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30.11.2016

Neuer europäischer Tarifbericht des WSI

Löhne in Europa steigen real, aber meist nur durch die extrem niedrige Inflation

In den meisten EU-Ländern sind die durchschnittlichen Löhne 2015 stärker gestiegen als die Preise, auch 2016 dürften Beschäftigte in fast allen EU-Staaten im Mittel real mehr Geld in der Tasche haben. Entsprechend stiegen die realen Effektivlöhne im Durchschnitt der 28 EU-Staaten 2015 um 1,4 Prozent, in diesem Jahr wird mit 1,7 Prozent gerechnet. Das liegt allerdings vielerorts nicht an einer kräftigen Lohnentwicklung, sondern vor allem an der extrem niedrigen und 2015 in elf Ländern sogar deflationären Preisentwicklung. Um die Binnennachfrage und das Wachstum in Europa nachhaltig zu beleben, wären deutlichere Lohnsteigerungen nötig. Insbesondere in Südeuropa wird das nur funktionieren, wenn Tarifvertragsstrukturen, die während der Eurokrise unter dem Druck der europäischen Institutionen zerschlagen wurden, wieder neu entstehen. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Europäische Tarifbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Er erscheint in der neuen Ausgabe der WSI-Mitteilungen.

Europas Arbeitnehmer haben eine lange Durststrecke hinter sich, zeigt die Analyse des WSI-Tarifexperten Prof. Dr. Thorsten Schulten: Preisbereinigt sind die Löhne zwischen 2010 und 2016 in elf EU-Staaten gesunken. In neun weiteren lagen die durchschnittlichen Zuwachsraten bei unter einem Prozent pro Jahr. Deutschland rangiert mit einer kumulierten Reallohnsteigerung von 9,6 Prozent für diesen Sieben-Jahres-Zeitraum im oberen Mittelfeld der Länder mit Zuwächsen. Im vergangenen Jahr lag Deutschland mit einem durchschnittlichen realen Lohnwachstum um 2,6 Prozent hinter acht osteuropäischen EU-Ländern und Schweden auf Rang 10 in der Gemeinschaft. Allerdings war die Bundesrepublik in der Dekade zuvor auch das einzige europäische Land, in dem die Reallöhne zurückgegangen waren: um 5,7 Prozent von 2001 bis 2009 (siehe auch die Abbildungen 5 und 6 im Tarifbericht; Link unten).

Zwar ging es 2015 und 2016 mit der Kaufkraft der Arbeitnehmer in der EU parallel zur moderaten wirtschaftlichen Erholung wieder bergauf: Während die Reallöhne 2014 noch in sechs Ländern sanken, geschah das 2015 nur noch in Belgien, Griechenland und Portugal. In diesem Jahr prognostiziert die EU-Kommission lediglich für Griechenland reale Lohnverluste. Die Zuwächse bei den Reallöhnen in den meisten Staaten seien allerdings in erster Linie der extrem niedrigen Inflation zu verdanken, so Schulten, der für seinen Bericht unter anderem Daten der EU und der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgewertet hat. Das nominale Lohnwachstum war dagegen „nicht nur niedrig, sondern blieb auch konstant hinter den vorgesagten Werten zurück“, zitiert der WSI-Forscher Analysen der EZB.

So sind die nominalen Tarifverdienste im Euroraum – für den Rest der EU liegen keine Daten vor – 2015 nach WSI-Berechnungen im Schnitt um 1,5 Prozent gestiegen. „Dies ist die niedrigste Steigerungsrate seit Anfang der 2000er Jahre“, schreibt Schulten. Die nominalen Effektivlöhne – also die tatsächlich gezahlten Gehälter – stiegen EU-weit zwar etwas stärker um durchschnittlich 2,0 Prozent. Allerdings legen die Projektionen der EZB für 2016 bei den nominalen Effektivlöhnen wieder einen spürbaren Rückgang auf 1,3 Prozent nahe, während sich das Wachstum der Tariflöhne auf 1,4 Prozent verlangsamt. Beide Werte liegen deutlich unter der EZB-Zielinflationsrate von knapp unter zwei Prozent.

Dass sich die Inflation so verhalten entwickelt, erklärt Schulten zum einen mit den niedrigen Energiepreisen. Zum anderen zeigten sich darin aber die Folgen der Spar- und Deregulierungspolitik im Zuge der Euroraum-Krise. Die ökonomischen Schattenseiten der schwachen Lohnentwicklung „treten heute immer offener zutage“, schreibt der Forscher. „Im Kern wird hierdurch die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage systematisch beschränkt.“ Die Lohnentwicklung sei in vielen Ländern Teil eines Problemkreislaufs: Ohne Nachfrage-Impulse bleibt die Preissteigerung schwach und die Arbeitslosigkeit hoch. Wenn Jobs entstehen, dann überwiegend im Niedriglohnsektor und mit geringer Produktivität. Da aber die Summe aus Produktivität und Preissteigerung den Verteilungsspielraum definiere, den Ökonomen als Orientierungsgröße für die künftige Lohnentwicklung ansehen, würde wiederum die Lohnentwicklung gebremst.

Diesen Zusammenhang konstatieren nach Schultens Analyse mittlerweile nicht nur die europäischen Gewerkschaften, sondern zunehmend mehr Wirtschafts- und Finanzmarktanalysten sowie die EZB. So erklärte Notenbank-Präsident Mario Draghi im September vor dem Europäischen Parlament: „The case for higher wages is unquestionable.“ Gleichzeitig gehöre die EZB aber nach wie vor zu „den führenden Akteuren, die in vielen europäischen Ländern auf Arbeitsmarktreformen gedrängt haben oder immer noch drängen, die heute eine stärkere Lohndynamik behindern“, betont Schulten. Lösen lasse sich das Problem daher nur durch einen tiefgreifenden Politikwechsel. Dazu gehöre, dass zur Stärkung der Lohnentwicklung „in vielen Ländern auch die institutionellen Voraussetzungen, wie angemessene Mindestlöhne und umfassende Tarifvertragssysteme, wiederhergestellt werden.“

Weitere Informationen:

Thorsten Schulten: Europäischer Tarifbericht des WSI – 2015/2016, in: WSI-Mitteilungen 8/2016.

Kontakt:

Prof. Dr. Thorsten Schulten
WSI, Experte für Europäische Tarifpolitik

Rainer Jung
Leiter Pressestelle 

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