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01.10.2008

Neue Untersuchung

Flexibilität, Arbeitsverdichtung und Verunsicherung - der Umbau der Deutschen Bahn aus der Sicht der Beschäftigten

Der Umbau der Deutschen Bahn AG bringt große Belastungen für die Beschäftigten. Nach jahrelangem Stellenabbau hat sich die Arbeitsbelastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stark verdichtet. Häufige, wenig transparente Umstrukturierungen und die Sorge um den Arbeitsplatz verunsichern viele Beschäftigte, obwohl die Identifikation mit dem Unternehmen nach wie vor groß ist. Das ergibt sich aus einer neuen, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung unter der Leitung von Prof. Dr. Hildegard Maria Nickel. Die Studie zeigt: Der Konzern befindet sich auch nach Einschätzung von Führungskräften in einer Phase, in der weitere Produktivitätssteigerungen nicht mehr durch Rationalisierung erreicht werden können, sondern vor allem durch eine konsequente Personalentwicklung. In der Praxis funktioniere das aber längst nicht immer. Die Leitbilder von Kunden- und Gewinnorientierung erwiesen sich teilweise als widersprüchlich, resümieren die Forscher. Das zeigten exemplarisch Aussagen wie die einer Personalführungskraft: "Auf der einen Seite wird gesagt, Kunden, wir müssen da offensiv rangehen und das darf auch Personal kosten und - zack, von einem Tag auf den anderen: Jetzt müssen wir aber abbauen."

Nickel, Soziologieprofessorin an der Humboldt-Universität Berlin, und ihre Co-Forscher Hasko Hüning und Michael Frey interviewten für ihre Untersuchung Beschäftigte und Führungskräfte unterschiedlicher Bereiche und Hierarchiestufen sowie Betriebsräte der Bahn. Der bislang staatliche Konzern ist aus Sicht der Wissenschaftler aus zwei Gründen besonders interessant: Einerseits vollzögen sich in dem ehemals behördlich organisierten Unternehmen gleichsam im Zeitraffer die in vielen Großunternehmen zu beobachteten Trends der "Vermarktlichung und Subjektivierung" von Arbeit. Andererseits beobachten sie Spielräume für eine Regulierung dieser Entwicklung. Diese würden begünstigt durch eine starke gewerkschaftliche Interessenvertretung ebenso wie durch eine auch bei Führungskräften "immer noch vorfindbaren Sozialorientierung".

Zwischen 1994 und 2007 sank die Zahl der Bahn-Beschäftigten von 331.000 auf 231.000. Jedes Jahr verließen zwischen 8000 und 25.000 Mitarbeiter das Untenehmen. Auf Druck der Gewerkschaften richtete der Konzern ein Vermittlungsunternehmen (DB Jobservice) ein, in dem Beschäftigte, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weiter beschäftigt und in andere Bereiche des Konzerns vermittelt werden. Im Jahre 2001 wurde außerdem ein Leiharbeitsunternehmen (DB Zeitarbeit GmbH) gegründet. Darüber hinaus wurden Abfindungsprogramme, Vorruhestand und Altersteilzeit genutzt und einzelne Unternehmensteile ausgegliedert.  Für die verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutete der massive Stellenabbau eine "enorme Arbeitsverdichtung", so die Wissenschaftler, die oft "zu Lasten des Qualitätsanspruches der Beschäftigten an ihre eigene "gute" Arbeit" gehe. Denn die Tätigkeiten seien zwar unter den Vorzeichen einer stärkeren Kundenorientierung oft komplexer, aber nicht selbstbestimmter geworden. Eine stärkere "Subjektivierung" ihrer Arbeit erlebten viele Beschäftigte nur, wenn die Abläufe außer Plan geraten: "Eventuelle Störungen im zunehmend komplexeren Arbeitsprozess müssen von den Beschäftigten flexibel abgepuffert werden."

Flexibel seien bei immer mehr Beschäftigten auch die Arbeitszeiten geregelt, schreiben Nickel, Hüning und Frey. Die Beschäftigten sähen das mit ambivalenten Gefühlen: "Auf der einen Seite werden die neuen Gestaltungsspielräume eindeutig begrüßt. Auf der anderen Seite gibt es ein starkes Bedürfnis nach zeitlicher Planungssicherheit und Transparenz der betrieblichen Zeitanforderungen." Insbesondere weibliche Befragte verweisen auf die Schwierigkeiten, Berufstätigkeit und Familienarbeit unter einen Hut zu bringen. Auch weibliche Führungskräfte sehen die "gegenwärtig herrschende männlich orientierte Arbeitszeitkultur im Unternehmen" kritisch.

Frauen und Männer: Insgesamt sind nach der Untersuchung rund 20 Prozent der Bahn-Beschäftigten Frauen, der Frauenanteil unter den Führungskräften liegt, je nach Hierarchiebene, mit sechs bis 16 Prozent noch deutlich niedriger. In seiner "Geschlechterpolitik" orientiere sich der Verkehrskonzern am gängigen Trend in großen Dienstleistungsunternehmen, konstatiert die Untersuchung: Im Vordergrund steht die Anforderung, dass ein intelligentes "Personalressourcenmanagement" im Unternehmensinteresse die Potenziale von Frauen fördert und versucht, Vereinbarkeitsprobleme zu lösen. Dagegen tritt die normativ, an Gerechtigkeitsvorstellungen orientierte, Geschlechtergleichstellung zurück. Aus der Tatsache, dass im Personalbereich der Bahn vergleichsweise viele Frauen verantwortliche Positionen haben, leiten die Wissenschaftler aber Chancen für die Geschlechterpolitik ab.  

Die Forscher konstatieren bei den befragten Beschäftigten "eine außerordentlich hohe Identifikation mit dem Unternehmen und seinem Bemühen der Marktbehauptung". Zugleich sorgten aber Stellenabbau, häufige Strukturveränderungen und interne Versetzungen, die Verdichtung der Arbeit und Lohneinbußen für eine starke Verunsicherung. Insbesondere bei weiblichen DB-Beschäftigten reiche diese bis zum Gefühl einer "existenziell bedrohlichen Unsicherheit", die sich "konkret als Angst vor dem Arbeitsplatzverlust zeigt, unabhängig davon, ob der eigene Arbeitsplatz tatsächlich vom Wegfall bedroht ist. Diese Unsicherheit relativiert sich nur wenig durch das Wissen um das "Beschäftigungsbündnis?", schreiben Nickel, Hüning und Frey. Denn zentraler Bezugspunkt für die Mitarbeiter sei "der konkrete Arbeitsplatz und die daran geknüpfte betriebliche Sozialintegration". Die Möglichkeit eines großen Unternehmens, Mitarbeiter, deren Arbeitsplatz wegfällt, mit einer anderen Tätigkeit und womöglich an einem anderen Ort weiterzubeschäftigen, wird somit ebenfalls ambivalent wahrgenommen.

Führungskräfte: Die befragten Führungskräfte und insbesondere die Personalverantwortlichen, wissen um das Problem, dass Unsicherheit das Engagement und die Kreativität der Beschäftigten hemmt und versuchen, entgegenzuarbeiten. Allerdings sehen sie ihre Möglichkeiten dabei oft als begrenzt an, so die Forscher. Zwar sei die starke Marktorientierung grundsätzlich mit einer Aufwertung der Personalarbeit verbunden: "Personalarbeit soll nicht mehr nur als sozialpolitisches `Beiwerk?, sondern als aktiver und gleichwertiger Beitrag zum wirtschaftlichen Unternehmenserfolg verstanden werden." Die dafür erforderliche Beteiligung an strategischen Entscheidungsprozessen bleibe den Führungskräften aber zum Teil versagt: "Hier zeigt sich ein spezifisches Hierarchidilemma, mit dem ein Großteil der Führungskräfte konfrontiert ist", schreiben Hildegard Maria Nickel und ihre Forscherkollegen. "Einerseits wird von ihnen Eigenverantwortlichkeit und Marktorientierung verlangt, andererseits werden die dafür erforderlichen Entscheidungsspielräume und Ressourcen durch die Unternehmensspitze verknappt." Das werde auf Seiten der Führungskräfte nicht selten als Misstrauen verstanden und wirke demotivierend.

Betriebsräte: Die befragten Betriebsräte sind mit Arbeitsbelastung und Verunsicherung der Beschäftigten täglich konfrontiert. Die Vertretung und Betreuung sei "intensiver geworden, weil immer mehr Leute Probleme damit haben", sagt ein Arbeitnehmervertreter. Die Forscher konstatieren, dass die Betriebsräte versuchten, "ihren arbeitspolitischen Gestaltungseinfluss im Sinne einer abmindernden, regulativen Flankierung geltend zu machen." Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen stünden die Arbeitnehmervertreter dem angestrebten Börsengang der DB AG "deutlich kritisch" genüber. "Die damit verbundenen Restrukturierungen sehen sie als eine der größten Herausforderungen, die es in nächster Zeit arbeits- und sozialpolitisch zu bewältigen gilt." Daneben zeichne sich eine zweite Herausforderung ab, beobachten die Wissenschaftler: Die Belegschaft der Bahn werde heterogener, der Anteil der höher und hoch qualifizierten Beschäftigten nehme zu. Die Betriebsräte seien somit gefordert, sich der unterschiedlichen Probleme und Interessen der verschiedenen Beschäftigtengruppen anzunehmen.

Weitere Informationen:

in: Böckler Impuls 15/2008 (pdf)

Hildegard Maria Nickel, Hasko Hüning, Michael Frey: Subjektivierung, Verunsicherung, Eigensinn. Auf der Suche nach Gestaltungspotenzialen für eine neue Arbeits- und Geschlechterpolitik. Edition sigma 2008             
         
Kontakt:

Dr. Sebastian-Brandl at boeckler.de  

Rainer-Jung at boeckler.de  

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