Tarifrunde 2006

Volkswagen

Im November 2004 hatte die IG Metall für die Volkswagen AG nach langen und kontroversen Verhandlungen einen "Zukunftstarifvertrag" vereinbart, der im Kern den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis zum 31.12.2011 vorsah und darüber hinaus auch eine Vereinbarung mit Verfahrensregeln zur Sicherung des Beschäftigungsvolumens und der dazu erforderlichen Maßnahmen und Entscheidungen zu Produkten und Investitionen enthielt. Im Gegenzug stimmte die IG Metall einem Einfrieren der Tarifvergütungen bis zum 31.1.2007 zu. Die Beschäftigten erhielten eine Einmalzahlung im März 2005 in Höhe von 1.000 €.


Anfang 2006 häuften sich Presseberichte, in denen Vorstandsmitglieder von VW zum Teil in massiver Form sowohl einzelne Produktionsstandorte in Frage stellten als auch einen massiven Stellenabbau in Aussicht stellten. Gefordert wurde eine massive Senkung der Arbeitskosten, diese sollte vor allem durch eine Verlängerung der tariflichen Wochenarbeitszeit von 28,8 Stunden auf 35 Stunden ohne Lohnausgleich erreicht werden. Damit wäre die Vier-Tage-Woche, die im Herbst 1993 zur Sicherung von rund 30.000 bedrohten Arbeitsplätzen eingeführt worden war, wieder rückgängig gemacht.

Eine Prüfung der Wirtschaftszahlen von VW durch unabhängige Gutachter bestätigte Gewerkschaftsangaben zufolge die Behauptung des Managements, dass die sechs westdeutschen Werke tatsächlich in 2005 einen dreistelligen Millionenverlust gemacht hatten. Anfang Mai forderte Volkswagen die IG Metall offiziell zu Gesprächen über die Tarifbedingungen auf.

Die Tarifgespräche, die bei ungekündigten Tarifverträgen geführt wurden, blieben ohne Ergebnis, weil das VW-Management sich weigerte, konkrete Zusagen für die sechs Werke zu machen. Dies war seitens der IG Metall die Voraussetzung, um über einen "vertretbaren" Arbeitnehmerbeitrag zu reden. Die Gewerkschaft setzte der Arbeitgeberseite eine entsprechende Frist bis zum 27.9. Sollten bis dahin keine Zusagen vorliegen, wollte die IG Metall die Gespräche abbrechen. In der letzten Septemberwoche fanden in allen Werken Protestaktionen der Beschäftigten statt. Ein Verhandlungsmarathon vom 27. bis 29.9. brachte schließlich folgendes Ergebnis:

  • Beschäftigungs- und Arbeitsplatzsicherung: Keines der 6 Werke und auch keine der Abteilungen in den Werken werden geschlossen. Beschäftigungssicherung bis 2011 aufgrund konkreter und verbindlicher Produkt- und Auslastungszusagen für alle westdeutschen Werke, Festschreibung von jeweils 1.250 Ausbildungsplätzen in den Jahren 2007 bis 2009 und Beibehaltung der Übernahmeregelung bis Ende 2011.
  • Lohn, Gehalt, Entgelt: 1.000 € Pauschale für Februar - Dezember 2007 für am 31.12.2004 Beschäftigte (Haustarifvertrag I) / 3,0 % ab 1.2.2007 für ab dem 1.1.2005 Beschäftigte (Haustarifvertrag II), wertgleiche Übertragung des Tarifabschlusses der Metall- und Elek-troindustrie Niedersachsen aus der Tarifrunde 2007 ab 1.1./1.2.2008, Laufzeit ab 1.2.2007.
  • Arbeitszeit, Altersvorsorge, Bonuszahlung: Vereinbarung eines Arbeitszeit-Korridors von 25 - 33 Stunden/Woche (im sog. indirekten Bereich 26 - 34 Stunden/Woche) unter Beibehaltung der jetzigen Vergütung; Teillohnausgleich in Form eines Rentenbausteins zur Altersvorsorge von einmalig 6.279 € (stattdessen 5.000 € brutto als Barauszahlung oder zur Umwandlung in Zeitwerte möglich) und der Einführung eines neuen Bonussystems (Gesamtvolumen: 10 % des operativen Ergebnisses) mit Garantieauszahlung von 1.191 € im November und einem zweiten Auszahlungszeitpunkt im Mai (Regelung 2006: insg. 2.200 €, davon 1.191 € in 11/2006 und 1.009 € in 05/2007); Arbeitszeit-Verlängerung auf bis zu 35 Stunden/Woche mit Lohnausgleich möglich; weitere Möglichkeit der Arbeitszeit-Verlängerung auf bis zu 40 Stunden/Woche mit gesonderten Vergütungsregelungen für einzelne Beschäftigte oder Beschäftigtengruppen, höchstens jedoch 5 %.
  • Qualifizierung: hälftige Einbringung der Qualifizierungszeit als Arbeitnehmer-Beitrag, bei Maßnahmen, die der Weiterentwicklung dienen, Laufzeit bis 31.12.2011.
  • Sonstiges: Wegfall des Zuschlags für Samstagsarbeit (bisher: 30 %); Verhandlungsverpflichtung zum Abschluss eines Entgeltrahmen-Tarifvertrages mit der Absicht der Einführung ab 1.1.2008 (Arbeitnehmer im Haustarifvertrag I) bzw. mit dem Ziel des Abschlusses bis 31.12.2006 (Arbeitnehmer im Haustarifvertrag II, bei Nichteinigung Erhöhung der Entgelte um 200 € ab 01.01.2007); Verpflichtung zur Verhandlungsaufnahme u.a. zu Arbeitsbedingungen von AN im Dienstleistungsbereich sowie über alternsgerechte und gesundheitsförderliche Arbeits- und Leistungsbedingungen.

Die Volkswagen AG zeigte sich mit dem Ergebnis zufrieden und bezeichnete das Abkommen als großen Schritt zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. "Wir haben Arbeitskosten und Arbeitszeiten auf Branchenniveau erreicht, ohne dass die Mitarbeiter Geld verlieren", so der Verhandlungsführer Klaus Dierkes (VW-Pressemeldung vom 29.9.2006).

Aus Sicht des IG Metall-Bezirksleiters Hartmut Meine war das Ergebnis ein "schwieriger, angesichts einer extrem harten Drucksituation, aber letztlich vertretbarer Kompromiss". Er hob vor allem die verbindlichen Produktzusagen hervor, die wesentlich besser ausgestaltet seien als im Zukunftstarifvertrag 2004. Auch mit dem erzielten Tarifvertrag liege der Haustarifvertrag in mehreren Punkten oberhalb des Flächentarifvertrages der Metallindustrie.

Auszug aus: WSI-Tarifbericht 2006


zurück

X

Hinweis zur Nutzung von Cookies auf dieser Website

Dieses Portal verwendet Cookies zur Optimierung der Browserfunktion. Die Cookie-Einstellungen für diese Website sind auf „alle Cookies zulassen“ festgelegt. Wenn Sie fortsetzen bzw. diesen Hinweis schließen, ohne Ihre Einstellungen zu ändern, stimmen Sie diesen zu.



Mehr Informationen zu Cookies