Arbeitslosigkeit

Mehr Frauen als Männer beziehen trotz Erwerbstätigkeit Arbeitslosengeld II

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Mehr erwerbstätige Frauen als Männer müssen ihr Erwerbseinkommen durch Arbeitslosengeld II (ALG II) aufstocken. Der Anteil der Erwerbstätigen unter den Frauen, die Arbeitslosengeld II beziehen, ist seit 2007 gestiegen. Während im Januar 2007 ca. jede fünfte Frau, die ALG II bezog, einer Erwerbstätigkeit nachging, trifft dies seit 2010 auf nahezu jede dritte ALG II-Beziehende zu. Bei den Männern ist der Anteil derjenigen, die Erwerbseinkommen mit Transfereinkommen kombinieren müssen, im selben Zeitraum ebenfalls deutlich angestiegen.

Auch in absoluten Zahlen betrachtet beziehen mehr erwerbstätige Frauen als erwerbstätige Männer ALG II. Bei den Frauen stieg die Zahl der Erwerbstätigen im Leistungsbezug des SGB II von 573.000 im Januar 2007 auf 756.000 im Juni 2010 und verharrt seither auf einem Niveau von über 700.000. Bei den Männern stiegen die Zahlen der erwerbstätigen ALG II-Bezieher von 521.000 im Januar 2007 auf 657.000 im Sommer 2010 und liegen Anfang 2014 mit ca. 600.000 deutlich unter dem Niveau der Frauen.

Dass Frauen unter den erwerbstätigen ALG II-Beziehenden überwiegen, dürfte zum einen mit ihrem hohen Anteil in Minijobs zusammenhängen, in denen nur geringe Entgelte erwirtschaftet werden. Zum anderen dürften sich auch die hohen Zahlen der weiblichen Alleinerziehenden niederschlagen. Alleinerziehende sind im Vergleich zu Singles bei gleichem Erwerbseinkommen häufiger hilfebedürftig, da der finanzielle Bedarf des Haushaltes aufgrund zu versorgender Kinder größer ist.

Die Kombination von Arbeitslosengeld II und Erwerbstätigkeit ist sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern in Ostdeutschland häufiger als in Westdeutschland. In Ostdeutschland waren im Juni 2014 mit 34 Prozent mehr als ein Drittel der ALG II-Empfängerinnen erwerbstätig. In Westdeutschland war dieser Anteil mit 30 Prozent etwas niedriger. Auch der Anteil erwerbstätiger Frauen, die ALG II bezogen, stieg seit Januar 2007 in Ostdeutschland stärker. Der Anstieg betrug zwölf Prozentpunkte gegenüber nur neun Prozentpunkten in Westdeutschland.

Bei den Männern lagen die Quoten derer, die gleichzeitig ALG II und Erwerbseinkommen bezogen, im Juni 2014 ebenfalls höher als im Januar 2007: Sie stiegen von 19 auf 27 Prozent in Westdeutschland und von 21 auf 31 Prozent in Ostdeutschland.

Die höheren Anteile der erwerbstätigen „Aufstocker/ innen“ in Ostdeutschland erklären sich vor allem aus den tendenziell schlechteren Einkommensbedingungen in Ostdeutschland.

 

Bearbeitung: Dr. Peter Sopp, Dr. Alexandra Wagner

 

Literatur

Bruckmeier, Kerstin / Wiemers, Jürgen (2014): Die meisten Aufstocker bleiben trotz Mindestlohn bedürftig. IAB-Kurzbericht Nr. 7, Nürnberg.

Bundesagentur für Arbeit (2014): Hintergrundinformation. Neue Ergebnisse zu sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitslosengeld II-Beziehern in Vollzeit und Teilzeit, Nürnberg.

Dingeldey, Irene / Sopp, Peter / Wagner, Alexandra (2012): Governance des Einkommensmix: Geringfügige Beschäftigung im ALG II-Bezug, in: WSI-Mitteilungen 1/2012, S. 32-40.

Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2010): Grundsicherung für Arbeitsuchende: Erwerbstätige Arbeitslosengeld II-Bezieher: Begriff, Messung, Struktur und Entwicklung, Nürnberg, März 2010.

Datentabellen zu den Grafiken






Methodische Anmerkungen

Die Auswertungen basieren auf den Verwaltungsdaten der Bundesagentur für Arbeit. Die sozialrechtliche Definition der Arbeitslosigkeit hat sich häufig geändert (1), was sich auf die Daten zur Arbeitslosigkeit auswirkt. Die wichtigsten Änderungen waren:

  • Seit Januar 1998 gilt, dass nicht mehr eine Beschäftigung von weniger als 18 Wochenstunden, sondern nur noch eine Beschäftigung von weniger als 15 Wochenstunden Arbeitslosigkeit nicht ausschließt. Seit Januar 2005 gelten diese Arbeitszeitgrenzen auch für Selbsthändige und mithelfende Familienangehörige.
  • Bis Ende 2007 konnten 58-jährige und ältere Personen den Anspruch erwerben, Transferleistungen unter erleichterten Voraussetzungen (gem. § 105c AFG bzw. nach § 428 SGB III sowie nach § 65 Abs. 4 SGB II) zu beziehen. Sie mussten nicht mehr jede zumutbare Beschäftigung annehmen und galten wegen fehlender Verfügbarkeit nicht mehr als Arbeitslose. Seit 1.1.2008 kann ein solcher Anspruch nicht mehr erworben werden.
  • Ab Januar 2004 werden auch Teilnehmer/innen an Trainings- und Eingliederungsmaßnahmen nicht mehr als arbeitslos gezählt.
  • Mit der Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe zur Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) wurde zwar der Begriff der Arbeitslosigkeit nicht geändert, gleichwohl hatte diese Reform durch höhere Anforderungen an die Arbeitsbereitschaft und Verfügbarkeit der Leistungsbeziehenden (im Vergleich zur früheren Sozialhilfe) erhebliche Auswirkungen darauf, ob sie als arbeitslos erfasst werden: Bis dahin waren erwerbsfähige Sozialhilfebeziehende häufig nicht als Arbeitslose erfasst, weil sie sich nicht immer bei der Agentur für Arbeit registrieren ließen. Mit der Einführung des SGB II wurden diese Personen systematisch erfasst und bei Vorliegen der Bedingungen als arbeitslos registriert. Dies betrifft auch erwerbsfähige Angehörige von SGB II-Beziehenden.
  • Im Januar 2009 wurde der § 53a SGB II eingeführt, wonach ALG II-Beziehende, die nach Vollendung des 58. Lebensjahres mindestens für die Dauer von zwölf Monaten Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen haben, ohne dass ihnen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten worden ist, nach Ablauf dieses Zeitraums nicht als arbeitslos gelten.
  • Zum 1. Januar 2009 sind Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach § 46 SGB III eingeführt worden. Teilnehmende an diesen Maßnahmen gelten nicht als arbeitslos. Bisher waren Personen, die in die Betreuung Dritter übergeben wurden, weiterhin arbeitslos.
  • Zum Berichtsmonat August 2014 fand eine Generalüberholung der Arbeitslosenstatistik ab 2007 statt. (2) Dies war notwendig, nachdem sich über die letzten Jahre Verfahrensverbesserungen bei der Datenerfassung ergeben hatten, die bisher nicht für die Vergangenheit, sondern immer nur ab dem Einsatzzeitpunkt der Verbesserung umgesetzt werden konnten. Die Ergebnisse änderten sich dadurch nur geringfügig.


(1) Eine detaillierte Auflistung dieser Änderungen seit 1986 findet sich in: Bundesagentur für Arbeit. Statistik (Mai 2009): Methodenbericht. Umfassende Arbeitsmarktstatistik: Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, Nürnberg.

(2) Vgl. Bundesagentur für Arbeit. Statistik (August 2014): Neuaufbereitung der Arbeitslosenstatistik. Revisionsbericht, Nürnberg.

Erwerbstätige:
Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes gelten als Erwerbstätige „Personen im Alter von 15 und mehr Jahren, die im Berichtszeitraum wenigstens 1 Stunde für Lohn oder sonstiges Entgelt irgendeiner beruflichen Tätigkeit nachgehen bzw. in einem Arbeitsverhältnis stehen (…), selbstständig ein Gewerbe oder Landwirtschaft betreiben oder einen Freien Beruf ausüben.“ Die Erwerbstätigen umfassen damit Selbständige, mithelfende Familienangehörige und abhängig Beschäftigte sowie geringfügig Beschäftigte. Die hier dargestellten Ergebnisse beziehen sich bei einer oder mehreren Tätigkeiten auf die Haupterwerbstätigkeit. Nach diesem Konzept gelten auch alle Personen mit einer geringfügigen Beschäftigung im Sinne der Sozialversicherungsregelungen als erwerbstätig. Dies gilt auch für Personen, die aufgrund von Krankheit, Mutterschutz oder Elternzeit vorübergehend nicht arbeiten.

Arbeitslosengeld II:
Das Arbeitslosengeld II (ALG II) ist keine Versicherungsleistung, sondern eine steuerfinanzierte Leistung zur Grundsicherung des Lebensunterhaltes nach SGB II (Grundsicherung für Arbeitsuchende). Anspruch auf ALG II haben erwerbsfähige und hilfebedürftige Personen im Alter von 15 Jahren bis zur Erreichung der Regelaltersgrenze (für den Eintritt in Altersrente) sowie Personen, die mit erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in einer Bedarfsgemeinschaft leben. Ursächlich für den Leistungsbezug im SGB II ist ein (bezogen auf die Bedarfsgemeinschaft) zu niedriges Einkommen.

Einkommensbegriffe im SGB II:
Die Gewährung des Arbeitslosengeldes II ist abhängig von der Bedürftigkeit der Bedarfsgemeinschaft. Einnahmen werden bei der Bedürftigkeitsprüfung berücksichtigt. Die Summe der in die Prüfung einfließenden Einkommen wird als zu berücksichtigendes Einkommen bezeichnet. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben sowie Betriebsausgaben bei Selbständigen verbleibt das verfügbare Einkommen. Das um Absetzungs- bzw. Freibeträge verminderte verfügbare Einkommen wird als anrechenbares Einkommen bezeichnet. Die Identifikation von erwerbstätigen Arbeitslosengeld II-Beziehenden erfolgt auf Basis des zu berücksichtigenden Einkommens aus abhängiger und/oder selbständiger Erwerbstätigkeit auf Personenebene.

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