Tagung

Transformation mitgestalten

Mit „Dienstleistungen im Umbruch“ beschäftigte sich ein Kongress von Hans-Böckler-Stiftung und ver.di in Berlin. Die größte Herausforderung sahen dabei viele in der rasanten Digitalisierung, es kam aber auch die schwelende Demokratie-, Ressourcen- und Klimakrise zur Sprache. Von Annette Jensen


Sie erzielen inzwischen 70 Prozent der Wertschöpfung und stellen Arbeitsplätze für 75 Prozent aller Beschäftigten: Dienstleistungen prägen die deutsche Wirtschaft immer stärker. Sie erlebten vor allem durch die Digitalisierung einen Umbruch, konstatierte Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung. Der beschere der Dienstleistungsbranche vor allem Chancen: Neue Maschinen und Programme könnten Beschäftigte von monotonen oder schweren Arbeiten entlasten, so die Ministerin. Darüber hinaus hätten die hohen Datenschutzstandards in Europa das Potenzial, zu einem ganz neuen, lukrativen Geschäftsfeld zu werden.


Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske dagegen sieht die Arbeitsgesellschaft durch die Digitalisierung an einem Scheideweg: „Wer wird wen steuern? Der Mensch die Maschine? Oder umgekehrt?“ Möglich sei es, Anwendungen zum Wohl der Beschäftigten und Nutzenden zu entwickeln und Qualitätsverbesserungen zu erreichen – oder sie so zu konstruieren, dass internationale Konzerne märchenhafte Gewinne kassierten. Damit die Entwicklung in eine gute Richtung gehen könne, müsse das Verhältnis von Markt und Staat neu gedacht und der Staat wieder handlungsfähig werden, betonte Bsirske.


Die seiner Ansicht nach häufige Fokussierung der Digitalisierungsdebatte auf technische Aspekte kritisierte Björn Böhning (SPD), Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium: „Wir müssen darüber sprechen, wo Menschen besser sind: Empathie, Mitdenken, Kreativität“, forderte er. Wenn Beschäftigte dafür mehr Zeit bekämen, wäre viel gewonnen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt, dass bis zum Jahr 2035 etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätze durch Digitalisierung wegfallen – und ebenso viele neu entstehen. Umschulungen allein werden nicht reichen, um diesen Umbruch zu meistern. Die größte Herausforderung sei, in den Betrieben eine „Kultur der Transformation“ zu etablieren und Beschäftigte ständig auf dem neusten Stand zu halten, beschrieb Claudia Nemat, Vorstandsmitglied für Innovation und Technik bei der Deutschen Telekom. Sie rechnet mit wachsenden Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, weil Hierarchien flacher würden und die Unternehmen stärker auf die Vielfalt von Perspektiven und Erfahrungen der Beschäftigten angewiesen seien.


Dass die Rasanz der Digitalisierung aber auch zum Gegenteil führen kann, beschrieb Gabriel Stolz, Betriebsratsvorsitzender bei der Onlinemarketingagentur Performics: „Bei uns gibt es dauernd technische Innovationen, meist ausgelöst durch Vorgaben von großen Konzernen oder Kunden.“ Oft fehle ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen die Zeit, wirklich zu verstehen, was die Neuerungen für die Belegschaft bedeuten. „Das meiste wird dann einfach durchgewinkt.“


Nicht nur die Digitalisierung, auch die Krise der Demokratie sorgt zurzeit für Verunsicherung. Die Gründe für Gefühle von Ohnmacht, Angst und Wut, wegen denen auch Gewerkschaftsmitglieder AfD wählen oder Pegida unterstützen, seien in der Regel nicht reale Abstiegserfahrungen oder ökonomische Einbußen, analysierte Professorin Antonia Kupfer von der TU Dresden. Es gehe vielmehr um die Befürchtung, den eigenen Status zu verlieren. Die Menschen beklagten soziale Ungerechtigkeiten und trauten den traditionellen Parteien nicht mehr zu, Lösungen für die Probleme zu finden. Die Kritik könne sie zum Teil gut nachvollziehen, sagte Kupfer, „aber die Antworten der AfD sind falsch“. Die globalen, nationalen und betrieblichen Machtverhältnisse müssten thematisiert werden. Stattdessen erkläre man Migrantinnen und Migranten zur Ursache der Probleme.


„Rassismus ist der Versuch, eigene Privilegien zu verteidigen“, ergänzte der Böckler-Stipendiat Marcus Böhme, der in einem kleinen Ort in der Sächsischen Schweiz aufgewachsen ist und dort ein Jugendzentrum mit aufgebaut hat. Aus seiner Erfahrung helfen Mitgestaltungsmöglichkeiten und klare Regeln im gemeinsamen Raum gegen die Ausbreitung der rechten Szene.

Der Berliner Kongress sprach heikle Themen an – wie den Klimawandel und die Auswirkungen der Globalisierung: Friedhelm Hengsbach, früher Professor am Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik, kritisierte, der Staat sei zur Geisel der Märkte und damit „postdemokratisch“ geworden, wie der Umgang mit Dieselskandal und Glyphosat beispielhaft belege. Während die Finanzwirtschaft riesige Gewinne einfahre, bekämen Staat und Beschäftigte lediglich „Abfindungen“. Das Naturvermögen werde sogar zum Nulltarif ausgebeutet. Hengsbach forderte die Gewerkschaften auf, radikalere Positionen zu entwickeln und den notwendigen Umbruch weg von einer wachstumsfixierten, ressourcenverschleißenden und umweltzerstörenden Wirtschaft und damit vom Kapitalismus voranzutreiben.


Norbert Reuter aus der ver.di-Grundsatzabteilung räumte ein, dass zukunftsfähige Konzepte die ökologischen Grenzen an oberste Stelle setzen müssten, weil Wirtschaft und Soziales davon abhingen. „Wir wissen, womit wir der Mit- und Nachwelt Schaden antun und woran es mangelt.“ Doch zugleich seien die Gewerkschaften nun mal Interessenvertretungen von Menschen, die ihre Lohn- und Arbeitsbedingungen verbessern und nicht die Umwelt retten wollten.

Dass sich insbesondere für Dienstleistungen am Menschen eine kongruente sozial-ökologische Perspektive entwickeln lässt, tippten die Teilnehmenden in der anschließenden Diskussion nur an. Dabei ließen sich Bildung oder Pflege massiv ausweiten und qualitativ verbessern, ohne dass damit ein erhöhter Ressourcenverbrauch oder eine Belastung des Klimas einherginge. Stattdessen haben Rationalisierungen und ökonomische Vorgaben zu hohen Belastungen geführt. Nach einer Logik, die in einer profitorientierten Industrieproduktion entstanden ist und die globalen Umweltprobleme verursacht hat.

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