Pressemitteilungen 2011

2016 2015 2014 2013 2012 | 2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005 2004

12.12.2011

Europäischer Vergleich des IMK

Deutsche Arbeitskosten kaum gestiegen – Platz im europäischen Mittelfeld

Die Arbeitskosten in der privaten Wirtschaft sind in Deutschland 2010 lediglich um 0,6 Prozent gestiegen. Im Durchschnitt der EU-Länder nahmen die Arbeitskosten hingegen um moderate 1,7 Prozent und im Mittel des Euroraums um 1,6 Prozent zu. Unter den Euro-Ländern wiesen lediglich Irland und Griechenland eine geringere Steigerung als Deutschland auf. Dort sanken die Arbeitskosten als Folge des massiven wirtschaftlichen Einbruchs. Damit hat sich in einem Jahr mit starkem Wirtschaftswachstum in Deutschland der langjährige Trend fortgesetzt, nach dem die Arbeitskosten in der Bundesrepublik deutlich langsamer zunehmen als in den anderen Ländern der Europäischen Union. So wuchsen die deutschen Arbeitskosten zwischen 2000 und 2010 nominal um durchschnittlich 1,7 Prozent pro Jahr. Im Durchschnitt des Euroraums betrug die jährliche Zunahme hingegen 2,8 Prozent, im EU-Durchschnitt 3,3 Prozent. In EU-Beitrittsländern wie Polen, der Tschechischen Republik oder Ungarn waren es 6,3 bis 7,8 Prozent.

Insgesamt liegt Deutschland bei den Arbeitskosten für die Privatwirtschaft im Mittelfeld der EU-Staaten – 2010 mit 29,10 Euro pro Arbeitsstunde an siebter Stelle. Das ist die gleiche Position wie 2009, allerdings hat sich der Abstand zu Ländern mit höheren Arbeitskosten, darunter Belgien, Schweden, Dänemark, Frankreich und die Niederlande, vergrößert. Zu diesen Ergebnissen kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung auf Basis der neuesten verfügbaren europäischen Daten.

Auch die deutschen Lohnstückkosten sind in den vergangenen Jahren deutlich langsamer angestiegen als bei fast allen europäischen Handelspartnern, zeigen die Forscher im neuen europäischen Arbeitskostenreport, der heute als IMK Report 68 erscheint. Seit Beginn der Europäischen Währungsunion hat Deutschland damit seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit insbesondere gegenüber den übrigen Ländern des Euroraums kontinuierlich erhöht.

Der geringe Anstieg habe zur Rekordentwicklung bei den deutschen Ausfuhren beigetragen, zugleich aber die Balance zwischen Außenhandel und Binnennachfrage in Deutschland geschwächt und die massiven wirtschaftlichen Ungleichgewichte im Euroraum gefördert, so das IMK. Diese zählen die Ökonomen zu den wichtigsten Ursachen der aktuellen Krise der Währungsgemeinschaft. „Natürlich muss Deutschland international wettbewerbsfähig sein. Es kann seine Leistungsbilanzüberschüsse aber nicht immer weiter steigern. Denn das geht in einer Währungsunion zu Lasten seiner Nachbarn, die wichtige Handelspartner sind“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Viele Arbeitgebervertreter, Ökonomen und Politiker sind sehr einseitig auf eine schwache Entwicklung der Arbeitskosten – und damit auch der Löhne – fixiert. Die aktuelle Krise zeigt uns: Das ist ein Rezept mit schweren Nebenwirkungen.“

Um die Währungsunion zu stabilisieren, müssten beide Seiten ihr Handeln ändern, schreiben die Forscher: Sowohl die Krisenländer, in denen die Arbeitskosten zu stark gestiegen waren, als auch die Länder mit großen Leistungsbilanzüberschüssen und unterdurchschnittlichen Zuwächsen bei den Arbeitskosten. „Das heißt auch: Wenn wir Lohnentwicklung und Binnennachfrage in Deutschland stärken, leisten wir einen Beitrag dazu, die Ungleichgewichte im Euroraum nachhaltig abzubauen“, erklärt Horn. Diese Lösung sei alternativlos, wenn man die Währungsunion erhalten und eine Transferunion vermeiden wolle. „Und sie beteiligt endlich die Arbeitnehmer an den Wachstumsgewinnen des vergangenen Jahrzehnts“, so das IMK. „Wie wichtig das ist, hat gerade wieder der neue OECD-Bericht zur Einkommensverteilung unterstrichen. Die wirtschaftliche Ungleichheit nimmt in Deutschland seit etwa zwei Jahrzehnten deutlich stärker zu als in anderen Ländern“, sagt Horn. „Das ist nicht nur unter dem Aspekt der Gerechtigkeit problematisch, es behindert auch unsere wirtschaftliche Entwicklung.“

Arbeitskosten 2010: 29,10 Euro pro Arbeitsstunde

Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Bruttolohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen sowie als Arbeitskosten geltende Steuern. Die IMK-Forscher nutzen für ihre Studie die neuesten verfügbaren Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat. Deren Arbeitskostenstatistik erlaubt einen Vergleich auf breiterer Basis als Datenquellen, auf die sich beispielsweise das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) bislang gestützt hat.

2010 mussten deutsche Arbeitgeber in der Privatwirtschaft (Industrie und privater Dienstleistungsbereich) 29,10 Euro pro geleistete Arbeitsstunde aufwenden. Höher liegen die Arbeitskosten in sechs Ländern: In den Niederlanden, Luxemburg, Frankreich, Schweden, Dänemark und Belgien müssen zwischen 30,40 Euro und 38,20 Euro pro Stunde ausgegeben werden (Abb. 2). Praktisch auf gleichem Niveau wie in der Bundesrepublik sind die Arbeitskosten in Finnland (28,90 Euro), etwas niedriger in Österreich und Irland (27,90 Euro). Italien wies 2010 Arbeitskosten von 26,20 Euro auf. In den übrigen südeuropäischen EU-Staaten liegen sie zwischen 12,10 und 20 Euro. Größer ist der Abstand zu den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern mit Stundenwerten zwischen 7 Euro in Polen und 14,10 Euro in Slowenien.

Knapp 19 Prozent Abstand zwischen Industrie und Dienstleistungen

Im Verarbeitenden Gewerbe betrugen 2010 die Arbeitskosten in Deutschland 32,90 Euro pro geleisteter Arbeitsstunde. Im EU-Vergleich steht die Bundesrepublik damit an fünfter Stelle als Teil einer größeren Gruppe von Industrieländern, die mit knapp 30 bis gut 39 Euro pro Stunde über dem Euroraum-Durchschnitt liegen. Dazu zählen auch Belgien mit industriellen Arbeitskosten von 39,50 Euro, Schweden (37,20 Euro), Dänemark (36,20 Euro) und Frankreich (33,60 Euro) sowie Finnland, die Niederlande, Österreich, Luxemburg und Irland (31,40 bis 29,80 Euro; Abbildung 3). Gegenüber 2009 sind die industriellen Arbeitskosten in Deutschland um 0,1 Prozent gesunken, im Durchschnitt des Euroraums erhöhten sie sich um 0,9 Prozent.

Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten mit 26,70 Euro an achter Stelle nach den Benelux-Ländern, den nordischen EU-Staaten und Frankreich (Abbildung 4). Den höchsten Wert wies Dänemark mit knapp 39 Euro aus, der Durchschnitt im Euroraum beträgt 26,50 Euro. Auch bei den Dienstleistungen fiel in Deutschland die Steigerung zum Vorjahr mit 1,1 Prozent unterdurchschnittlich aus. Die Spreizung zwischen den Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe und denen im Dienstleistungssektor ist hier größer als in jedem anderen EU-Land. Sie beträgt knapp 19 Prozent.

Vom vergleichsweise niedrigen Arbeitskostenniveau in den deutschen Dienstleistungsbranchen profitiert auch die Industrie, die dort Vorleistungen nachfragt. Die Kosteneinsparung für die Industrie liegt nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen fünf und 13 Prozent. Das IMK hält einen Vorleistungseffekt für realistisch, der zu einer Kosteneinsparung von acht bis 10 Prozent führt.

Öffentlicher Dienst: Ebenfalls unterdurchschnittliche Entwicklung

Erstmals hat das IMK auch die Arbeitskosten im öffentlichen Dienstleistungssektor ausgewertet. Allerdings bietet die europäische Statistik hier zur absoluten Höhe lediglich Daten aus 13 Ländern. Dänemark und Schweden fehlen ebenso wie Belgien oder Österreich. Mit 28,60 Euro pro Arbeitsstunde liegt Deutschland auf dem fünften Rang hinter den Niederlanden, Irland, Frankreich und Finnland (Abb. 5). Das durchschnittliche jährliche Wachstum der Arbeitskosten im öffentlichen Bereich fällt mit 1,1 Prozent von 2000 bis 2010 wiederum deutlich kleiner aus als in den anderen untersuchten Ländern.

Lohnstückkosten: 0,6 Prozent Zunahme im Jahresdurchschnitt

Die Lohnstückkosten, welche die Arbeitskosten in Relation zur Produktivitätsentwicklung setzen, sind in Deutschland zwischen Anfang 2000 und Mitte 2011 um lediglich 0,6 Prozent im Jahresmittel gestiegen – und damit deutlich langsamer als im Euroraum insgesamt (+1,8 Prozent). Zwischen 2000 und dem Beginn des Jahres 2008 stagnierten sie sogar. Im Zuge der Wirtschaftskrise, als Unternehmen die Arbeitszeit verkürzten und so Beschäftigung hielten, stiegen die deutschen Lohnstückkosten dann stärker als im Euroraum-Durchschnitt. Mit dem Ende der Krise im Jahr 2010 hat sich der Zuwachs wieder deutlich verlangsamt. Insgesamt lagen die Lohnstückkosten in der deutschen Gesamtwirtschaft Mitte 2011 um 6,8 Prozent höher als Anfang 2000. Zum Vergleich: Im Durchschnitt des Euroraums wuchsen die Lohnstückkosten in diesem Zeitraum um 21,3 Prozent.

Weitere Informationen:

Die Pressemitteilung mit Grafiken (pdf)

IMK Report Nr. 68 (pdf)

Kontakt:

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Dr. Sabine Stephan
IMK

Ulrike Stein, PhD
IMK

Dr. Rudolf Zwiener
IMK

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

zurück

X

Hinweis zur Nutzung von Cookies auf dieser Website

Dieses Portal verwendet Cookies zur Optimierung der Browserfunktion. Die Cookie-Einstellungen für diese Website sind auf „alle Cookies zulassen“ festgelegt. Wenn Sie fortsetzen bzw. diesen Hinweis schließen, ohne Ihre Einstellungen zu ändern, stimmen Sie diesen zu.



Mehr Informationen zu Cookies