Böckler Impuls Ausgabe 10/2019

Private Equity

Pflegeheime auf dem Einkaufszettel

Finanzinvestoren steigen in großem Stil in den deutschen Gesundheitsmarkt ein. Für die Beschäftigten bringen die Übernahmen große Unsicherheit mit sich. 

Pflegeheime auf dem Einkaufszettel

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Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen – darauf hat es eine Reihe von Investoren abgesehen, die Unternehmen kaufen und verkaufen. Seit 2013 gab es im deutschen Gesundheitswesen rund 130 Übernahmen durch Private-Equity-Gesellschaften, fast zwei Drittel davon allein zwischen 2017 und dem ersten Halbjahr 2018. Damit sei die Gesundheitsbranche zum wichtigsten Ziel privater Beteiligungsgesellschaften in Deutschland geworden, schreiben Christoph Scheuplein, Michaela Evans und Sebastian Merkel vom Institut Arbeit und Technik (IAT). Die Forscher stützen sich dabei im Wesentlichen auf Daten des von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekts „Private Equity Monitor Deutschland“. 

Die Übernahmen finden vor allem in drei Bereichen statt: Mehr als ein Drittel betreffen Pflegeheime und Pflegedienste, gut die Hälfte Facharztpraxen oder Medizinische Versorgungszentren, etwa ein Zehntel Krankenhäuser. Nach der Zahl der Beschäftigten entfiel mehr als die Hälfte auf Pflege-Unternehmen, ein knappes Drittel auf Krankenhäuser und etwas mehr als ein Zehntel auf Facharztpraxen. Besonders aktiv waren die Firmenhändler  in den Bereichen Zahnmedizin, Augenheilkunde und Rehabilitation. Im gesamten Zeitraum waren rund 65000 Beschäftigte mindestens ein Mal von einer einer Übernahme durch Private-Equity-Gesellschaften betroffen.

„Sichere Refinanzierungsbedingungen, langfristige Gewinnerzielungsmöglichkeiten, steigende Immobilienpreise, finanzielle Eigenbeiträge der Pflegebedürftigen wie auch der Bedeutungsgewinn von Selbstzahlerleistungen“ machten den wachsenden deutschen Gesundheitsmarkt für Finanzinvestoren attraktiv, schreiben die Wissenschaftler. Bei den Investoren handelt es sich der Studie zufolge überwiegend um kapitalkräftige, fonds-basierte Private-Equity-Gesellschaften aus verschiedenen europäischen Ländern und den USA. Zwei Drittel der an den Übernahmen beteiligten Fonds hatten ihren rechtlichen Sitz in einem Offshore-Finanzzentrum, meistens auf den Cayman Islands. Dorthin flössen auch die im deutschen Gesundheitssektor erzielten Gewinne, schreiben Scheuplein, Evans und Merkel.

Die Käufer verfolgen häufig eine sogenannte Buy-and-Build-Strategie: Sie kaufen mehrere Einrichtungen der gleichen Fachrichtung auf und schließen sie zu einer neuen – internationalen – Unternehmenskette zusammen. Ihr Engagement ist meist kurzfristig angelegt. Ziel ist es, die Unternehmen nach Zusammenlegung und Restrukturierung mit möglichst viel Gewinn zu verkaufen. Nicht selten werden die Firmen von einer Private-Equity-Gesellschaft zur nächsten weitergereicht. Ein Beispiel dafür ist die Pflegeheimkette Casa Reha mit Sitz in Oberursel, eines der allerersten Übernahmeziele im deutschen Gesundheitssektor. Wenige Jahre nach der Gründung des Unternehmens stiegen 1998 der deutsche Investor ECM Equity Capital Management und die US-Bank JP Morgan ein. Im Jahr 2005 wurde die Kette dann an die US-amerikanische Gesellschaft Advent International veräußert. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Gruppe aus 24 Pflegeheimen mit 3300 Betten. Drei Jahre später übernahm der britische Investor HG Capital als neuer Mehrheitseigentümer, der sie schließlich nach weiteren Zukäufen 2015 an den französischen Seniorenheim- und Klinikbetreiber Korian weiterverkaufte. Mit seinen bis dahin 70 Pflegeheimen, 10000 Betten und rund 4000 Mitarbeitern in Deutschland steht Casa Reha beispielhaft für Gesundheitsketten im Besitz von Investoren.

Das Problem: Private-Equity-Gesellschaften steigern ihre Rendite, indem sie Kosten senken oder sich auf lukrative Geschäftsfelder konzentrieren. Tatsächlich gibt es bereits Hinweise auf schlechtere Arbeitsbedingungen und eine Einschränkung der Mitbestimmung, so die Wissenschaftler. Sie sehen einen deutlichen Handlungsbedarf der Politik. So lägen die konkreten Auswirkungen auf die Qualität der Patientenversorgung und die Verwendung der Versichertenbeiträge bislang völlig im Dunkeln.

Quelle

Christoph Scheuplein, Michaela Evans, Sebastian Merkel: Übernahmen durch Private Equity im deutschen Gesundheitssektor. Eine Zwischenbilanz für die Jahre 2013 bis 2018 (pdf), IAT Discussion Papers 19/1, Januar 2019
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