Universität

Revolution an der Viadrina

Prekäre Arbeitsbedingungen und unsittliche 20-Prozent-Verträge für Nachwuchswissenschaftler soll es an der Europa-Universität Viadrina nicht mehr geben. So steht es in einer Dienstvereinbarung zwischen Präsident und Personalrat, der dafür nun mit dem Deutschen Personalräte-Preis in Gold ausgezeichnet wurde. Von Jeannette Goddar


Wer an der Universität in Frankfurt an der Oder arbeitet, wird künftig drei Jahre auf einer Promovierenden-, vier auf einer Postdoktorandenstelle bleiben können. Auch Zehn-, 20- oder 30-Prozent-Verträge, von denen niemand leben kann, sind für den Arbeitgeber tabu. Doktoranden sollen mindestens halbe, Postdoktoranden in der Regel ganze Stellen bekommen. 

Was für Arbeitnehmer in anderen Branchen nicht sehr spektakulär klingt, kommt im Wissenschaftsbetrieb einer mittleren Revolution gleich. Seit Jahren werden Vertragslaufzeiten und die Wochenarbeitszeiten immer kürzer, Arbeitnehmerrechte immer weniger. Neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern haben eine befristete Stelle, jeder zweite einen Vertrag für weniger als ein Jahr. Gründe dafür gibt es viele – im Kern bestehen sie aus einem Mix aus der immer größeren Abhängigkeit der Hochschulen von Drittmitteln, einer rechtlichen Grundlage namens Wissenschaftszeitvertragsgesetz und einer gewissen Verwahrlosung der Sitten. 

DER SCHRECKEN AM ANFANG

Alle Debatten, wie die Lage für den hoch qualifizierten Nachwuchs zu verbessern sei, den die Wissensgesellschaft eigentlich dringend benötigt, verlaufen seit Jahren im Kreis: Die Länder verweisen auf die Universitäten und den Bund, der auf die Länder und die Unis. Letztere sagen: Angesichts der Realität, in der sie zu arbeiten gezwungen seien, wären ihnen die Hände gebunden.

Das allerdings stimmt nicht. „Eine Universität muss keine prekären Verträge schließen, schon gar nicht so prekäre, wie es bisher gang und gäbe war“, erklärt Stefan Seiterle, einer von neun Personalräten, die an der „Dienstvereinbarung zur Gestaltung von Arbeitsverträgen akademischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ mitgewirkt haben und von denen sieben selbst auf befristeten Stellen sitzen und sich von Vertrag zu Vertrag hangeln. Seiterle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der juristischen Fakultät. Sein Kollege Pablo Valdivia Orozco, in gleicher Funktion an der kulturwissenschaftlichen Fakultät, ergänzt: „Der Schlüssel ist simpel: Der Mitarbeiter, nicht das Projekt muss im Zentrum stehen. Das zu erreichen ist uns geglückt.“ Allerdings: in einem langen Prozess. „Wir haben das wirklich erkämpft“, konstatiert die Personalratsvorsitzende Stefani Sonntag, Geschäftsführerin der kulturwissenschaftlichen Fakultät. 

Begonnen hat alles vor rund vier Jahren mit dem Erschrecken über die bundesweite Lage. Damals machten die ersten Studien plastisch deutlich, wie ernst diese ist. Sonntag und ihre Kollegen wollten wissen, wie es an der eigenen Uni bestellt ist. Auf Basis eines Fragebogens, den ver.di für eine Erhebung verwandt hatte, setzten sie eine uniweite Befragung in Gang. Auch an der Viadrina erwies sich die Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen für wissenschaftliche Arbeit als hoch: „An unseren Fakultäten kommen auf einen unbefristeten Mitarbeiter 12,5 befristete“, sagt Sonntag, „damit stehen wir noch schlechter da als der Bundesdurchschnitt.“ Das Ergebnis wurde bei Personalversammlungen vorgestellt; auch der Präsident hörte zu. So wurde nicht nur auf den Ernst der Lage aufmerksam gemacht und der Wille zu Veränderung geschürt. Das Engagement machte auch den an Universitäten vielfach im Verborgenen wirkenden Personalrat bekannter. „Inzwischen kennt uns hier beinahe jeder“, konstatiert Stefan Seiterle, „auch das hat geholfen, unsere Ziele durchzusetzen.“

EINE VEREINBARUNG, DIE MASSSTÄBE SETZT

Vor allem aber setzte man sich an eine Dienstvereinbarung, die in ihrer Ausführlichkeit ohne Vorbild ist. Darin wurde vieles verankert, was auf einschlägigen Tagungen – auch auf dem Hochschulpolitischen Forum der Hans-Böckler-Stiftung im Frühjahr – seit Jahren als Forderung festgehalten wird, nämlich außer den Drei- und Vier-Jahres-Regeln für Promovierende und Postdoktoranden jene, dass 40 Prozent der Arbeitszeit zur wissenschaftlichen Qualifizierung zur Verfügung stehen müssen. Wer Kinder zu betreuen hat – und das müssen weder Neugeborene noch leibliche Kinder sein –, kann seinen befristeten Vertrag um mindestens zwei Jahre verlängern. Außerdem sollen Verträge grundsätzlich so lange gelten, wie die jeweiligen Drittmittel fließen. Einbezogen in die Dienstvereinbarung wurden die Gleichstellungs- sowie die Familienbeauftragte der Viadrina. Der GEW-Hauptvorstand entsandte eine Referentin an die Oder, um den ersten Entwurf zu kommentieren. 

Schließlich marschierte der Personalrat zum Präsidenten: Gunter Pleuger war bis 2002, zu Joschka Fischers Amtszeit, Staatssekretär im Auswärtigen Amt – und dort, das hat sicher nicht geschadet, Personalratsvorsitzender. Tatsächlich zeigte sich Pleuger wohlmeinend, schickte Sonntag und ihre Kollegen aber dennoch in die traditionell starken Fakultäten und zu jedem der drei Dekane an der Viadrina. Nach langen Gesprächen und zähen Verhandlungen unterzeichneten der zu dem Zeitpunkt als Präsident kurz vor der Pensionierung stehende Pleuger und der Personalrat im August 2014. Die Laufzeit der Dienstvereinbarung beträgt zwei Jahre; wie sie sich bewährt, wird evaluiert. 

An der Europa-Universität will man aber noch mehr. In einer Arbeitsgruppe entwickeln Vertreter von Personalrat und Fakultäten zurzeit ein Strukturkonzept, das nach dem Willen des Personalrats der Befristungsunsitte an sich Einhalt gebieten soll: Man will Stellen „ausfindig machen“, auf denen künftig 30 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter dauerhaft beschäftigt werden könnten. „Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland eine Professur zu bekommen, liegt ungefähr bei eins zu vier“, sagt Personalrat Seiterle, „wir brauchen dauerhafte Perspektiven neben der Professur.“ Und berechenbare Perspektiven für Juniorprofessoren, die immer noch an den meisten Unis nach sechs Jahren auch bei positiver Evaluation nur einen warmen Händedruck bekommen. Künftig soll bei jeder freien Professur geprüft werden, ob diese durch eine Juniorprofessur mit einer Art Laufbahngarantie, der sogenannten Tenure-Track, ersetzt werden kann. Sorge vor einem Verlust wissenschaftlicher Qualität  – immerhin werden auf diesem Weg hoch dotierte W3-Professuren durch W1-Nachwuchsstellen ersetzt – hat Sonntag nicht: „Es gibt so viel hervorragend qualifizierten Nachwuchs, der eine Chance verdient hat. Und sich sicher bewähren wird.“


Mehr Informationen

Der vom Bund-Verlag ausgeschriebene Personalräte-Preis wurde am 25. November im Rahmen des Schöneberger Forums in Berlin verliehen. Das Motto lautete: „Initiativen für Beschäftigte“. 

Mehr über die Anforderungen an eine Hochschulreform, wie sie auf dem 7. Hochschulpolitischen Forum der Stiftung „Gute Arbeit an Hochschulen – die Basis für ein gutes Studium“ formuliert wurden.


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