Buchvorstellung

"Wir müssen weg von diesen Trippelschritten"

Genau 100 Jahre nachdem vor der Weimarer Nationalversammlung erstmals eine Frau ihre Stimme erheben durfte, stellte die Hans-Böckler-Stiftung in Berlin ein Buch von großer Aktualität vor: „Wir haben die Wahl!“ Wie es um die Gleichberechtigung heute bestellt ist, darüber sprachen unter anderem die Juristin und First Lady Elke Büdenbender, Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth und DGB-Vize Elke Hannack. Von Jeannette Goddar


Shakehands bei der Buchvorstellung: Rita Süssmuth und Elke Büdenbender. (Bild: Bettina Ausserhofer)

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Eva Högl, Sarah Jochmann, Petra Vogel, Ingeborg Wahle. Rita Süssmuth, Elke Hannack und Stefanie Lohaus – politisch denkende Frauen, die weiteren Handlungsbedarf in Sachen Gleichberechtigung sehen. (Bild: Bettina Ausserhofer) Elke Hannack, Elke Büdenbender, Rita Süssmuth und Eva Högl präsentieren das neue Buch „Wir haben die Wahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht“. (Bild: Bettina Ausserhofer)
Auf den Tag genau 100 Jahre nachdem die Sozialdemokratin Marie Juchacz als erste Frau vor der Weimarer Nationalversammlung eine Rede hielt, resümierten rund 80 politisch denkende, aktive Frauen in Berlin, wie es um Gleichberechtigung heute bestellt ist – und erkannten dabei viel Handlungsbedarf.

„Würde Marie Juchacz uns heute sehen, würde sie vermutlich denken: So habe ich mir das nicht vorgestellt“, erklärte die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages Rita Süssmuth (CDU), 1937 geboren und mit einem Jahrzehnte umfassenden Blick auf die Errungenschaften der Frauenbewegung ausgestattet.  Im Deutschen Bundestag etwa, seien Frauen nach wie vor erheblich unterrepräsentiert, so Süssmuth. Und: „Zwei Frauen im Ausschuss müssen Berge versetzen, um etwas erreichen zu können.“ 

Rückschritte konstatierte die Juristin Elke Büdenbender, Ehefrau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Mit 30,7 Prozent ist der Frauenanteil im Bundestag so niedrig wie zuletzt vor 20 Jahren.“ Dabei, so die Altstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, könne nur mit gleichen Chancen und gleichberechtigter Teilhabe die Demokratie „zukunftsfest“ gemacht werden. Denn: „Ohne Freiheit gibt es keine Demokratie – und echte Freiheit gibt es nur, wenn Männer und Frauen beteiligt sind“.

Es war mehr als eine bloße Buchpräsentation, zu der die Hans-Böckler-Stiftung in das Literaturhaus in der Fasanenstraße eingeladen hatte. Denn bei „Wir haben die Wahl!“ handelt es sich um ein eminent politisches Buch. Auf mehr als 250 Seiten berichten Frauen, die die deutsche Gesellschaft in Kultur, Wirtschaft, Politik, Gewerkschaften, Sport und Showbusiness prägen, die sich in langjährig männerdominierten Berufszweigen wie Polizei oder Astrophysik durchsetzen oder für bessere Arbeitsbedingungen in Branchen mit vielen weiblichen Beschäftigten kämpfen, von ihrem Leben und  ihrem Engagement. Und von den vielen kleineren und größeren Widerständen, die sie dabei überwinden müssen. Im Grunde, erklärte der Geschäftsführer der Hans-Böckler-Stiftung Michael Guggemos, sei es der Stiftung und insbesondere der Autorin Ingeborg Wahle um das gegangen, was bereits Marie Juchacz verkörperte: „engagierte Frauen zu zeigen, die ihre Kraft einsetzen und ihre Chancen nutzen – und immer noch gesellschaftliche Begrenzungen erfahren“. 

„Was ist also zu tun?“, hieß es auf dem Podium: Braucht es mehr Quote(n)? Oder eine geregelte Parität, wie sie jüngst Brandenburg als erstes Bundesland in ein Gesetz goss, das künftig von allen Parteien bei Landtagswahlen gleich viele Frauen und Männer als Kandidaten verlangt? Eva Högl, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, plädierte klar für das „Halbe-Halbe“ in den Parlamenten; Monika von der Lippe (DIE LINKE), brandenburgische Landesgleichstellungsbeauftragte bot dabei ihre Hilfe an. Und auch Rita Süssmuth, die viele Jahre Vorsitzende der Frauen-Union war, befand: „Die Quote war nötig. Aber wir müssen weg von diesen Trippelschritten.“ 

Das Grundgesetz verpflichte den Staat, Benachteiligungen von Frauen abzubauen - und das gelte auch für den Bundestag, erklärte Elke Hannack (CDU), stellvertretende Vorsitzende des DGB. „Das müssen wir transportieren“, forderte die Vorsitzende des Kuratoriums der Hans-Böckler-Stiftung. Dann könne auch niemand kommen und sagen: „Sie stellen die Hälfte der Gesellschaft, aber wenn sie die Hälfte der Mandate haben, ist das ungerecht“. Eva Högl, die sich – wie alle auf dem Podium – für parteiübergreifende Netzwerke von Frauen stark machte, warnte vor erheblichem „Gegenwind“. „Natürlich wird das die Männer Mandate kosten“, sagte Hannack. 

Sind jüngere Frauen heute weniger für den Einsatz für Frauenrechte zu begeistern? Nein, konterte Stefanie Lohaus, Gründerin des feministischen „Missy Magazine“: „Politisches Handeln hat nichts mit Generationen zu tun“. Sie sei den ganzen Tag von Feministinnen umgeben, so Lohaus. Problematisch finde sie allerdings, dass sich in der „Rush-Hour“ des Lebens alles balle: „Ich habe zwei Kinder, anderthalb Jobs – und engagiere mich politisch. Das ist nicht leicht.“ Sarah Jochmann, Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und Mitbegründerin der Initiative „Liefern am Limit“, die sich für die Rechte von Fahrradkurieren einsetzt, erklärte: „Männer fragt keiner, wie viele Kinder da sind. Auch so rutschen Frauen in prekäre Verhältnisse.“ 

Elke Hannack griff diesen Gedanken auf und machte sich für eine fraktionsübergreifende Initiative zur Abschaffung des Niedriglohnsektors stark: „Existenzsicherung gehört zu einem selbstbestimmten Leben dazu.“  Ein „neues Familienbild“ hatte Elke Büdenbender bereits in ihrem Grußwort eingefordert und gefragt, was vielen anderen Frauen vermutlich ebenfalls durch den Kopf ging: „Wie lange diskutieren wir das schon?“ 


Weiter Informationen

Ingeborg Wahle: Wir haben die Wahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht - 100 Frauen – aktiv für eine starke Demokratie und für ein gutes Leben. Düsseldorf, 2018


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