Böckler Impuls Ausgabe 08/2019

Tarifverträge

Billiglohnland Sachsen

Sachsen hat die geringste Tarifbindung in Deutschland. Auch Betriebsräte sind seltener als anderswo. Die Verantwortung dafür tragen Politik und Arbeitgeber.

Billiglohnland Sachsen

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Nicht einmal 40 Prozent der Beschäftigten in Sachsen arbeiten in einem tarifgebundenen Betrieb – so wenige wie in keinem anderen Bundesland. Das zeigt eine Studie von Thorsten Schulten, Malte Lübker und Reinhard Bispinck vom WSI. Angesichts seiner vergleichsweise günstigen Wirtschaftsstruktur müsste Sachsen eigentlich eine höhere Tarifabdeckung aufweisen, so die Forscher. Dass dies nicht so ist, hänge „stark mit den besonderen politischen Rahmenbedingungen und dem Verhalten der Unternehmen zusammen“.

Für ihre Analyse haben die WSI-Wissenschaftler Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und des Statistischen Bundesamts ausgewertet. Tarifverträge gelten demnach für 39 Prozent der Arbeitnehmer in Sachsen. In den übrigen ostdeutschen Bundesländern liegt die Tarifbindung im Schnitt bei 46 Prozent, in Westdeutschland bei 57 Prozent. Von den Betrieben sind in Sachsen noch 15 Prozent an einen Tarifvertrag gebunden, in den übrigen ostdeutschen Bundesländern sind es 20 Prozent und in Westdeutschland 29 Prozent.

Die Tarifbindung ist laut WSI seit Mitte der 1990er-Jahre in Deutschland insgesamt zurückgegangen, im Freistaat allerdings besonders stark. Am stärksten sei der Rückgang in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und teilweise noch in den 2000er-Jahren ausgefallen. Anschließend hätten sich die Werte auf niedrigem Niveau gehalten und seien erst zuletzt wieder deutlich gefallen. Für die Beschäftigten ist die Tarifflucht mit handfesten Nachteilen verbunden. So verdienen sie generell weniger, wenn ihr Arbeitgeber nicht an einen Tarifvertrag gebunden ist – in Sachsen beträgt die Differenz knapp 15 Prozent. Insgesamt liegen die Löhne – bereinigt um Wirtschaftsstruktur und Betriebsgrößen – fünf Prozent niedriger als in den anderen ostdeutschen Bundesländern. Die Wirtschaftskraft des Landes, so die Forscher, schlage sich nicht in entsprechend höheren Löhnen für die Beschäftigten nieder. Innerhalb von Sachsen gibt es nur wenige Unterschiede: Die Regionen Dresden und Chemnitz kommen auf eine Tarifbindung von 39 Prozent beziehungsweise 38 Prozent der Beschäftigten, nur der Großraum Leipzig weist mit 44 Prozent einen etwas höheren Wert auf.

Hinzu kommt: Die Sachsen kommen nicht nur seltener in den Genuss von Tarifverträgen, sie werden auch seltener von Betriebsräten vertreten. Im Jahr 2017 arbeiteten in Sachsen lediglich 29 Prozent der Arbeitnehmer in Firmen, die sowohl tarifgebunden sind als auch einen Betriebsrat haben. Das ist noch weniger als in den anderen ostdeutschen Bundesländern, wo der Anteil bei 31 Prozent liegt. Aber auch in Westdeutschland sieht es in dieser Hinsicht mit 36 Prozent nicht viel besser aus.

„Die sächsische Politik ist lange dem Leitbild des Billiglohnlandes Sachsen gefolgt. Um dieses Bild zu verändern, ist eine Stärkung der Tarifbindung unabdingbar“, schreiben Schulten, Lübker und Bispinck. Die Politik müsse die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen erleichtern. Außerdem sollten öffentliche Aufträge nur an Firmen gehen, die grundlegende Tarifstandards einhalten. Darüber hinaus müssten auch die Tarifverbände gestärkt und die Tarifflucht über OT-Mitgliedschaften in Arbeitgeberverbänden gestoppt werden.

Quelle

Thorsten Schulten, Malte Lübker und Reinhard Bispinck: Tarifverträge und Tarifflucht in Sachsen, WSI-Study Nr. 19, Mai 2019
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