Böckler Impuls Ausgabe 16/2018

Makroökonomie

Lohnkosten sind nicht alles

Im letzten Jahrzehnt gingen die Lohnstückkosten zeitweise zurück. Doch das war nicht der Grund für den jüngsten Aufschwung.

Lohnkosten sind nicht alles

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Deutschland habe sich „vom kranken Mann Europas zum ökonomischen Superstar“ entwickelt, heißt es in einer vielbeachteten Studie einer Forschergruppe um den Ökonomen Christian Dustmann. Und der Hauptgrund für Deutschlands wirtschaftlichen Erfolg sei seine Exportstärke, die wiederum auf gesunkene Lohnstückkosten für die Produkte der exportorientierten Industrie zurückgehe. Die Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Zwiener vom IMK, Heike Joebges von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik und Nora Albu vom WifOR Berlin haben sich mit diesem Erklärungsversuch auseinandergesetzt. Sie kommen zu anderen Schlüssen.

Zwar seien die Lohnstückkosten im vergangenen Jahrzehnt tatsächlich zeitweise gesunken; die Produktivität stieg stärker als die Arbeitskosten. Dies geschah aber in weit geringerem Ausmaß als behauptet. Der vermeintlich starke Rückgang der Lohnstückkosten ergebe sich aus einem fehlerhaft konstruierten Indikator für die Lohnstückkosten der exportierenden Industrie, der die Verflechtungen der Exportindustrie mit der übrigen Wirtschaft und dem Ausland nicht korrekt abbilde und die Produktivität falsch ermittle, so Albu, Joebges und Zwiener.

Um die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes richtig beurteilen zu können, reiche der Blick auf die deutschen Lohnstückkosten allein zudem nicht aus, schreiben die WIssenschaftler. Denn darin sind Lohnkostenentwicklungen in den Ländern der Handelspartner und Veränderungen der Wechselkurse nicht enthalten. Werden diese aber einbezogen, ergibt sich folgendes Bild: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist in den frühen 1990er-Jahren zurückgegangen, als sich die deutsche Wettbewerbsposition infolge der Wiedervereinigung durch steigende Sozialbeiträge und eine von der Bundesbank provozierte Aufwertung der D-Mark verschlechterte. Darauf folgten Sparpolitik, Einschnitte bei den Sozialversicherungen, neue Konkurrenz aus Osteuropa, zunehmende Lohnungleichheit und schließlich die Förderung des Niedriglohnsektors durch die Hartz-Reformen – obwohl die deutsche Wettbewerbsfähigkeit bereits zur Jahrtausendwende wiederhergestellt war und der Leistungsbilanzsaldo zurück ins Plus ging.

Fraglich ist Albu, Joebges und Zwiener zufolge, ob die in Deutschland verbreitete Konzentration auf Produktionskosten ökonomisch überhaupt zu rechtfertigen ist. Der internationale Wettbewerb funktioniere nicht so, dass die Exporteure in dem Umfang ihre Preise senken, wie sie es wegen rückläufiger Kosten eigentlich könnten – solange sie weiterhin hohe Preise auf den Zielmärkten durchsetzen können. Die wichtigsten Gründe für den deutschen Exporterfolg sehen die Wissenschaftler vor allem in der starken internationalen Nachfrage nach hiesigen Produkten und der fortschreitenden Globalisierung.

Abgesehen davon, dass die von Albu, Joebges und Zwiener kritisierte Studie die Bedeutung der Arbeitskosten für die Exportwirtschaft überzeichnet, seien vor allem die Schlussfolgerungen für die Gesamtwirtschaft zweifelhaft. Tatsächlich spreche nämlich vieles dagegen, dass eine starke Außenwirtschaft der wesentliche Wachstumstreiber für eine große Volkswirtschaft wie die deutsche sei. Vielmehr gehe der Versuch, die Wettbewerbsfähigkeit durch gebremstes Lohnwachstum zu steigern, zulasten der insgesamt viel wichtigeren Binnenwirtschaft. Außerdem liege auf der Hand, dass die hohen deutschen Exportüberschüsse ein Problem für die benachbarten Länder sind und Deutschland damit alles andere als ein europäisches Musterland ist – schließlich könnten nicht alle gleichzeitig Außenhandelsüberschüsse realisieren. Mit den geringen Lohnsteigerungen im vergangenen Jahrzehnt war außerdem eine Wachstumsschwäche verbunden, die erst mit einer expansiveren Lohn- und Finanzpolitik überwunden werden konnte. 
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