Armut

Alleinerziehende sind besonders armutsgefährdet

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Bezogen auf verschiedene Haushaltstypen werden große Unterschiede deutlich:

Am stärksten armutsgefährdet sind Haushalte von Alleinerziehenden. Dies ist mit den vergleichsweise ungünstigen Erwerbschancen Alleinerziehender zu erklären, weil sie Beruf und Familie vereinbaren müssen. Zudem haben sie wegen der Kinder einen hohen finanziellen Bedarf. Mehr als ein Drittel der Alleinerziehendenhaushalte verfügt über Nettoäquivalenzeinkommen unterhalb des Schwellenwertes für die Armutsgefährdung. Da die Alleinerziehenden überwiegend weiblich sind, zeigt sich hier eine besondere Armutsgefährdung von Frauen.

Andere Haushalte mit Kindern sind deutlich seltener armutsgefährdet. Mit 11 bzw. 8,5 Prozent tragen Frauen und Männer in Paarhaushalten mit 1 oder 2 Kindern das niedrigste Armutsrisiko. Mit knapp 14 Prozent ist die Armutsgefährdungsquote für Frauen und Männer in Paarhaushalten mit 3 und mehr Kindern etwas höher, was sich aus höheren Bedarfen und geringeren Erwerbsmöglichkeiten der Eltern aufgrund der Sorgeverpflichtungen ergeben dürfte.

Betrachtet man die Privathaushalte ohne Kinder, zeigt sich eine deutlich stärkere Armutsgefährdungsquote für Single-Haushalte im Vergleich zu Paarhaushalten. Die Unterschiede zwischen Single- Haushalten von Frauen und Männern sind dabei verschwindend gering.

Seit 2005 sind insbesondere die Armutsgefährdungsquoten von Singles angestiegen. Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden ist zunächst von 2005 bis 2010 stark gestiegen, seither jedoch wieder tendenziell abnehmend.

 

Bearbeitung: Dr. Peter Sopp, Dr. Alexandra Wagner

 

Literatur

BMAS (2013): Lebenslagen in Deutschland. Der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin.

Statistisches Bundesamt (jährlich): Fachserie 15 Reihe 3: LEBEN IN EUROPA (EU-SILC) - Einkommen und Lebensbedingungen in der Europäischen Union, Wiesbaden.

Eurostat: Tabelle ilc_li03

Datentabelle zu den Grafiken

 

 

 

Methodische Anmerkungen

EU-SILC
Die Daten basieren auf EU-SILC / Leben in Europa (EU Statistics on Income and Living Conditions - Europäische Erhebung über die Lebens- und Einkommensbedingungen). In Deutschland wird diese Erhebung unter dem Namen „Leben in Europa“ seit 2005 als amtliche, freiwillige Befragung durchgeführt. Erhebungseinheiten sind der Privathaushalt und die Personen ab 16 Jahren in Privathaushalten. „Als Privathaushalt gilt jede Gesamtheit von Personen, die zusammen wohnen und wirtschaften, die in der Regel ihren Lebensunterhalt gemeinsam finanzieren bzw. die Ausgaben für den Haushalt gemeinsam teilen. Zu einem Privathaushalt gehören auch die vorübergehend abwesenden Personen.“(1)

Die Erhebung erfolgt jeweils von Frühjahr bis Herbst mittels Haushalts- und Personenfragebögen. „Der Haushaltsfragebogen wird von dem Haushaltsmitglied, das sich nach eigener Einschätzung am besten mit den finanziellen Belangen des Haushalts auskennt, ausgefüllt und enthält Angaben zum Haushalt als Ganzem sowie zu allen Haushaltsmitgliedern.“(2) „Der Personenfragebogen wird von jeder Person, die am 31.12. des abgelaufenen Kalenderjahres (Vorjahr der Erhebung) 16 Jahre oder älter war, ausgefüllt und enthält Angaben zu der ausfüllenden Person.“(3) Erst ab 2008 handelt es sich um eine vollständige Zufallsstichprobe mit mehr als 13.000 Haushalten und 23.000 Personen über 16 Jahren bei der Erhebungswelle 2010. Das Einkommen wird immer für das Vorjahr erhoben, um alle einkommensrelevanten Komponenten zu erfassen.

Zur Interpretation der Daten:
Da die Armutsgefährdung auf Basis der Nettoäquivalenzeinkommen der Haushalte bestimmt wird, ist der Geschlechterunterschied beim Armutsrisiko stark durch die Haushaltsstrukturen bestimmt. Nur Single-Haushalte können nach Frauen und Männern unterschieden werden. Bei Alleinerziehenden- Haushalten wäre es zwar theoretisch möglich, aber aufgrund der Fallzahlen werden hier Frauen und Männer bei Eurostat nur zusammen ausgewiesen. Demgegenüber wird Frauen und Männern in Paarhaushalten aufgrund der Ermittlung der Nettoäquivalenzeinkommen des Haushalts jeweils das gleiche Einkommen zugewiesen, unabhängig davon, welche Person das Einkommen erwirtschaftet hat. Entsprechendes gilt für die Konsumausgaben, die ebenfalls auf Haushaltsebene ermittelt werden.

 


(1) Statistisches Bundesamt (2012): Fachserie 15, Reihe 3, S. 6

(2) ebenda, S. 7

(3) ebenda, S. 7

Armutsgefährdung:
Die Armutsgefährdung wird über die Nettoäquivalenzeinkommen definiert. Personen, deren Nettoäquivalenzeinkommen niedriger ist als ein bestimmter Referenzwert, werden als armutsgefährdet bezeichnet. Der Schwellenwert für die Armutsgefährdung wird aus der Einkommensverteilung abgeleitet. Im Rahmen der nationalen und europäischen Sozialpolitik hat man sich auf einen Wert in Höhe von 60 Prozent des Medians des Äquivalenzeinkommens der Gesamtbevölkerung geeinigt. Demnach gilt eine Person dann als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoäqivalenzeinkommen niedriger ist als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens der Bevölkerung.

Armutsgefährdungsquote:
Die Armutsgefährdungsquote bezeichnet den Anteil der Bevölkerung(sgruppe), deren Nettoäqivalenzeinkommen niedriger ist als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens der Bevölkerung. Die Armutsgefährdungsquote ist ein Verteilungsmaß und sagt nichts darüber aus, ob ein soziokultureller Mindeststandard in Bezug auf das Einkommen erreicht wird oder nicht.

Nettoäquivalenzeinkommen:
Um den unterschiedlichen Bedarf von Privathaushalten je nach deren Zusammensetzung (Haushaltsgröße, Alter der Haushaltsmitglieder) zu berücksichtigen, wird eine Äquivalenzgewichtung vorgenommen. Dabei wird jedem einzelnen Haushaltsmitglied ein Bedarfsgewicht zugeordnet. Nach europäischem Standard wird hierfür die neue bzw. modifizierte Skala der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) herangezogen, nach der die erste erwachsene Person im Haushalt das Gewicht 1,0 erhält, jede/r weitere Erwachsene und jede/r Jugendliche im Alter von 14 Jahren oder älter das Gewicht 0,5 sowie jedes Kind unter 14 Jahren das Gewicht 0,3. Dies sind auch die Gewichtungsfaktoren, die das Statistische Bundesamt derzeit verwendet. Für unterschiedliche Haushaltszusammensetzungen ergeben sich so verschiedene Gesamtgewichte. Das Haushaltsnettoeinkommen, dividiert durch das Gesamtgewicht für den Haushalt, ergibt das für alle Personen des Haushalts geltende Nettoäquivalenzeinkommen.

Die „alte“ OECD-Skala sah für die erste Person im Haushalt das Gewicht 1, für weitere Personen im Alter von mindestens 14 Jahren das Gewicht 0,7 und für Personen unter 14 Jahren das Gewicht 0,5 vor. Die hier verwendete neue OECD-Skala führt aufgrund der niedrigeren Gewichte zu einem höheren errechneten Äquivalenzeinkommen in Mehrpersonenhaushalten. Dadurch ergeben sich tendenziell höhere Armutsgefährdungsquoten für Singlehaushalte und tendenziell niedrigere Armutsrisikoquoten für Mehrpersonenhaushalte.

Median:
Als Durchschnittswert für das Nettoäquivalenzeinkommen der Bevölkerung, das die Basis für die Berechnung der Armutsgefährdung bildet, wird aufgrund seiner Unempfindlichkeit gegenüber Extremwerten in der Datenbasis der Median verwendet. Während bei der Durchschnittsberechnung alle Ausprägungen des Merkmals addiert und dieser Summenwert anschließend durch die Anzahl der Ausprägungen dividiert wird, basiert die Medianberechnung auf der nach aufsteigender Größe der Ausprägungen sortierten Folge und legt den in der Mitte befindlichen Wert als Mittelwert fest.

Sozialleistungen:
Sozialleistungen sind alle regelmäßig an den Haushalt oder an einzelne Mitglieder des Haushaltes gezahlten staatlichen Sozialleistungen wie Kindergeld, Arbeitslosengeld, Wohngeld, Leistungen der Grundsicherung und Leistungen im Rahmen von Bildung und Gesundheit sowie alle sonstigen regelmäßigen Sozialleistungen.

Haushalte mit Kindern:
Erfasst sind Haushalte mit „abhängigen Kindern“. „Als abhängige Kinder gelten Kinder unter 18 Jahren sowie Kinder zwischen 18 und 24 Jahren, sofern sie nicht erwerbstätig oder arbeitsuchend sind und mit mindestens einem Elternteil zusammenleben.“ (1)

 


(1) Statistisches Bundesamt (2012): Fachserie 15, Reihe 3, S.7

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