Verglichen mit der Gestaltung sozialer Sicherung in Form einer universellen Staatsbürgerversorgung (skandinavisches Modell) oder nachrangig gewährter Fürsorgeleistungen (angelsächsisches Modell) stand das kontinentaleuropäische Sozialversicherungsmodell in den letzten Jahrzehnten besonders stark in der Kritik. Für die einen ist es wegen seiner Beitragsfinanzierung ein Standortnachteil in Zeiten der Globalisierung. Für andere verletzt es aufgrund der Lohnarbeitszentrierung und der damit verbundenen Statusfortschreibung grundlegende Aspekte sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Umverteilung. Außerdem sind durch die Fokussierung auf die Sozialversicherungen ,neue soziale Risiken' nur unzureichend abgesichert. Die Systeme sozialer Sicherung in den Sozialversicherungsländern leiden zudem unter Finanzierungsproblemen, da Massenarbeitslosigkeit und Wachstumsschwäche die Finanzierungsbasis erodiert haben.
Das Projekt nimmt deshalb eine international vergleichende Bestandsaufnahme zu diesem Modell vor: Wie weit halten die Sozialversicherungssysteme den Veränderungen stand? Was sind jenseits des Krisendiskurses die Stärken des Systems und wo liegen besondere Sicherungslücken? Kurz: Welche Zukunft und Weiterentwicklungsmöglichkeiten hat die Sozialversicherung?
Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage nach der Leistungsfähigkeit und den Reformoptionen des Sozialversicherungsmodells. Dazu werden die Sozialversicherungssysteme in Belgien, Deutschland, Frankreich und Österreich vergleichend im Hinblick auf folgende Fragestellungen analysiert:
In einem ersten, die Analyse zur Leistungsfähigkeit vorbereitenden Schritt erfolgt ein Überblick über die Veränderungen der Sicherungssysteme in den vier Sicherungsbereichen Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit sowie Betreuung/Pflege seit Anfang der 1990er Jahre bis heute. Die Veränderungen werden in vier die Struktur der Sozialversicherung abbildenden Dimensionen - den Zugang zu Leistungen, deren Art und Umfang, die Finanzierung sowie die Organisation und Steuerung der Beziehungen der relevanten Akteure in den jeweiligen Feldern - beschrieben, um zu zeigen, in welche Richtung die Reformpolitiken der vergangenen zwei Jahrzehnte das Grundmodell des Sozialversicherungsstaates verändert haben. Wie sieht die Struktur der sozialen Sicherungssysteme heute in diesen Ländern aus? Wie stark haben sich die Grundprinzipien in den einzelnen Ländern im Vergleich zum idealtypischen Sozialversicherungsmodell verändert? Sind die Sozialversicherungssysteme dadurch besser an die neuen Herausforderungen angepasst?
Zum Zweiten sollen differenzierte Leistungsindikatoren identifiziert werden, die, ausgehend von den normativ abgeleiteten Anforderungen einer solidarischen und nachhaltigen Finanzierung, einer materiellen und sozialen Teilhabe sowie der Zusicherung individueller Autonomie, die Leistungsfähigkeit moderner sozialer Sicherungssysteme erfassbar machen. Auf diesem sowie dem nachfolgenden dritten Schritt liegt der Schwerpunkt der Untersuchung. Hier wird ein erweitertes Verständnis von Leistungsfähigkeit zu Grunde gelegt, das über gängige Maßstäbe der ökonomischen Effizienz hinausgeht. Untersucht wird dabei u.a. die Kapazität der Sozialversicherungssysteme, ein hinreichendes Versorgungsniveau zu garantieren, den BürgerInnen trotz zunehmender Flexibilisierung und Pluralisierung von Beschäftigungsverhältnissen einen allgemeinen und angemessenen sozialen Schutz zu gewähren, und damit auf der Mikroebene die Voraussetzung für eine Strategie der Verknüpfung von Sicherheit und Flexibilität ("Flexicurity") zu schaffen. Aufgrund der Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Erwerbsbiografien ist ein Begleiteffekt einer konsequenten Flexicurity-Strategie auch die Stärkung der Geschlechtergerechtigkeit.
Drittens werden zukunftsfähige Reformoptionen für das deutsche Modell aufgezeigt. Für die Weiterentwicklung der allgemeinen, solidarischen Sozialversicherung in Deutschland eröffnet der Vergleich mit den Reformen in den anderen Sozialversicherungsländern alternative Perspektiven, da eine Übertragbarkeit von guten Praxisbeispielen bei ähnlichen Ausgangsbedingungen besser realisierbar ist.
English version: Social Insurance as a Model for the Future - German and International Perspectives (pdf)
Version francais: La sécurité sociale comme modèle du future - perspective international et de l'Allemagne (pdf)
Dr. Simone Leiber
Referat Sozialpolitik
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Claudia Bogedan
Referat Arbeitsmarktpolitik
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Dr. Eric Seils
Referat Sozialpolitik
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Prof. Dr. Silke Bothfeld
Hochschule Bremen
Tagungen:
Veranstaltungsdokumentation: Zukunft der Alterssicherung - Altersicherung hat Zukunft (pdf)
Jahrestagung der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt 2008: Von der Bismarck-Tradition zum liberalen Typus? Der deutsche Sozialstaat: Wandel oder Mutation? Vortrag von Claudia Bogedan, Silke Bothfeld, Simone Leiber (pdf)