Deutscher BetriebsräteTag

"Eine Frage des Alters"

Die Betriebsräte des VW-Motorenwerkes in Salzgitter haben die Entwicklung einer alternsgerechten Montagelinie vorangetrieben – unter intensiver Beteiligung von Mitarbeitern und Planern. Dafür erhielten sie den deutschen Betriebsräte-Preis in Gold 2015.


Ihr habt in einem zweijährigen Beteiligungsprozess eine Montagelinie für Motoren erarbeitet, an der ältere und gesundheitlich eingeschränkte Mitarbeiter weiterhin tätig sein können. Ist das ein reines Humanisierungsprojekt, oder rechnet sich das auch fürs Unternehmen?

Aus unserer Sicht ist das kein Sozialprojekt, sondern eine ergonomische Montagelinie, die zu konkurrenzfähigen Bedingungen produziert – mit den gleichen Stückzahlen. Allerdings ist sie etwas teuer als die herkömmliche Linie. Volkswagen hat dafür circa sechs Millionen Euro mehr investiert, Geld, das sich langfristig bezahlt machen wird. Wir haben 1700 Kolleginnen und Kollegen, die schon älter als 50 sind, das Durchschnittsalter ist 45 Jahre. Wir werden künftig wesentlich mehr Arbeitsplätze brauchen für Ältere, deshalb ist dieser Einstieg schlicht notwendig. 

Was würde ansonsten mit den Mitarbeitern passieren?

Angesichts der Anzahl an älteren Kollegen gibt es kaum eine Alternative. Wir können ja nicht für die Stadt Salzgitter den Rasen mähen. Wären sie an einer herkömmlichen Montagelinie geblieben, hätte das bedeutet, dass die Krankenquote im Werk wesentlich gestiegen wäre, was wiederum Kosten verursacht hätte. 

Die neue, ergonomische Linie ist eine Initiative des Betriebsrats. Warum war die Arbeit am Band nicht mehr zumutbar gewesen?

Das ist eine Frage des Alters. Wir haben in der Montage eine sehr hohe Produktivität, dieses Tempo kann man körperlich ab einem gewissen Alter nicht mehr aufrechterhalten. Von daher ist es notwendig, die Arbeitsplätze so zu gestalten, dass man das weiterhin kann. Vereinbart haben wir mit dem Unternehmen VW, dass zu je einem Drittel junge Kollegen, über 50-Jährige und Mitarbeiter mit Leistungseinschränkungen an dieser Linie eingesetzt werden. 

Ist die Arbeit nun viel leichter geworden?

Ja und nein. Dass die Arbeit leichter wird, das haben zunächst auch die Kolleginnen und Kollegen gedacht, die ab Mai neu an diese Montagelinie gekommen sind. Es wird weiter ein Motor an einem Fließband produziert. Das bleibt eine schwere und eintönige Arbeit. Aber es ist wesentlich einfacher, wenn ich einen Motor vor mir habe, der sich auf meine Körpergröße einstellt, sodass ich mich nicht verrenken oder bücken muss und die Arbeit insgesamt in einer guten, ergonomischen Haltung machen kann. 

Könnte die alternsgerechte Linie ein Modell sein für andere VW-Werke oder gar für die Autobranche? 

Das muss ein Modell sein! Für die Branche und allgemein für unser Land. Der Altersdurchschnitt von 45 Jahren, das ist ja kein Einzelfall in Salzgitter, das ist fast überall so, und deshalb müssen sich alle Industriebetriebe darauf einstellen, dass die älteren Kolleginnen und Kollegen an ihren Arbeitsplätzen bis ins Alter hinein arbeiten können. Es geht nicht, dass die Politik eine Rente mit 67 beschließt, aber die Arbeitsbedingungen, die werden für 18-Jährige ausgelegt. 

Ihr habt einen Beteiligungsprozess organisiert. Wie ging das?

Wir haben die psychischen und körperlichen Belastungen schriflich erfragt und zu jedem Arbeitsplatz drei unabhängige Meinungen eingeholt. Das Kernteam traf sich über zweieinhalb Jahre wöchentlich, darunter Kollegen aus dem Gesundheitsbereich, dem Personalwesen, der Planung, dem Industrial Engineering, der Produktion, der Schwerbehindertenvertretung. Mein Betriebsratskollege Detlef Kays ist der Treiber gewesen, ohne ihn wäre das Projekt so nicht umgesetzt worden. 

Wie wichtig war die Expertise der Bandmitarbeiter selbst?

Wir nehmen immer die Menschen mit, das ist Standard bei uns im Betriebsrat. Die Leute wissen einfach am besten, wie es funktioniert, sie kennen ihre Arbeit. Deshalb waren die Beschäftigten die wichtigsten in diesen Prozessen, wobei wir aus jeder Altersgruppe einen Mann und eine Frau im Kernteam dabeihatten. 

VW liegt bei der Arbeitsgestaltung vorn dank der Mitbestimmung. Das könnte die Botschaft sein dieses Betriebsräte-Preises, der, mitten in der Abgasaffäre, an ein VW-Motorenwerk geht. Oder könnte die Unternehmenkrise das Projekt beeinträchtigen?

Sollen unsere Leistungen jetzt durch diese Manipulation, diese kriminelle Handlung einiger weniger infrage gestellt werden? Nein. Wir arbeiten weiter an unseren guten Sozialstandards, damit VW eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt bleibt. Ich hoffe, dass es keine Einbrüche gibt. Unsere neue alternsgerechte Montagelinie steht und arbeitet jetzt in Volllast in drei Schichten. Aber es müssen weitere folgen: Dafür brauchen wir Investitionen.

Die Fragen stellte Cornelia Girndt



Die Preisträger

Auf dem Deutschen BetriebsräteTag in Bonn applaudierten am 29. Oktober rund 600 Betriebsrätinnen und Betriebsräte den Siegern. Der BUND-Verlag ist Ausrichter des jährlich vergebenen Preises. In der Jury ist auch die Hans-Böckler-Stiftung vertreten.

Den Betriebsrätepreis 2015 in Gold nahmen die Kollegen der Volkswagen AG,  Werk Salzgitter entgegen, ein Motorenwerk mit 7500 Mitarbeitern für die Entwicklung einer Montagelinie, an der jetzt bis zu zwei Drittel Ältere und gesundheitlich eingeschränkte Mitarbeiter arbeiten können. Andreas Blechner ist seit über 20 Jahren Betriebsratsvorsitzender, war einige Jahre im VW-Aufsichtsrat. Betriebsrat Detlef Kays ist Leiter des IG Metall-Vertrauensleutekörpers und hat das Projekt einer ergonomischen Montagelinie seit 2013 federführend als Beteiligungsprojekt vorangetrieben. Inka Marohn ist Fachreferentin des Betriebsrats Salzgitter.  Sie gibt Interessierten gerne Auskunft über die Arbeit des Betriebsrates. Zu erreichen ist sie per E-Mail unter: Inka-Simone.Marohn@volkswagen.de Weitere Informationen zu der Ergonomielinie gibt es im Projektbericht.

Den Betriebsrätepreis 2015 in Silber und den Publikumspreis dazu erhielten die Betriebsräte der Konditorenfirma Coppenrath & Wiese GmbH KG in Osnabrück: Sie haben im Zuge des Unternehmensverkaufes seit 2014 zusammen mit der Gewerkschaft NGG agiert und eine Gesamtbetriebsvereinbarung und mit dem Unternehmen abgeschlossen. Die sichert ab, dass ein neuer Käufer das Unternehmen nicht aufspaltet und die Sozialstandards der 2300 Mitarbeiter erhalten bleiben.  Doris Brüggemeyer, Vize-Betriebsratsvorsitzende, versprühte bei der Preisverleihung Kampfgeist pur: „Unser Leitmotto war: Nicht zuerst zu schauen, was im Gesetz geht, sondern das tun, was wichtig ist für unsere Arbeitsplätze“, sagte sie bei der Preisverleihung.  

Den Betriebrätepreis 2015 in Bronze nahm die Betriebsratsvorsitzende der Steinwaldklinik Erbendorf, Monika Selch, entgegen für ihren Einsatz für humane und gute Arbeit im Pflegebereich. Die Arbeitnehmervertreterinnen, darunter Manuela Dietz, hatten sich hartnäckig eingesetzt für zusätzliche Stellen und verbindliche Dienstpläne; und sie hatten mit Unterstützung von ver.di zum Mittel einer kollektiven Gefährdungsanzeige gegriffen. „Ihr Projekt steht für Courage und Mut im Klinikbereich, wo zu wenig Personal alle krank macht“, sagte die Vize-DGB-Vorsitzende Elke Harnack in ihrer Laudatio. 

Sonderpreise erhielten

  • der Betriebsrat von Bosch Rexroth, Schweinfurt, für seine Vertriebsoffensive zur Beschäftigungssicherung,
  • die Gesamtbetriebsräte der Deutschen Telekom für ihre Veranstaltungsreihe zur Stärkung der vertrauensvollen Zusammenarbeit von Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretungen,
  • die Betriebsräte von Varta Microbattery, Ellwangen, für die Abschaffung von Leiharbeit,

 


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