dagegen tun. Von Uta von Schrenk


Die Initiative der Gewerkschaft ver.di, „Aufstehn für die Kitas“, hatten die Erzieherinnen der Stadt Ronnenberg im Speckgürtel von Hannover wörtlich genommen. Rund 100 Kolleginnen standen Anfang des Jahres auf, um den Rat der Stadt aufzusuchen. Aus gutem Grund, findet die Personalratsvorsitzende der Stadt Ronnenberg, Ute Heidutzek, die selbst 27 Jahre als Erzieherin gearbeitet hat.

Das niedersächsische Kita-Gesetz sieht für eine Gruppe von 25 Kindern im Vorschulalter zwei Fachkräfte vor. Laut pädagogischer Fachliteratur ist das zu wenig. Hinzu kommt: Wie so viele Kitas bundesweit finden auch die Einrichtungen in Ronnenberg immer schwerer Fachkräfte. In den Ronnenberger Kitas waren zu Beginn des Jahres 26 von 184 Stellen nicht besetzt, manche über acht Monate. „Die Kolleginnen sind auf dem Zahnfleisch gegangen“, sagt Heidutzek. So wurde aus zu wenig viel zu wenig.

Bundesweit fehlen laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung 106 500 Fachkräfte in den Kitas. In einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung gaben rund 90 Prozent der Befragten an, im vergangenen Jahr zumindest zeitweise mit „bedenklich zu wenig Personal“ gearbeitet zu haben. Aufgrund des politisch gewollten Ausbaus der Kinderbetreuung und der Anhebung der Personalschlüssel rechnet ver.di bis 2025 mit einem Mehrbedarf von bis zu 600 000 Fachkräften, insbesondere Erzieherinnen.

Der Bedarf trifft auf unattraktive Arbeitsbedingungen: Die pädagogischen Beschäftigten – rund 95 Prozent von ihnen sind Frauen – leisten harte Arbeit : Kinder heben, Lärm, gebückte oder hockende Haltung. Eine Arbeitsqualität im unteren Mittelfeld, stellte der „DGB-Index Gute Arbeit“ fest. Dafür jedoch werden viele Beschäftigte nicht gerade üppig entlohnt. Ein Report der Hans-Böckler-Stiftung forderte bereits 2018 die Aufwertung sozialer Dienstleistungen ein. Zwar zahlen die kommunalen Kitas nach Tarif des öffentlichen Diensts: Eine Erzieherin, zehn Jahre Berufserfahrung, volle Stelle, verdient im Schnitt rund 3600 Euro brutto. Aber mehr als 40 Prozent der Erzieherinnen, so schätzt ver.di, müssen mit 300 bis 400 Euro brutto weniger im Monat klarkommen, denn viele freie Träger zahlen keinen Tarif.

Sylvia Bühler, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand für den Bereich Gesundheit und Soziales, findet, dass Arbeitgeber und Politik gefordert sind. „Wir brauchen flächendeckend gute Tarifverträge und eine gute Personalausstattung. Nur damit ist dem Fachkräftemangel zu begegnen.“ Die Bundesregierung hat zwar 5,5 Milliarden Euro für den Kita-Ausbau freigemacht. Doch die Länder finanzieren damit die Beitragsfreiheit für die Eltern. ver.di, wo ein Großteil der Kita-Beschäftigten organisiert ist, fordert nun Bund und Länder auf, „die Mittel zur Entwicklung und Realisierung von guten Personalschlüsseln und zur Ausbildung von qualifiziertem Personal einzusetzen“.

In Ronnenberg mussten irgendwann teils Kinder nach Hause geschickt, teils ganze Gruppen geschlossen werden. „Wir Erzieherinnen“, sagt Heidutzek, „haben einen pädagogischen Anspruch. Nur versorgen und verwahren, das geht gar nicht.“ Also wandten sich die Erzieherinnen an die Politik – und stießen auf großes Verständnis. Der Erste Stadtrat fand schließlich Abhilfe: Die Auflösung des Springerpools und die Umwidmung anderer Gelder ergab eine dritte Fachkraft für jede Ronnenberger Kita-Gruppe.

Das erwies sich als Jobmagnet: Fast alle der 28 zusätzlichen Stellen sind inzwischen besetzt. „Die Zufriedenheit ist sehr gestiegen, nun sinkt auch hoffentlich der Krankenstand“, sagt Heidutzek. Bündnis 90/Die Grünen und FDP fordern mittlerweile für ganz Niedersachsen die dritte Kita-Fachkraft.

Arbeiten auf Kante

Im Altenzentrum Rodenbach gibt es einen neuen Kollegen in der Pflege. Er erfasst und überwacht das Gewicht von Pflegebedürftigen, meldet, wenn ein Bewohner aufsteht, und löst Alarm aus, wenn er nach einer gewissen Zeit nicht zurückkehrt. Zugegeben, der Umgang mit ihm ist etwas kühl. Aber er macht seinen Job zuverlässig. Der Kollege ist ein digitales Pflegebett. Christina Müller ist stellvertretende Pflegedienstleitung. Sie arbeitet seit 30 Jahren in dem Beruf und weiß Zuverlässigkeit zu schätzen. „Das kommt richtig gut an, auch bei den Kolleginnen“, sagt die 51-jährige Altenpflegerin. 

Im Main-Kinzig-Kreis hat die digitale Zukunft der Altenpflege schon begonnen, und das hat einen Grund. Manche der zwölf kommunalen Einrichtungen haben inzwischen Probleme, Fachkräfte zu finden. Betriebsratsvorsitzende Belinda Schmidt sagt: „Wir haben keinen Ersatz für Langzeiterkrankte oder viele Ausfälle, etwa bei einer Grippewelle. Wir arbeiten personell auf Kante.“ Da kommt der Kollege Bett wie gerufen.

Auf Kante arbeitet die gesamte Branche. Laut Pflege-Report 2019 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK nimmt die Altenpflege einen Spitzenplatz unter den sogenannten Mangelberufen ein. Rund 24 000 Stellen können derzeit nicht besetzt werden. Sylvia Bühler vom ver.di-Bundesvorstand hält den Bedarf an Fachkräften für eine gute Pflege für weit höher. Eine bedarfsgerechte Personalbemessung werde noch ermittelt. 

Der „DGB-Index Gute Arbeit“ von 2018 zeigt: Nur jede fünfte Beschäftigte in der Altenpflege, zum größten Teil Frauen, erwartet, unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen bis zur Rente im Job bleiben zu können. Hinzu kommt die magere Entlohnung. Der größte Teil der Beschäftigten bei kommerziellen Anbietern hat keinen Tarifvertrag. Examinierte Altenpflegerinnen verdienen da oft kaum mehr als 2000 Euro brutto im Monat – in Vollzeit. Mehr als die Hälfte arbeitet Teilzeit. Altersarmut ist programmiert.

„Aufwerten und entlasten“ – mit dieser Formel will ver.di die Altenpflege wieder attraktiv machen. Doch die kommerziellen Anbieter verweigern sich Tarifverträgen. ver.di will nun über den Umweg des Arbeitnehmerentsendegesetzes Billig-Arbeitgeber verpflichten, einen Tarifvertrag anzuwenden. Dieser wird derzeit mit einem neu gegründeten Arbeitgeberverband verhandelt. Wenn dann noch eine bedarfsgerechte Personalbemessung und bessere Ausbildungsbedingungen hinzukommen, sei die Altenpflege auf einem guten Weg.

Wie digitale Hilfsmittel die Arbeitsbedingungen in der Altenpflege erleichtern können, lotet derzeit ein Team des Bildungswerks ver.di, des Instituts für Arbeit und Technik und des Bildungsinstituts im Gesundheitswesen aus. An dem Projekt sind auch die Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises beteiligt. „Unsere Vision ist das digitale Pflegeheim“, sagt Nils Kornherr, zuständig für die Digitalisierung vor Ort. Möglich ist schon vieles: Telemedizin, Robotik zur Aktivierung von Pflegebedürftigen, interaktive Spiele für Demenzerkrankte. Technikfreunde wie Kornherr geraten da ins Schwärmen, aber er weiß auch: „Die Pflege arbeitet am Limit, die Digitalisierung einfach überstülpen geht nicht.“

Im digitalen Pflegeheim soll unter anderem die gesamte Dokumentation der Arbeit direkt am Bett erfasst werden. „Da klickt die Kollegin auf einem Tablet zum Beispiel an, dass sie die Medikamente verabreicht hat, und schon steht es in der Pflegedokumentation“, sagt Kornherr. „Sie muss dafür nicht extra ins Stationszimmer eilen und eine Übergabe schreiben.“ Ab November startet die Testphase, die Tablets sind bestellt.

Dem Handwerk gehen die Handwerker aus

Auch die Firma Volkswagen Automobile Leipzig musste lernen, dass junge Menschen für eine Ausbildung nicht mehr vor der Werkstatt Schlange stehen. Die Niederlassung ist mit 400 Beschäftigten, vier Autohäusern mit Reparaturservice, einem Karosserie- und Lackierzentrum nicht gerade eine kleine Handwerksbude. Dennoch wird es schwerer, Fachpersonal zu finden. Das beobachtet der Betriebsratsvorsitzende Mike Riemann nicht nur im eigenen Betrieb. Er ist auch stellvertretender Vorsitzender im Konzernbetriebsrat der VGRD, der automobilen Handelsgruppe von Volkswagen, und Vizepräsident der Handwerkskammer zu Leipzig. Das schärft den Blick für die Probleme über eine ostdeutsche Stadt hinaus. „Das Handwerk muss insgesamt an seinem gesellschaftlichen Standing arbeiten.“ 

Dem Handwerk gehen die Handwerker aus: 30 000 unbesetzte Ausbildungsstellen, 200 000 bis 250 000 offene Stellen – und das bei vollen Auftragsbüchern. Ralf Kutzner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und für das Handwerk zuständig, kritisiert: „Von der guten wirtschaftlichen Lage kommt bei vielen Beschäftigten nichts an.“ Im Handwerk liegen die Löhne 20 Prozent unter allen anderen Wirtschaftsbereichen. Ursache ist die geringe Tarifbindung, nur für 30 Prozent der Beschäftigten gilt ein Tarifvertrag. „Das führt dazu, dass rund zwei Drittel des Nachwuchses abwandern“, sagt IG-Metall-Vorstand Kutzner. Allein 35 Prozent der jungen Handwerker gehen in die Industrie. Hinzu kommt: „Die Jahrgänge werden kleiner, der Wettbewerb um die jungen Menschen wird schärfer.“ Von einem verbindlichen Branchendialog mit dem Bundeswirtschaftsministerium über faire Auftragsvergabe und Alterssicherungsmodelle bis hin zur Förderung des Handwerks im ländlichen Raum hat die IG Metall der Politik notiert, was nötig ist, um ein Ausbluten der Branche zu vermeiden.

In Leipzig brachte der gesättigte Automarkt die VW-Niederlassung auf Vordermann. „Wir müssen mit Qualität überzeugen“, sagt Betriebsrat Riemann. Dafür braucht der Betrieb motivierte Beschäftigte. 1300 Euro brutto im Monat, wie sie eine Servicekraft noch vor zehn Jahren verdiente, spornten da wenig an. Einen Haustarifvertrag später sind es 2400 Euro. Seit September gilt die 37-Stunden-Woche. 2020 kommt die Niederlassung endgültig im Flächentarifvertrag an. 2019 zeichnete die IG Metall die VW-Automobile Leipzig mit dem Siegel „Autohaus fair“ aus. „Da sieht man gleich, dass wir tarifgebunden sind. Wenn wir Stellen ausschreiben, ist das ein Pfund“, sagt Riemann. Doch das sei nur ein Argument, um Fachkräfte zu gewinnen. Die Unternehmenskultur müsse ebenfalls stimmen. Deshalb gibt es nun Briefkästen für Ideen und Kritik sowie jedes Jahr „das Stimmungsbarometer“, eine Mitarbeiterbefragung zur Betriebszufriedenheit. „Bei uns muss keiner Angst haben, den Vorgesetzten zwei Ebenen drüber anzusprechen.“ Bei Problemen müssen die Abteilungsleitungen reagieren.

Wie die gesamte Automobilbranche steht auch das Kfz-Handwerk vor einer Zeitenwende. Der Verbrennungsmotor wird sich langsam von der Hebebühne verabschieden. Das verändert auch den Beruf des Mechanikers. Neue Technologien und Antriebsmodelle müssen verstanden werden, schon jetzt arbeiten die Mechaniker zunehmend digital gestützt, etwa mit Reparaturprogrammen. „Wir müssen uns dem Strukturwandel stellen“, sagt Betriebsrat Riemann. 

Das geht nur mit Qualifizierung. Jeder Beschäftigte führt einmal im Jahr ein Personalentwicklungsgespräch mit dem Vorgesetzten. Für Talente gibt es seit drei Jahren Qualifikationsprogramme bei der VGRD. Mehr als 150 Teilnehmer haben Arbeitgeber und Konzernbetriebsrat bereits bundesweit dafür ausgewählt. „Theoretisch kann man bei uns“, sagt Riemann, „vom Auszubildenden zum Geschäftsführer werden.“

 

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