Hochschule

Studieren links und rechts der Oder

Die Europa-Universität Viadrina im brandenburgischen Frankfurt galt lange als das wichtigste Eingangstor osteuropäischer Studierender in die EU. Dort sieht man den wachsenden Nationalismus in Polen und anderswo bisher eher gelassen. Ein Ortsbesuch. Von Gunnar Hinck


Die Oder: Grenze zwischen Deutschland und Polen (Foto: Anna Weise)

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Böckler-Stipendiaten an der Viadrina: isabelle Blume und Sahin Doga (Foto: Anna Weise) Juraprofessorin Eva Kocher ist Böckler-Vertrauensdozentin an der Viadrina (Foto: Anna Weise) Corinna Kleinke, Antonina Balfanz und Astrid Kapler (v. l.) arbeiten im Collegium Polonicum in Słubice für den Studiengang interkulturelle Germanistik. (Foto: Anna Weise)

Auf der Brücke zwischen Frankfurt (Oder) und dem polnischen Słubice herrscht morgens in beiden Richtungen viel Verkehr. Neben den zwei viel befahrenen Autospuren gehen gemächlich ältere Leute über die Brücke, die bepackt mit Einkaufstaschen sind. Berufstätige hasten mit eiligen Schritten vorbei. Man sieht jüngere Leute mit geschultertem Rucksack auf ihrem Weg zum Universitätsgebäude in Frankfurt. In entgegengesetzter Richtung steuern sie das Collegium Polonicum an, die gemeinsame Einrichtung der Frankfurter Europa-Universität Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität im westpolnischen Poznań. Das Gebäude liegt nicht weit vom Flussufer entfernt.

Die Doppelstadt Frankfurt-Słubice ist längst zusammengewachsen. Słubice bezieht Fernwärme aus Frankfurt, und seit einigen Jahren fährt ein Frankfurter Linienbus über die Oder. Die polnische Polizei darf bei Fahndungen nach Deutschland fahren, ebenso die deutsche Polizei in umgekehrte Richtung. In Frankfurt wird an den Schulen Polnisch unterrichtet und an den Słubicer Schulen Deutsch. Polnische und Frankfurter Kinder gehen auf der Westseite in einen gemeinsamen Kindergarten.

„Über die Brücke nach Słubice zu gehen ist Alltag für mich“, sagt Isabelle Blume, Jurastudentin an der Viadrina und Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, beim Treffen an der Universität. Sahin Dogan, ebenfalls Stipendiat, sieht es genauso. Inzwischen könne man auf der Ostseite besser essen gehen, sagen die beiden Studenten. Isabelle Blume, die als Studentenvertreterin im Senat der Uni sitzt, schiebt aber hinterher: „Es ist jedoch nicht normal, bei all dem, was man in den Nachrichten hört. In meiner WG leben zwei Mexikaner. Für sie ist es immer noch etwas Besonderes, einfach so über eine Ländergrenze zu gehen.“

Der Name ist Programm

Dass die Viadrina „Europa-Universität“ heißt, ist kein Zufall, sondern Programm. In ihrer Satzung heißt es, dass sie die internationale Kooperation in Forschung und Lehre ausbauen und die Beziehung zu Osteuropa stärken will. Knapp 25 Prozent der 6500 Studenten kommen aus dem Ausland, mit sechs Prozent stammt der relativ größte Teil aus Polen. Die Universität profitiert von der EU: Das Collegium Polonicum wurde mit Mitteln des „Interreg-Programms“ der EU kofinanziert, mit dem Grenzregionen gefördert werden. Im Nachbarland regiert seit vier Jahren die nationalkonservative PiS-Partei, die zwar die EU nicht direkt ablehnt, in ihrer Regierungspolitik aber einen betont nationalen Kurs fährt und sich gegen eine weitere Integration in die EU stellt. Isabelle Blume, die seit einer transnationalen Ausbildung bei der Deutschen Bahn Polnisch spricht, sagt: „Man merkt, dass die Dinge nicht mehr selbstverständlich sind. Vor drei Jahren habe ich gedacht, die Briten werden doch nicht so blöd sein, die EU zu verlassen. Sie haben dann doch dafür gestimmt. Und in polnischen Medien taucht viel mehr Europaskepsis als früher auf. Man sorgt sich, was für Auswirkungen die derzeitige Politik der polnischen Regierung hat.“ Sahin Dogan spürt noch keine Verschlechterung des politischen Klimas in Frankfurt und Słubice: „Ich bekomme das nur indirekt über die Medien mit“, sagt er. Er stammt aus Hessen und ist bewusst ins brandenburgische Frankfurt gezogen, um den Studiengang Wirtschaft und Recht zu belegen. „Ich liebe das Multikulti hier“, sagt er.

Wechselvolle Geschichte

Die Grenze an der Oder hat eine wechselvolle Geschichte. Słubice war bis 1945 der östliche Teil Frankfurts und wurde dann polnisch. Bis 1971 konnten DDR-Bürger und Polen nicht ohne Visum über die Grenze gehen. 1980 schloss die DDR wieder die Grenze für den visumfreien Verkehr, weil sie befürchtete, dass die Aufbruchstimmung durch die Streiks der polnischen Gewerkschaft Solidarność in die DDR schwappen könnte. Nach der Wiedervereinigung wurde die Grenze wieder geöffnet, aber bis zum Beitritt Polens in den Schengen-Raum 2007 war der Grenzverkehr mit Passkontrollen und langen Schlangen verbunden. Auf der Frankfurter Seite stand eine riesige, nachts grell erleuchtete Abfertigungsanlage, in der der damalige Bundesgrenzschutz zusammen mit dem polnischen Zoll Autos und Lastwagen durchsuchen konnte.

Das ist längst Vergangenheit. Ein schneller Gang über die Brücke, Besuch im Collegium Polonicum bei Antonina Balfanz, Corinna Kleinke und Astrid Kapler: Die drei Frauen sind für den Studiengang Interkulturelle Germanistik tätig. Neben dem Studiengang German and Polish Law gehört er zu den zwei Programmen, die die Viadrina und die Poznańer Universität zusammen anbieten.

„Die Entwicklung und die aktuelle Verrohung in Polen finde ich besorgniserregend. Sie zeigt, wie schnell das Erreichte zerstört werden kann“, sagt Antonina Balfanz, die Koordinatorin des Bachelorstudiengangs, in einem nüchternen Institutsraum mit Blick über die Oder. Sie spricht das Attentat auf den Danziger Bürgermeister im Januar an: „Die Ermordung von Paweł Adamowicz war ein erschütternder Tiefpunkt.“ Der 53-Jährige war während des Finales einer Spendenaktion auf offener Bühne von einem 27-jährigen vorbestraften Bankräuber erstochen worden. Kommentatoren und Politiker in Polen sehen in der aufgeheizten, polarisierten Stimmung im Land, die von der PiS-Partei und ihrem Vorsitzenden Jarosław Kaczyński geschürt wird, den Nährboden für die Tat.

Corinna Kleinke bemerkt keine Auswirkungen der polnischen Politik auf die Viadrina und gibt sich optimistischer: „Hier ist bereits so viel zusammengewachsen“, sagt sie. „Die PiS hat es jetzt schwerer, dagegen anzukommen.“ Sie stellt aber auch nüchtern fest, dass die Partei bei den Parlamentswahlen 37,6 Prozent errang und es wohl seine Gründe habe, dass sie diese Wählerbasis erreicht hat. „Welche Pläne hat die Bürgerplattform, um Wähler und damit Stimmen zurückzugewinnen?“, fragt sie.

Der Anteil der polnischen Studenten an der Viadrina ist immer noch der größte unter den ausländischen Studenten, aber er geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Das Problem ist nicht politisch, sondern es ist die Sprache: „Das Inte­resse der Polen an der deutschen Sprache sinkt, und umgekehrt“, sagt Antonina Balfanz. Englisch hat in Polen Deutsch als beliebteste Fremdsprache abgelöst. Wer als polnischer Bürger im Ausland studieren will, kann dies durch die Erasmus-Programme problemlos in der gesamten EU umsetzen. Oft reichen Englischkenntnisse, um in einem beliebigen Land zu studieren.

Ein Rückschlag für das Collegium Polonicum ist, dass am Institut seit ein paar Jahren keine rein polnischen Studiengänge der Universität Poznań mehr angeboten werden. Eine Hochschulreform verbietet es seitdem Ablegern von polnischen Universitäten, eigenständige Studiengänge zu organisieren. Das hat allerdings nichts mit Europa zu tun, sondern hatte in Polen hochschulpolitische Gründe. Einen neuen Schub verspricht sich das Collegium von einer gemeinsamen Fakultät der Viadrina und der Universität Poznań, die bald in Betrieb gehen und in Słubice ihren Sitz haben soll: „European New School of Digital Economics“ soll sie heißen.

Die Viadrina und das Collegium Polonicum werden zwar nicht durch die wachsende EU-Skepsis beeinträchtigt. Ironischerweise fordert sie aber ausgerechnet die Europäisierung der Hochschulbildung heraus, sagt Eva Kocher, Juraprofessorin an der Viadrina und Vertrauensdozentin der Hans-Böckler-Stiftung: „Die Viadrina hat heute andere Funktionen als zur Zeit ihrer Gründung. Früher waren wir das Eingangstor der osteuropäischen Studierenden in die damalige EG. Das ist jetzt vorbei, weil sie jetzt überall in Europa studieren können. Aber von den Studierenden werden wir weiterhin zu Recht als Ort wahrgenommen, an dem die Verbindung nach Osteuropa mit unseren Kontakten eine große Rolle spielt.“

„Keine Bedrohung, aber eine Beeinträchtigung“

Ralf Richter ist Abteilungsleiter der Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung und kennt die Situation der Hochschulen in Europa. Dass die politische Großwetterlage und ein möglicher Wahlerfolg EU-skeptischer und -feindlicher Parteien bei den Europawahlen im Mai eine Gefahr für das zusammengewachsene Hochschuleuropa sein könnten, glaubt er nicht: „Eine konkrete Bedrohung sehe ich noch nicht, wohl aber eine spürbare Beeinträchtigung.“ Dazu zählt er die Hochschulpolitik rechtsnationaler Regierungen. „Das bekannteste Beispiel ist der Umgang der ungarischen Regierung mit der privat finanzierten Central European University in Budapest, die nun wohl nach Wien emigrieren wird“, sagt Ralf Richter. „Dabei machen Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei auch nicht vor altehrwürdigen Institutionen wie der Ungarischen Akademie der Wissenschaften Halt. Sie gilt als eine der letzten Bastionen freier, unabhängiger Forschung in Ungarn. All das macht große Sorgen, dennoch würde ich nicht ins Horn der Untergangsbeschwörer stoßen wollen.“ Unter den Böckler-Stipendiaten sind Universitäten osteuropäischer Staaten unverändert nachgefragt, allerdings spielen sie im Vergleich zu anderen Regionen traditionell eine geringere Rolle.

Die Stipendiaten Sahin Dogan und Isabelle Blume sehen die EU in der Verantwortung, um der Rückkehr zum Nationalismus eine Alternative entgegenzusetzen. „Die Politik sollte Europa mehr von einer europäischen Perspektive als von einer nationalen Perspektive her betrachten und entschiedener gegen das negative Bild von Europa argumentieren“, sagt Blume. Dogan sieht Nachholbedarf in Sachen Transparenz: „Viele Bürgerinnen und Bürger haben nicht den Zugang zu den Entscheidungsprozessen. Und man muss das Bewusstsein schaffen, was die Errungenschaften Europas sind, was für Freiheiten Europa bringt. Das dringt nicht richtig durch.“

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