Böckler Impuls Ausgabe 09/2017

Arbeitswelt

Wenn nur noch die Zahlen zählen

Ärzte und Sozialarbeiter empfinden ihre Arbeit überwiegend als sinnvoll. Allerdings leidet dieses Gefühl, wenn betriebswirtschaftliche Zwänge überhandnehmen.

Wenn nur noch die Zahlen zählen

Download (jpg)
Download Daten

Dass Routinetätigkeiten in der Fabrik oft als eintönig, entfremdet und sinnlos erlebt werden, hat schon Karl Marx ausführlich beschrieben und ist empirisch gut dokumentiert. Weniger gut erforscht sind in dieser Hinsicht andere Teile des beruflichen Spektrums: Was Beschäftigte mit komplexen Aufgaben über den Sinn ihrer Arbeit denken, habe die Forschung bislang weitgehend vernachlässigt, so Friedericke Hardering. Dabei gäbe es laut der Sozialwissenschaftlerin von der Universität Frankfurt gute Gründe, diese Gruppe in den Blick zu nehmen. Denn psychische Störungen und Burnout-Diagnosen hätten gerade unter Hochqualifizierten und Führungskräften Konjunktur.

Um die lückenhaften Erkenntnisse der Sinnforschung zu ergänzen, wurden im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Gesellschaftliche Vorstellungen sinnvoller Arbeit und individuelles Sinnerleben in der Arbeitswelt“ Interviews mit 40 Ärzten und Sozialarbeitern in Führungspositionen geführt. Die Jobs der Befragten seien beispielhaft für „Formen guter Arbeit“, schreibt Hardering: Die große Autonomie, die Orientierung am gesellschaftlichen Nutzen und die unmittelbare Interaktion mit Patienten oder Klienten ließen ein ausgeprägtes Sinnerleben erwarten.
Zugleich hätten beide Bereiche in den vergangenen Jahren jedoch problematische Entwicklungen durchgemacht. Gesundheitspolitische Entscheidungen wie die Einführung von fallbasierten Leistungsabrechnungen hätten zu einer „Ökonomisierung der Medizin“, also zur Abkehr von medizinischen Werten zugunsten betriebswirtschaftlicher Imperative geführt. Der Dokumentationsaufwand und die Arbeitsverdichtung hätten massiv zugenommen. Auch in der Sozialen Arbeit habe sich das Denken in Managementkategorien zunehmend durchgesetzt. Durch die öffentliche Ausschreibung von Leistungen sei der Konkurrenzdruck erheblich gewachsen.

Die Interviews deuten in der Tat auf ambivalente Erfahrungen hin. Grundsätzlich stellen Ärzte und Sozialarbeiter die Sinnhaftigkeit ihres Tuns nicht infrage: „Die meisten Befragten geben an, ihre Arbeit häufig oder immer als sinnvoll zu erleben“, so die Forscherin. Ihrer Analyse zufolge sind für diese Einschätzung drei Dimensionen maßgeblich. Zum einen spiele der Nutzen der Arbeit für die Beschäftigten selbst eine wichtige Rolle, die beispielsweise Stolz auf die eigene Leistung empfinden. Zweitens gehe es um den Nutzen für die Sache selbst, also den Beitrag zur Gesundheit oder zum sozialen Fortschritt. Drittens sei der Nutzen für andere entscheidend, der in Form von positiven Rückmeldungen und Dankbarkeit von Patienten oder Klienten zum Ausdruck kommt. Die Erfahrung von Sinnhaftigkeit beruhe letztlich auf einem „Gefühl von Kongruenz“, der Übereinstimmung von individuellem und sozialem Nutzen.

Zu den Schattenseiten ihres Berufs zählen die Befragten neben überbordenden Dokumentationspflichten oder als sinnlos empfundenen Fortbildungen vor allem die hohe und über die Jahre erheblich gestiegene Arbeitsbelastung. Viele sehen sich vor die Wahl gestellt, entweder ihren eigenen professionellen Ansprüchen gerecht zu werden und so ihre Arbeitskraft enorm zu strapazieren – oder ihre Ansprüche zu senken. Die Folge: Die Frage nach dem richtigen Arbeitshandeln sei allgegenwärtig und werde selbst zu einer Belastung, so Hardering.

Subjektiv wichtige Arbeitsanteile fallen der Studie zufolge dem zunehmenden Zeitdruck zum Opfer. Die Befragten beklagen beispielsweise, dass sie keine Zeit mehr für ein gemeinsames Mittagessen mit Kollegen oder für medizinische Forschung haben. Der soziale Austausch komme zu kurz, die Komplexität und Vielschichtigkeit der Arbeit werde eingeschränkt und eigene Potenziale blieben ungenutzt. Das erschwere die Identifikation mit der Arbeit und führe zu Sinnverlust, warnt die Autorin.

Quelle

Friedericke Hardering: Wann erleben Beschäftigte ihre Arbeit als sinnvoll? Befunde aus einer Untersuchung über professionelle Dienstleistungsarbeit, Zeitschrift für Soziologie 1/2017. Link zur Studie (kostenpflichtig)