Böckler Impuls Ausgabe 02/2013

Arbeitszeit

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Was im Norden besser läuft

Bei der Frauenerwerbstätigkeit weist Deutschland immer noch erhebliche Defizite auf. Ein Vergleich mit Schweden zeigt: Vor allem die Integration von Müttern in den Arbeitsmarkt ist ausbaufähig.

Die Zahl der Arbeitnehmerinnen wächst: Unter den Frauen in der EU ist die Beschäftigungsquote zwischen 2001 und 2009 um 3 Prozentpunkte gestiegen. In Deutschland waren es sogar 7,5 Prozentpunkte, schreiben Christine Franz, Angelika Kümmerling, Steffen Lehndorff und Dominique Anxo. Die Sozialwissenschaftler vom Duisburger Institut Arbeit und Qualifikation und der Linnaeus Universität Vaxjö haben in einer vergleichenden Studie geschlechtsspezifische Arbeitszeitprofile analysiert. Das Ergebnis ihrer Untersuchung, die hauptsächlich auf Daten der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen beruht: Was die Arbeitsmarktpartizipation von Frauen angeht, besteht nach wie vor Handlungsbedarf. In Deutschland reduzieren viele Mütter ihre Erwerbstätigkeit dauerhaft. Dass eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt möglich ist, belegt die Situation in Schweden.

Den Berechnungen der Autoren zufolge sind zwar fast zwei Drittel der deutschen Frauen zwischen 15 und 64 Jahren erwerbstätig – weit mehr als der EU-Durchschnitt von 58,6 Prozent. Oft müssen sie sich allerdings mit äußerst kurzen Arbeitszeiten begnügen: Deutsche Arbeitnehmerinnen weisen mit über 45 Prozent eine der höchsten Teilzeitquoten in Europa auf. Und entgegen dem EU-Trend ist die durchschnittliche Arbeitszeit der weiblichen Teilzeitbeschäftigten seit Mitte der 1990er-Jahre um über eine Stunde zurückgegangen. Die Spuren der Minijob-Regelung seien unübersehbar, attestieren die Sozialwissenschaftler. „Im Ergebnis gehört Deutschland zu den europäischen Ländern mit besonders ausgeprägter Geschlechterdifferenz bei den Arbeitszeiten.“

Eine maßgebliche Ursache dafür sind familiäre Verpflichtungen: Je mehr Kinder im Haushalt leben, desto niedriger sei die Beschäftigungswahrscheinlichkeit der Frau und desto kürzer ihre Arbeitszeit, fassen die Forscher das für Deutschland typische Muster zusammen. Während weibliche und männliche Singles ähnlich lange arbeiten, öffne sich die Schere bereits, wenn Paare zusammenziehen. Einen drastischen Einschnitt bedeutet die Geburt von Kindern: Frauen mit Kindern unter sieben Jahren arbeiten in Deutschland rund sieben Stunden weniger als kinderlose Kolleginnen.

In Schweden beträgt die Differenz lediglich drei Stunden. Zudem sei die Arbeitszeitreduzierung dort ein vorübergehendes Phänomen, schreiben die Wissenschaftler. Schwedische Arbeitnehmerinnen mit Kindern zwischen 13 und 18 Jahren arbeiteten wieder genauso lange wie Beschäftigte ohne Kinder. Anders sieht es in Deutschland aus: „Sind die Arbeitszeiten erst einmal reduziert, bleibt dies auch so“, folgern die Forscher. Zwar kommt es zu einem Anstieg der Arbeitszeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Doch so lange wie kinderlose Frauen arbeiten deutsche Mütter in keiner Lebensphase.

Symptomatisch für die Rollenverteilung in deutschen und in schwedischen Familien sind auch die Arbeitszeitverläufe der Väter: Wenn deutsche Männer Vater werden, erhöhen sie ihr Arbeitspensum um 1,5 Stunden. Schwedische Arbeitnehmer dagegen reduzieren die Erwerbsarbeit. Zudem ist die Geschlechterdifferenz bei der unbezahlten Hausarbeit in Schweden wesentlich geringer. Der Studie zufolge arbeiten schwedische Männer in der Familienphase 18,1 Stunden pro Woche im Haushalt, Frauen 23,8. In Deutschland dagegen stehen 12,4 Stunden Hausarbeit bei den Vätern 33,6 Stunden bei den Müttern entgegen.

Dass bei der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern Reformbedarf besteht, zeigen auch die Arbeitszeitpräferenzen deutscher Frauen und Männer: Insbesondere in der Familienphase würden viele Frauen gerne länger arbeiten, Männer dagegen wünschen sich weitaus häufiger kürzere Arbeitszeiten. Insofern deute sich ein „Umverteilungspotenzial bezahlter Arbeitszeiten zwischen den Geschlechtern“ an, so die Analyse der Wissenschaftler.

Mehr Autonomie bei der Arbeitszeitgestaltung könnte zum Abbau von Geschlechterungleichheit beitragen: „Entsprechende Erfolge sind umso leichter zu erreichen, wenn durch tarifvertragliche und betriebliche Vereinbarungen Möglichkeiten geschaffen werden, die es für Frauen und Männer attraktiver machen, ihre Arbeitszeit vorübergehend und je nach Bedarf zu reduzieren oder zu verlängern.“ Ein Gesetz über Arbeitszeit-Optionen, wie es der Erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vorschlägt, wäre demnach ein Schritt in die richtige Richtung.

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Quellen

Christine Franz u. a.: Arbeitszeiten von Frauen: Lebenslaufperspektive und europäische Trends, in: WSI-Mitteilungen 8/2012.


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