Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut in der Hans-Böckler-Stiftung
Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) ist als Forschungsabteilung in die Hans-Böckler-Stiftung, das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des DGB, integriert. Die Forschungsarbeiten sollen einen Beitrag zur Verbesserung der gesellschaftlichen Lage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leisten.
Das Arbeitsfeld ist weit gefächert und umfasst Strukturfragen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt ebenso wie Fragen der Verteilung und der sozialen Sicherung sowie der Arbeitsbeziehungen und der Tarifpolitik. Das Institut erarbeitet wirtschafts- und sozialwissenschaftlich fundierte Vorschläge zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme. Forschungsergebnisse und Konzepte werden der Öffentlichkeit, der Politik und der Wissenschaft vorgestellt. Die Forschungsarbeiten des WSI erfolgen in enger Kooperation mit dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.
Geschichte
Zum Neuaufbau demokratischer Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg zählte auch das Projekt, eine "Gewerkschaftliche Planungs- und Forschungsstelle für Wirtschaft" zu gründen. Dieses "Wirtschafts-Wissenschaftliche Institut (WWI)" wurde bereits 1946, noch vor der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), ins Leben gerufen.
1972 änderte es seinen Namen in "Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI)".
1995 wurde das WSI in die Hans-Böckler-Stiftung eingegliedert.
Die Arbeit des WSI ist nach drei Forschungsschwerpunkten gegliedert:
- Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht
- Verteilung und soziale Sicherung
- Arbeitsbeziehungen und Tarifpolitik
I. Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht
Die Arbeitsmärkte stehen seit langem unter vielfältigem Druck. Dieser geht nicht nur auf veränderte ökonomische Bedingungen zurück, sondern auch auf unterschiedliche Akteursinteressen und politisch-normative Leitvorstelllungen. Die Analyse dieser Ursachen und der gegebenen wie gewünschten Anpassungsreaktionen auf den Arbeitsmärkten einschließlich ihrer institutionellen wie rechtlichen Rahmenbedingungen bilden hier das zentrale Forschungsanliegen - auch im internationalen Kontext. Einzelne Forschungsfelder in diesem Schwerpunkt sind:
- Arbeitsmarktentwicklung: Die politische und institutionelle Regulierung des Arbeitsmarkts sowie die Auswirkungen auf seine Funktionsfähigkeit sind Gegenstand analytischer und konzeptioneller Arbeiten. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Untersuchung von gewandelten Beschäftigungsformen sowie von Ursachen und Folgen der Massenarbeitslosigkeit.
- Arbeitsmarktpolitik: Die Verbindung eines funktionsfähigen Arbeitsmarktes mit individuellen und gruppenspezifischen Beschäftigungs- und Entwicklungschancen ist Aufgabe der Arbeitsmarktpolitik. Sie verbessert die Passförmigkeit von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage und gewährt sozialen Schutz im Falle von Arbeitslosigkeit. Untersucht wird, mit welchen konkreten Maßnahmen und Instrumenten diese Aufgaben umgesetzt werden und wie diese sich gewandelt haben. Von besonderem Interesse sind dabei flexible Erwerbsübergänge zwischen einzelnen Beschäftigungsverhältnissen und ausreichende Absicherungen von Beschäftigungsrisiken.
- Arbeitszeit: Die Differenzierung und Flexibilisierung der Arbeitszeit werden in ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, die Beschäftigten und ihre Arbeits- wie Lebens-bedingungen analysiert.
- Arbeitsrecht: Das Machtungleichgewicht zwischen "Arbeitgebern" und "Arbeitnehmern" weist dem Arbeitsrecht eine besondere Schutzaufgabe zu als Voraussetzung für gute Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten. Das Individual- und Kollektivarbeitsrecht stehen dabei ebenso im Focus wie seine Schnittstellen zum Sozialrecht, weil Beschäftigungsrisiken und entsprechende Schutzbedarfe zunehmen. Die Forschung erfolgt unter Berücksichtigung des europäischen und internationalen Arbeitsrechts.
II. Verteilung und soziale Sicherung
In den zentralen Handlungsfeldern stellt der Forschungsschwerpunkt die geltenden Konzeptionen und Institutionen des Sozialstaats auf den Prüfstand. Ziel ist es insbesondere, neue Ansätze zu entwickeln, die stärker als heute Erwerbsarbeit, kollektive Sicherung und individuelle Wahlfreiheit in verschiedenen Lebensphasen und bei unterschiedlichen Lebensoptionen vereinbaren und ermöglichen können. Es gilt dabei, die realen Ebenen (bezahlte und unbezahlte Beschäftigung bzw. Erwerbsarbeit und Engagement in Familie und Gesellschaft) mit den Verteilungsebenen von Geld und Zeit zu verknüpfen.
Themen in diesem Schwerpunkt sind:
- Verteilungspolitik: Die Differenzierung der personellen Arbeits- und Lebensverhältnisse findet ihre Entsprechung in den Erwerbseinkommen und den Erwerbsersatzeinkommen der Personen und ihrer Familien sowie der sie finanzierenden Institutionen (Arbeitsmarkt, Steuer- und Beitragssysteme, soziale Netze).
- Sozialpolitik: Aspekte der Flexibilisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse werden in ihren Wechselwirkungen mit sozialer Sicherung untersucht. International vergleichend wird nach Handlungsoptionen und Spielräumen nationaler Sozialpolitik in einer sich erweiternden Europäischen Union gefragt.
- Frauen- und Geschlechterpolitik: Die gesellschaftliche Organisation und Gestaltung von Arbeit (von Erwerbsarbeit und von unbezahlter Arbeit im Haushalt, bei der Kinderbetreuung und in sozialen Netzwerken), werden in ihren Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis analysiert, und es wird nach Möglichkeiten einer gleichstellungsorientierten Politik gesucht.
III. Arbeitsbeziehungen und Tarifpolitik
In diesem Forschungsschwerpunkt werden die Auswirkungen der Veränderungen untersucht, denen die Arbeitsbeziehungen in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt unterliegen.
Themen in diesem Schwerpunkt sind:
- Arbeitspolitik, Arbeitsbeziehungen und gewerkschaftliche Organisation: Neue Arbeitsverhältnisse und ihre Konsequenzen für die Beschäftigtenstrukturen stehen ebenso im Mittelpunkt wie die daraus erwachsenden Anforderungen an die betriebliche und gewerkschaftliche Interessenvertretung.
- Zukunft des Tarifsystems: Gewerkschaften wie Arbeitgeberverbände arbeiten an einer Neujustierung des Tarifsystems. Hierfür liefert das WSI Entscheidungshilfen durch Analyse der Veränderungsprozesse, ihrer inhaltlichen Ergebnisse und ihrer betriebpraktischen Umsetzung.
- Europäische Arbeitsbeziehungen: Die Entwicklung grenzüberschreitender europäischer Arbeitsbeziehungen ist eine Chance für die Wiedergewinnung betriebs-, tarif- und gewerkschaftspolitischer Gestaltungsspielräume jenseits der Globalisierungszwänge.
EIRO
Das WSI analysiert die Entwicklung europäischer Betriebsräte und ihrer Arbeit. Es beteiligt sich als deutscher Partner am "European Industrial Relations Observatory (EIRO)", einem seit 1997 bestehenden Informationsnetzwerk namhafter Institute aus allen 15 EU-Staaten und Norwegen, das von der Europäischen Stiftung für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen in Dublin koordiniert wird.
Das wichtigste Ziel von EIRO ist die Erstellung eines aktuellen Informationsdienstes EIROnline, in dem Monat für Monat bis zu 80 neue Beiträge zu den aktuellen Entwicklungen in den nationalen und europäischen Arbeitsbeziehungen erscheinen und der kostenlos via Internet genutzt werden kann unter http://www.eiro.eurofound.ie/.
Das Tarifarchiv des WSI
Das WSI-Tarifarchiv hat als zentrale Dokumentationsstelle der gewerkschaftlichen Tarifpolitik die Aufgabe, das laufende Tarifgeschehen umfassend zu dokumentieren und auszuwerten. Neben seinen regelmäßigen Tarifberichten veröffentlicht das Tarifarchiv zahlreiche Sonderauswertungen. Im Tarifarchiv stehen aktuelle Informationen über Tarifabschlüsse und Übersichten über die Tarifentwicklungen in allen wichtigen Branchen im Internet zur Verfügung. Eine umfangreiche Analyse aktueller tarifpolitischer Entwicklungen veröffentlicht das Archiv jährlich mit dem "WSI-Tarifhandbuch".
Publikationen
Seine Forschungsergebnisse und Expertisen veröffentlicht das WSI vornehmlich in der wissenschaftlichen Buchreihe "Hans-Böckler-Forschung" bei der "edition sigma rainer bohn verlag" in Berlin. Veröffentlichungen des Instituts erscheinen jedoch auch im Programm verschiedener anderer Verlage.
Monatszeitschrift "WSI-Mitteilungen"
Die "WSI-Mitteilungen" ist eine Monatszeitschrift, die aktuell über wirtschafts-, sozial- und gesellschaftspolitische Themen informiert. Sie wendet sich an Leserinnen und Leser in Wissenschaft, Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik.