Reportage

Der Frieden nach dem Seifenstreik

Die Beschäftigten des Motorradherstellers Ducati, Teil des VW-Audi-Konzerns, proben mithilfe der IG Metall Mit­bestimmung auf Italienisch – ein erfolgreiches Modell gewerkschaftlicher Zusammenarbeit in Europa. Von Michaela Namuth


Bruna Rossetti, Vorsitzende des Betriebsratsi: Es gibt eine neue, demokratischere Unternehmenskultur beim Motorradhersteller Ducati. (Foto: Gianfranco Gallucci)

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Produktion bei Ducati (Foto: Gianfranco Gallucci) Ducati-Personalchef Luigi Torlai(Foto: Gianfranco Gallucci)
Wer in diese Fabrik eintritt, sieht rot. Rot lackierte Motorradtanks stehen aufgereiht auf einer Plastikplane. Auch die Arbeitsanzüge und Polohemden der Arbeiterinnen und Arbeiter leuchten knallrot. Die Farbe ist ein Markenzeichen von Ducati, ebenso wie der röhrende Motor. Doch in der Halle, wo die Motoren mit dem charakteristischen Sound montiert werden, geht es eher leise zu. Nur ein regelmäßiges Klopfen ist zu hören und ab und zu ein Zischen. Auf den eingezeichneten Wegen fahren kleine Roboterwagen mit Montagesätzen. In den Ecken stehen Blumentöpfe mit Palmen.

In der Fabrik in Borgo Panigale, einem Vorort von Bologna, werden unter anderem die Motoren für die Modelle Monster, Scrambler, Hypermotard und XDiavel zusammengebaut – immer noch in Handarbeit. Wer diesen Job macht, verdient mehr als andere Metallarbeiter in Italien. Die Ducati-Beschäftigten erhalten 20 Prozent mehr als den tariflichen Durchschnittslohn, der bei etwa 1300 Euro liegt. Dazu kommen verschiedene Prämien.

Ducati ist aber nicht nur deshalb etwas Besonderes in der Branche: Das Unternehmen ist auch das Laboratorium für ein italienisches Modell der Mitbestimmung und für eine neue Dialogkultur, die es kaum in einem anderen Betrieb jenseits der Alpen gibt. Seit 2012 gehört das Unternehmen zum deutschen VW-Audi-Konzern. Wie für alle Beschäftigten der Konzerntöchter garantiert dessen Charta der Arbeitsbeziehungen von 2009 der Belegschaft Beteiligungsrechte. Diese werden nun vom Ducati-Betriebsrat nach und nach bei dem italienischen Management eingefordert. Unterstützung bekommen sie dabei vom Europäischen Betriebsrat des Konzerns, dem Audi-Europa-Ausschuss – und der IG Metall.

„Es geht um eine einzigartige Form der gewerkschaftlichen Zusammenarbeit in Europa“, erklärt Volker Telljohann, Koordinator des Projekts in Bologna. 2014 unterschrieb die IG Metall Wolfsburg ein formales Abkommen mit den italienischen Metallern der Federazione Impiegati Operai Metallurgici (FIOM) in der Region Emilia-Romagna. Dieses formalisierte ein transnationales Gewerkschaftsprojekt, das die Arbeit der Eurobetriebsräte „von unten“ ergänzen soll. Im November 2018 verlängerten die Kooperationspartner das Abkommen anlässlich des Kongresses der FIOM bis 2022. In der Praxis probierten sie die Zusammenarbeit bereits bei dem Aufbau von Beteiligungsstrukturen bei Lamborghini aus (MB 7+8/2014). Der Sportwagenhersteller gehört seit 1998 zur VW-Gruppe.

Ducati, gegründet 1926, wurde vor sechs Jahren von VW-Audi übernommen. Seitdem laufen die Geschäfte gut. Der Umsatz ist im Bilanzjahr 2017 um 30 Prozent auf 736 Millionen Euro gestiegen. Während es 2012 noch rund 1000 Beschäftigte gab, sind es heute knapp 1600, inklusive Rennstall.

„Früher gab es dauernd Konflikte mit dem italienischen Management“, erzählt Salvatore Carotenuto, Arbeitnehmervertreter der FIOM und seit 36 Jahren bei Ducati beschäftigt. Zuletzt krachte es im Jahr 2010 bei dem sogenannten „Seifenstreik“, als die Arbeiterinnen und Arbeiter sich weigerten, auf zehn Minuten Pause zum Händewaschen zu verzichten, „um die Rennfahrer zu finanzieren“, wie es damals in einem Flugblatt der FIOM hieß. Die Streichung der Pause hatte der damalige italienische Chef im Alleingang entschieden. Die Belegschaft und ihre Gewerkschaften wurden weder befragt noch informiert. „Das waren und sind eigentlich Methoden des Fiat-Konzerns“, so Carotenuto.

Bei Ducati sind solche Management-Alleingänge heute gar nicht mehr möglich. Die neueren Betriebsabkommen legen fest, dass alle Entscheidungen, die Arbeitszeiten betreffen, mit der betrieblichen Gewerkschaftsvertretung Rappresentanza Sindacale Unitaria (RSU) verhandelt werden müssen. „Konflikte wie den Seifenstreik gibt es nicht mehr“, sagt Carotenuto, einer der drei Vorsitzenden des Betriebsrats.

Seine Gewerkschaft, die FIOM, hat sich für das neue Beteiligungskonzept ins Zeug gelegt – zum Teil auch gegen den Widerstand der anderen beiden Metallgewerkschaften. Er hat so bei den letzten Betriebsratswahlen die absolute Mehrheit errungen. Gemäß der VW-Charta wurden paritätisch besetzte Arbeitsgruppen, Kommissionen genannt, gegründet. Mithilfe dieses neuen Instruments sollen Arbeiter, Techniker, Angestellte und Manager gemeinsam die Produktivität, die Qualität der Arbeitsplätze und die Qualifizierung der Beschäftigten verbessern. Carotenuto vertritt die Belegschaft in der Kommission „Prämien“. Die Diskussion und Erstellung der Tabellen ist ein zeitaufwendiges und kompliziertes Geschäft. „Aber am Ende kommt etwas dabei heraus“, sagt er. Das Prämiensystem ist heute prozentual weniger leistungsgebunden und garantiert einen höheren Festbetrag.

„Die industriellen Beziehungen bei Ducati haben sich in den letzten Jahren vollständig geändert“, erklärt Bruno Papignani, Vorsitzender der FIOM Emilia-Romagna. Dabei haben die Erfahrungen bei Lamborghini eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings gehe es um völlig unterschiedliche Produktionen. Bei Lamborghini sei man auf der Ebene 4.0 angekommen, bei Ducati werden Motoren noch per Hand zusammengebaut. „Daraus ergeben sich unterschiedliche Beteiligungsmodelle, die sich zwar an der deutschen Mitbestimmung orientieren, aber nicht zwangsweise mit ihr übereinstimmen“, so Papignani. Das liegt auch an den unterschiedlichen Strukturen der industriellen Beziehungen. Denn während die Mitbestimmung in Deutschland gesetzlich verankert ist, muss sie in Italien bei betrieblichen Tarifverhandlungen durchgesetzt werden.

Vor allem Papignanis Gewerkschaft, die kämpferische FIOM, setzt sich für das Dialogmodell ein. Das wundert viele in Italien. Der langjährige FIOM-Chef Maurizio Landini war von Anfang an ein Befürworter der deutsch-italienischen Kooperation. Seit Januar 2019 ist er Vorsitzender der mächtigen Dachgewerkschaft CGIL – ein gutes Vorzeichen für die Zukunft dieses Modells der praxisorientierten Zusammenarbeit von europäischen Gewerkschaften.

Bei Fiat war die FIOM unter der Ägide des inzwischen verstorbenen Konzernchefs Sergio Marchionne von den Tarifverhandlungen ausgeschlossen. Bei Ducati baut sie Mitbestimmung auf. Bruno Papignani erklärt den Unterschied der Unternehmenskulturen: Während der Fiat-Konzern und seine Töchter Maserati und Ferrari die Löhne niedrig halten, wird bei Lamborghini und Ducati die höhere Qualifizierung entlohnt. Die unterschiedlichen Taktzyklen mit mehr oder weniger anspruchsvollen Arbeitsvorgängen spiegeln dies wider. Während ein Zyklus bei Fiat eine Minute dauert, sind es bei Lamborghini 75 bis 90 und bei Ducati immerhin noch 15 Minuten. Hier entscheiden die Beschäftigten jetzt mit, wie viele Arbeitsschritte ein Zyklus umfasst.

Doch Beteiligungsinstrumente allein genügen nicht. „Die Leute müssen auch mit Kompetenzen ausgestattet werden, um damit umgehen zu können“, erklärt Volker Telljohann. Der Deutsche ist ein wichtiger Vermittler zwischen den unterschiedlichen Gewerkschaftskulturen. Er arbeitet als Sozialforscher beim gewerkschaftlichen IRES-Institut. Von Bologna aus koordiniert er auch das Kooperationsprojekt zwischen FIOM und IG Metall. Dieses ermöglicht gemeinsame Seminare, Personalaustausch und auch die gegenseitige Beobachtung von Tarifverhandlungen.

„Ohne das Kooperationsprojekt wären wir nie so weit gekommen“, bestätigt Bruna Rossetti. Wie Carotenuto ist sie eine der Vorsitzenden des Betriebsrats. Sie vertritt die FIOM als Angestellte und arbeitet seit über 30 Jahren bei Ducati. Einer der größten Erfolge ist für sie, dass der Betriebsrat eine Liste der Beschäftigten von Zulieferfirmen erstellen konnte, die auf dem Werksgelände beschäftigt sind. „Nur so haben wir eine Chance, an diese Leute heranzukommen“, sagt sie.

Denn ein erklärtes Ziel des Kooperationsprojekts, in dem sie sich seit Jahren engagiert, ist die Vertretung entlang der Zulieferkette. Die ersten Fortschritte sind in den Betriebsräumen sichtbar. Früher mussten sich die Kolleginnen und Kollegen mit Werkverträgen mittags in einen abgetrennten Raum setzen, jetzt können auch sie in der feinen Ducati-Kantine essen. Dort trifft man sich und redet miteinander.

Die Stärke von Bruna Rossetti ist die Aufbauarbeit. Das hat sie auch in Thailand bewiesen. Dort wird im einzigen Auslandswerk von Ducati für den asiatischen Markt produziert. Die italienische Betriebsrätin hat praktische Hilfe geleistet, um mit den dortigen Gewerkschaften eine Belegschaftsvertretung aufzubauen. Unterstützt wurde sie dabei vor Ort auch von Personalchef Luigi Torlai. „Als Italiener bewegen wir uns heute bei Ducati in einer neuen Unternehmenskultur“, erklärt er. Und er ist überzeugt, dass im Betrieb beide Seiten davon profitieren.

Eine der wichtigsten neuen Vereinbarungen betrifft die saisonal begrenzte Teilzeitarbeit. Diese prekär Beschäftigten müssen nun nach spätestens drei Jahren fest übernommen werden. Das ist nicht nur für Italien eine sehr fortschrittliche Regelung. „Gerade bei Themen wie prekäre Beschäftigung und Werkverträge können Deutsche und Italiener voneinander lernen“, meint Stefan Lücking von der Abteilung Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung. 

Er begleitet das Kooperationsprojekt seit 2011. Die Stiftung organisiert jährlich Fachtagungen mit dem IRES Emilia-Romagna zum Erfahrungsaustausch. Die Mitbestimmung „all’italiana“ bei Lamborghini und Ducati hält er für eine einmalige Chance. „Gewerkschaft und Betriebsräte haben nicht einfach die deutsche Mitbestimmung übernommen, sondern die italienischen Vertretungsstrukturen weiterentwickelt und echte Verbesserungen für die Beschäftigten erreicht“, so Lücking.

Bei Ducati haben Bruna, Salvatore und die anderen derweil eine weitere wichtige Hürde genommen genommen: Im März 2019 ist der betriebliche Tarifvertrag nach langen Verhandlungen erneuert worden. Die Arbeitnehmervertreter der FIOM haben weitgehende Forderungen durchgesetzt, vor allem die Einrichtung zweier neuer paritätischer Kommissionen für die Mitarbeiterbeteiligung. Diese Beteiligungsinstrumente sind ein Novum für italienische Unternehmen. Und die Ersten, die es in die Praxis umsetzen, sind die Beschäftigten mit den roten Hemden.

Fragestunde in Brüssel

Was wollen die Europarlamentarierinnen und -parlamentarier für ein soziales Europa tun? Was steht zum Thema Industriepolitik in ihren Programmen? Wie wichtig ist für sie die Rolle der Gewerkschaften? Diese Fragen wollen Gewerkschafter und Betriebsräte aus acht EU-Ländern mit Politikerinnen und Politikern aus fünf Fraktionen des Europarlaments diskutieren. Die Veranstaltung “Making Europe Work – Gewerkschaften für ein soziales Europa” soll vom 15. bis 16. Mai im International Trade Union House in Brüssel, auch Sitz des EGB, stattfinden. Veranstalter ist das deutsch-italienische Gewerkschaftsnetzwerk – die IG Metall Geschäftsstellen Wolfsburg, Ingolstadt und Esslingen sowie die italienische Metallgewerkschaft FIOM Bologna und Emilia-Romagna.

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