Welthandel

Potenzial für einen empfindlichen Dämpfer

Die konfrontative Handelspolitik der US-Regierung richtet sich nicht nur gegen China, sondern auch gegen die EU. Eine Eskalation könnte auch Arbeitsplätze in Deutschland gefährden – etwa in der Autoindustrie. Von Annika Janssen und Kay Meiners


US-Präsident Trump (M.) bei der Einweihung eines Flüssiggas-Terminals in Louisiana: "Mit Druck die Marktöffnung erzwingen" (Foto: Shealah Craighead via ZUMA Wire)

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Außenhandelsexpertin Sabine Stephan: „Mittelfristig 0,2 Prozentpunkte weniger Wachstum“ (Foto: Uli Baatz)
Die Verhandlungen in Washington waren noch im Gange, da wollte Donald Trump das Blatt wenden. Während Unterhändler der USA und Chinas nach einer Lösung für den seit Anfang 2018 laufenden Handelsstreit ihrer Länder suchten, hob der US-Präsident die Zölle auf chinesische Importe über Nacht drastisch an – von zehn auf 25 Prozent. Trump wollte den Druck auf China steigern, um schneller zum Ziel zu kommen. Doch seine Rechnung ging nicht auf: Wenige Tage später reagierte Peking und kündigte an, die Zölle auf US-Waren zu erhöhen, je nach Produkt auf zehn, 20 oder 25 Prozent. Seit Donald Trump im Amt ist, sind Konflikte zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Handelspartnern zu einem Dauerthema geworden. Die jüngste Eskalation mit China ist nur das aktuellste Beispiel. Aber auch die Nachbarländer der USA, Mexiko und Kanada, sind ins Visier der US-Regierung geraten, ebenso wie die EU und speziell Deutschland. Trump ist das enorme Handelsbilanzdefizit der USA ein Dorn im Auge. 2018 betrug es fast 880 Milliarden US-Dollar. Das mit Abstand größte Dezifit haben die Vereinigten Staaten gegenüber China. Im letzten Jahr überstiegen die Wareneinfuhren der USA aus China ihre Exporte dorthin um fast 420 Milliarden US-Dollar. Für Trump sind die Zahlen Ergebnis unfairer Handelspraktiken. Er behauptet, die USA hätten ihre Märkte geöffnet, während US-Firmen der Marktzugang erschwert werde. Mit Strafzöllen will er die Handelspartner zwingen, ihr Verhalten zu ändern. 

Im Konflikt zwischen den USA und China geht es um viel mehr als um Dumping-Preise, unerlaubte staatliche Subventionen, Behinderung beim Marktzugang oder Verletzung geistigen Eigentums, wie Sabine Stephan, Außenhandelsexpertin beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, erklärt. Letztlich seien die Auseinandersetzungen „Ausdruck des Ringens der USA und Chinas um die Vormachtstellung in der Welt“. Beim Konflikt zwischen den USA und der EU sieht sie andere Motive: „Ziel von Trump ist es, den europäischen Markt für US-Produkte zu öffnen, etwa für landwirtschaftliche Erzeugnisse und Flüssiggas. Die Androhung von Autozöllen soll die EU-Staaten, insbesondere Deutschland unter Druck setzen, Zugeständnisse zu machen und über Themen zu verhandeln, die nicht im Handelsmandat der EU stehen. Dieses deckt nur Verhandlungen über den Abbau von Industriezöllen und zur regulatorischen Kooperation.“

Ein neuer, schärferer Ton

Das Verhandlungsklima unter Trump ist dabei nicht einfacher geworden. „Der Ton der Debatten hat sich verschärft“, sagt IMK-Expertin Stephan. „Bislang gab es unter den Staaten einen breiten Konsens, dass Handelsstreitigkeiten im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO gelöst werden sollten. Diesen Konsens haben die USA aufgekündigt.“ Außerdem trug man Zwistigkeiten meist hinter verschlossenen Türen aus. „Das ist jetzt anders. Trump setzt unverhohlen die ökonomische Stärke der USA ein, um seine Agenda durchzusetzen“, sagt Stephan.

Das gilt auch im Handelskonflikt mit der EU. Auch hier rechtfertigt Trump die Androhung von Strafzöllen auf Automobile aus Europa mit dem Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber der EU. Dieses betrug im vergangenen Jahr 170 Milliarden US-Dollar. Was Trump verschweigt, ist die Tatsache, dass dieses Defizit im Güterhandel durch einen Überschuss bei den Dienstleistungen von 60 Milliarden US-Dollar und bei den Vermögenseinkünften von 118 Milliarden US-Dollar mehr als ausgeglichen wurde, so dass die USA gegenüber der EU 2018 einen Leistungsbilanzüberschuss in Höhe von 13 Milliarden US-Dollar erzielten. 

Was kann Deutschland passieren?

Von solchen Einwänden unbeeindruckt hat die Trump-Regierung immer wieder mit Einfuhrzöllen von bis zu 25 Prozent auf Autos aus Deutschland gedroht – und damit einer Branche, an der viele Arbeitsplätze hängen und die viel öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Außenhandelsexpertin Sabine Stephan rechnet damit, dass diese Zölle kommen werden: „In bisherigen handelspolitischen Auseinandersetzungen hat Donald Trump seine Drohungen immer wahr gemacht.“ 

Das hätte Folgen. So rechnet der in Brüssel ansässige Think Tank Bruegel mit einem Rückgang der deutschen Auto-Exporte in die USA um ein Drittel; das Münchener ifo Institut befürchtet sogar einen Einbruch um fast die Hälfte. „Diese Zölle würden die gesamten Auto-Exporte aus Deutschland um 7,7 Prozent verringern, was einem Wert von 18,4 Milliarden Euro entspräche“, sagt Gabriel Felbermayr, der bis Februar das ifo Zentrum für Außenwirtschaft leitete. Seit März ist er Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Die Wertschöpfung der Autoindustrie in Deutschland würde um sieben Milliarden Euro sinken, also um rund fünf Prozent. Ein herber Schlag. 

Konjunkturell hätten die Strafzölle das Potential für einen „empfindlichen Dämpfer“ so IMK-Direktor Sebastian Dullien. Sabine Stephan hält „Gewinneinbußen der Konzerne für wahrscheinlich“, aber das gesamtwirtschaftliche Risiko der Autozölle für „beherrschbar“. Sowohl das IMK wie das ifo Institut gehen davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland im Falle von Strafzöllen der US-Regierung mittelfristig um bis zu 0,2 Prozentpunkte geringer ausfallen könnte. 

Wie stark die deutsche Automobilbranche von den Autozöllen betroffen sein könnte, lässt sich aufgrund der Komplexität der globalen Wertschöpfungsstrukturen nur schwer abschätzen. Thomas Theobald, der zusammen mit Sabine Stephan am IMK an Modellrechnungen arbeitet, weist darauf hin, dass neben den direkten Effekten auch mit einem Unsicherheitsschock zu rechnen ist, den protektionistische Maßnahmen auslösen: „Da niemand weiß, wie es mittelfristig weitergeht, werden auch Investitionen aufgeschoben. Das wirkt sich zusätzlich negativ aus.“ 

Sicher ist aber, dass die deutschen Automobilkonzerne vor dem Hintergrund des Handelsstreits mit den USA auch über Produktionsverlagerungen nachdenken. Zwar betreiben BMW, Daimler und VW seit Jahrzehnten große Werke in den USA. Aus Deutschland werden aber nach wie vor Motoren und Getriebe importiert. 

„Sollten die Autounternehmen angesichts der Zölle ihre US-Werke noch um Motorenwerke ergänzen, würde sich das auf die Beschäftigung hierzulande auswirken“, sagt IMK-Expertin Stephan. „Es gibt derzeit allerdings keine belastbaren Analysen dazu, wie viele Arbeitsplätze gefährdet sind.“

Handelspartner USA

In keinem anderen ausländischen Staat verdienen deutsche Firmen so viel Geld wie in den USA. Im vergangenen Jahr gingen laut Statistischem Bundesamt Waren im Gesamtwert von 113,5 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten. Damit erzielte Deutschland in den USA mit 48,9 Milliarden Euro den höchsten Exportüberschuss. Auf Platz zwei folgte im Jahr vor dem Brexit Großbritannien mit 45 Milliarden Euro, auf Platz drei Frankreich mit gut 40 Milliarden Euro.


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