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Monika Praefke

„Lohndumping und Arbeitsverdichtung müssen dringend aufgehalten werden.“ 

Name: Monika Praefke
Beruf: Produktionsleiterin
Alter: 52 Jahre

Ich bin beim Film.“ Manchmal genügt ein einziger Satz, um das Kino in den Köpfen in Gang zu bringen. Geld und Glamour, Preise, Paparazzi, Ruhm und Rummel. Es gibt wohl wenige Branchen, die auf Anhieb solche Bilder produzieren. Die den Stoff liefern, aus dem Träume sind. Der Sport vielleicht noch. Oder auch die Musik. Doch wer käme schon auf die Idee, bei der schönen Welt von Film und Fernsehen gleichzeitig an so etwas hässliches wie Prekariat zu denken. An Sparzwänge und Stress. An Unterbeschäftigung, Unsicherheit, Arbeitslosengeld und Angst. Das Leben ist kein Film

Wer Monika Praefke, freie Produktionsleiterin aus Lübeck, eine Weile zuhört, lernt eine Frau kennen, die sich bei all den Nöten, von denen sie spricht, überraschend wenig Sorgen macht. Die lacht, wo andere lamentieren. Sie hat ihre Familie selten gesehen, doch sie klingt nicht übertrieben betrübt. Sie leidet unter den Schikanen der Sozial-Gesetzgebung, doch klingt sie nicht allzu bekümmert. Sie weiß gerade nicht, wo sie im nächsten Jahr arbeiten wird, doch klingt sie nicht sehr besorgt. Monika Praefke hat sich bei allem, was Gewerkschaften in diesem Geschäft längst zurecht beklagen, ihren Optimismus nicht verloren.

Als sie sich 1995 auf das Filmgeschäft einlässt, ist sie 35. Sie war 16 Jahre lang Regie-Assistentin am Theater in Lübeck, und auch wenn es stets auf ein Jahr befristete Verträge waren, so war es doch ein vermeintlich sicherer Job. Praefke machte sich unverzichtbar, so sehr, dass ihr Chef, als sie eines Tages gehen will, ihre Kündigung zerreisst. Sie aber hat ihre Entscheidung getroffen, fährt nach Hamburg, will in ihrem Leben noch etwas anderes machen. Sie marschiert auf das Filmgelände und klopft an die nächstbeste Tür. Sie wird Produktionsassistentin, später Aufnahmeleiterin, dann Produktionsleiterin. Für wechselnde Arbeitgeber. Immer auf Zeit.

In der Branche werden zu dieser Zeit immer Leute gesucht. Praefke sagt, sie habe „nie graue Haare bekommen, wenn ich an die Zukunft gedacht habe“. Wer von denen, die heute nachrücken, kann das schon von sich behaupten? Sie ist verheiratet und Mutter, was keine typische, weil keine ideale Biographie in einer Branche ist, die in Konkurrenz zur Familie steht. Doch Monika Praefke gehört nicht zu denen, die das beklagen. Sie bewältigt es. Flexibilität, Mobilität, Individualität – klassische Kennzeichen dessen, was man Kreativ-Prekariat nennt, können Praefke nicht abhalten. Der Verdienst, der am Ende eines jeden Jahres steht, rechtfertigt eine Zeit lang jeden Verzicht. Doch die Zeiten ändern sich.

Ende der 90er Jahre wird in der Branche das Geld knapp und mit dem Geld die Zeit. Seit die Sender sparen, Budgets gekürzt und Projekte gestrichen werden, seit auch mit niedrigem Niveau hohe Quoten zu erzielen sind, wandelt sich vieles. Wo man zuvor Wochen Zeit hatte, um Filme vor- und nachzubereiten, sind es jetzt nur noch Tage. Produktionsleiter, mit denen die Filmfirmen einst Jahresverträge abschlossen, werden nun für die Dauer einer Produktion angestellt, an zusätzlichen Mitarbeiten wird gespart, an ihre Stelle treten Hektik und Druck. Kameramänner, Tontechniker, Requisiteure unterschreiben mitunter sogar für noch kürzere Zeiträume, in denen sie sicher gebraucht werden. Mal für einen Tag, mal für sieben, 14 oder 21 Tage. Die Tage sind das Problem.

Im Februar 2006 wurde im Zuge der Hartz-Reformen die Rahmenfrist von drei auf zwei Jahre gekürzt, in denen Freischaffende, etwa beim Film, 360 sozialversicherungspflichtige Tage ansammeln müssen, um Anspruch auf das Arbeitslosengeld I zu haben, das die Zeit zwischen den Produktionen überbrückt. „Aber wer soll das schaffen?“, fragt Praefke. Laut einer Studie der Interessenvertretung der Medienschaffenden connexx, die zu ver.di gehört und bei der Praefke Mitglied ist, kommt gerade ein Drittel auf diese 360 Tage, ein Drittel aber auf nicht einmal die Hälfte. Was dazu führt, dass es plötzlich diesen Moment gab, in dem Praefke weder Arbeitslohn noch Arbeitslosengeld bekam, ohne genau zu wissen warum. Dass ihr Anspruch auf Arbeitslosengeld plötzlich aufgebraucht war, und dass sie von Glück reden konnte, anschließend einen Jahresvertrag ergattert zu haben. Dass sie ihren Sachbearbeiter bei der Arbeitsagentur fast duzen könnte, so oft, wie sie ihn mittlerweile sieht.

Das Arbeitsamt, sagt sie, die Produktionskosten kalkuliert und Drehpläne erstellt, weshalb sie unzählige Geschichten von Tonmeistern, Kostümbildner und selbst von Darstellern kennt, die es härter trifft als sie selbst, „ist ein Bollwerk von Intoleranz und Ignoranz“. Beratungen seien fehlerhaft. Ansprüche werden so nicht erreicht oder gehen verloren. Es passiere nicht gerade selten, dass „Kunden“ ihren Arbeitsagentur-Beratern die Regelungen erklären müssen. Dass mit dem Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende ein Arbeitszeitkonto eingeführt wurde, um etwa einen 16-Stunden-Drehtag in zwei sozialversicherungspflichtige Tage zu splitteten, hält Praefke „für einen guten Ansatz“. Er müsste nur noch flächendeckend angewendet werden. Sie selbst habe regelrecht darum gekämpft, ihren Sachbearbeiter zurückzubekommen. Vermitteln, sagt Monika Praefke, könne man sie ohnehin nicht. „In diesem Geschäft läuft fast alles über persönliche Kontakte.“ Oder Eigenakquise.

Monika Praefke braucht die Küste braucht die Nähe des Meeres. „Ruhig und schön“, sagt sie, sei ihr Lübeck, „kein Film weit und breit“. Es ist ihr Ruhepol abseits von Lohndumping, weil sich die, die beim Film nachrücken, mit immer weniger zufrieden geben. Von Arbeitsverdichtung, weil immer weniger Drehtage immer länger werden. Von Mehrbelastung, weil Spezialisten eingespart werden. Diese Entwicklung, sagt Praefke, müsse man aufhalten. Dringend. Doch über allem schwebe die Angst vor unzureichender sozialer Absicherung. Es ist das Reizthema für viele beim Film.

Foto: Hermine Oberück


Zum Artikel   3 von 3 Stand: 12.12.2012