„Wir planen gerade den Aufstand“

INSOLVENZ Die Betriebsrätinnen bei Schlecker sind wütend: Fast die Hälfte der Arbeitsplätze soll wegfallen. Kampflos will die gut organisierte Belegschaft, die fast ausschließlich aus Frauen besteht, das nicht hinnehmen. Von Annette Jensen


Annette Jensen ist Journalistin in Berlin/Foto: Rolf Schulten

Mona Frias ist stinksauer. Wieder einmal hat die Schlecker-Betriebsrätin aus Berlin zuerst aus dem Internet erfahren, was mit ihrer Firma los ist. „Erst vier Sekunden, bevor die Pressekonferenz losging, kam eine E-Mail bei uns an“, berichtet die 46-Jährige. Darin teilten der Insolvenzverwalter und die Familie des Eigentümers mit, dass von den 25 000 Arbeitsplätzen bei Schlecker und Schlecker XL fast die Hälfte wegfallen müsste. Nur etwa 3000 der bisher 5410 Drogeriefilialen könnten wohl erhalten bleiben. „In vielen Läden hätten die Mitarbeiter am liebsten gleich dichtgemacht und einen Schnaps getrunken“, sagt Frias.

Auch am Tag danach weiß man im Berliner Betriebsratsbüro an der Allee der Kosmonauten wenig mehr. „Auch die Vorgesetzten sagen, dass sie nichts wissen“, erzählt Frias. So herrsche „große Verunsicherung und Chaos“, beschreibt die Frau mit der blonden Lockenmähne die Lage und kündigt kämpferisch an: „Wir planen gerade den Aufstand.“ Schließlich könne es ja wohl nicht sein, dass Deutschland überall Rettungsschirme aufspanne und dem ehemaligen Bundespräsidenten 200.000 Euro pro Jahr an Ruhegeld hinterherschmeiße – und zugleich wird einer der größten Frauenbetriebe zerschreddert. Auch Schlecker-Gesamtbetriebsratschefin Christel Hoffmann ist wütend. Hier gehe es um das Schicksal von 12 000 Bundesbürgerinnen – aber weder Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen noch jemand aus der baden-württembergischen Landesregierung habe sich dazu geäußert. „Wenn man sich Fälle wie Opel anschaut, da war das ganz anders“, meint Hoffmann gegenüber dpa und schiebt nach: „Da bin ich jetzt mal ganz ketzerisch und sage: Da ging es ja auch um Männer-Arbeitsplätze.“

SCHOCKIERENDE ZAHLEN_ Während die Berliner Betriebsrätinnen entsetzt die E-Mail-Mitteilung lasen, präsentierte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz im Frankfurter Marriott-Hotel den versammelten Journalisten die Zahlen, die er selbst als „schockierend“ bezeichnete. Derzeit mache Schlecker jeden Monat 20 Millionen Euro Minus; doch ab April müsse der Konzern verlustfrei arbeiten. Ohne sehr tiefe Einschnitte habe das Unternehmen aus dem baden-württembergischen Ehingen keine Überlebenschance, so Geiwitz. Bis zu 11 750 Arbeitsplätze müssten wohl abgebaut werden. „Ich hoffe sehr, dass wir sie noch etwas reduzieren können.“

Das ist auch ein vordringliches Anliegen von Bernhard Franke, der als ver.di-Landesfachbereichsleiter für den Handel die Entwicklung des Schlecker-Konzerns seit vielen Jahren kritisch begleitet hat und jetzt auch im vom Insolvenzverwalter eingerichteten Lenkungsausschuss sitzt. „Den gesamten März über wird es einen Verhandlungsmarathon geben“, beschreibt der Gewerkschafter, was jetzt ansteht. Zuerst müsse sehr schnell überprüft werden, welche Spielräume es bei der Schließung von Filialen gäbe. Dabei sollten unbedingt auch die Vor-Ort-Kenntnisse der Betriebsrätinnen einbezogen werden. Dann müssten Personalbedarfsplanungen aufgestellt und Versetzungsmöglichkeiten erörtert werden. Außerdem geht es um einen Sozialplan, den ver.di als Tarifvertrag ausgestalten will, sowie um die Einrichtung von Transfergesellschaften; die hatte auch Geiwitz auf der Pressekonferenz in Aussicht gestellt und dafür die Unterstützung des Staates angemahnt. Schließlich will Franke auch einen Tarifvertrag über die Themen Sicherheit in den übrig bleibenden Filialen und Betriebsräte auf die Tagesordnung setzen. Im Prinzip dürfte er damit beim Insolvenzverwalter auf offene Ohren stoßen, denn auch der hatte eindeutig formuliert: „Wir brauchen einen kompromisslosen Kulturwandel bei Schlecker.“

Über Jahrzehnte war der Umgang mit dem Personal in der Drogeriekette durch Misstrauen und Konfrontationen geprägt. Betriebsrätin Mona Frias ist beim Berliner Arbeitsgericht bestens bekannt, in manchen Phasen musste sie dort gleich mehrfach pro Woche auftauchen.

Frias gehört zur ersten Generation von Schlecker-Betriebsräten. Kurz nach ihrer Einstellung im Frühjahr 1995 hatte ihre Chefin sie als Kandidatin vorgeschlagen. „Du hast eine große Klappe, du kannst das, hat sie gesagt“, erzählt Frias. Mit Gewerkschaften hatte die gelernte Verkäuferin bis dahin nie was zu tun gehabt – das änderte sich nun schlagartig. Einmal monatlich trafen sich die Berliner Betriebsrätinnen bei der ver.di-Vorläufergewerkschaft HBV, jedes Jahr fand eine Konferenz aller Betriebsratsgremien in Deutschland statt – und die wurde mit den Jahren immer größer.

Der erste Kampf drehte sich darum, alle Läden mit Telefonen auszustatten: Eine Verkäuferin war nach einem Überfall gestorben und hätte möglicherweise durch einen Notruf gerettet werden können. Später gab es unzählige Rechtsstreitigkeiten, weil die Geschäftsführung die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte immer wieder missachtete, Mitarbeiter bespitzelte, verleumdete und anderweitig schikanierte. Auch Mona Frias musste eine Kollegin zum Gericht begleiten, der unterstellt wurde, etwas geklaut zu haben – bei Schlecker in früheren Jahren eine beliebte Methode, missliebige Beschäftigte loszuwerden. „Wir haben unsere Jacken deshalb immer in einen Spind eingeschlossen und außerdem die Taschen nach außen gekehrt“, berichtet sie. Computer und Internetzugang konnten die Arbeitnehmervertreterinnen ebenfalls nur mithilfe von Gerichten durchsetzen. Auch die Räumlichkeiten für die Berliner Betriebsräte waren wiederholt Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Inzwischen gibt es drei Zimmer in einem Plattenbau – eine ganze Wand dort ist vollgestellt mit den Aktenordnern, die die Betriebsrätinnen in den vergangenen Jahren angelegt haben.

KOOPERATION MIT DER GEWERKSCHAFT_ Im Herbst 2010 hatten die Schlecker-Kinder Lars und Meike noch versucht, das Ruder herumzureißen, und einen Modernisierungskurs angekündigt mit Investitionen von 230 Millionen Euro in die Ausstattung der wenig einladenden Filialen. Nicht nur das. „In Abstimmung mit uns haben sie auch ein Personalführungskonzept erarbeitet“, berichtet Bernhard Franke.Tatsächlich habe sich die Behandlung der Beschäftigten seither spürbar verbessert – auch wenn der neue Wind noch längst nicht überall angekommen sei und sich manche Führungskräfte noch nicht umgestellt hätten. „Aber über Konflikte wurde jetzt auf normalere Weise verhandelt, und nicht alles landete gleich bei Gericht“, beschreibt der Gewerkschafter den Trend der letzten eineinhalb Jahre. Der aber kam für das Gesamtunternehmen deutlich zu spät. Im Betriebsratsbüro an der Allee der Kosmonauten hängen Kopien der Unternehmensgrundsätze, die die Schlecker-Kinder 2010 offiziell verkündet haben: „Wir handeln verantwortlich“ ist da zu lesen. Angesichts des jahrelangen Umgangs des Unternehmens mit seinem Personal klingt das wie bittere Ironie. „Ihr wollt mit uns zusammenarbeiten, dann tut es bitte auch“, sagt eine Betriebsrätin in Richtung der Unternehmensgrundsätze. Von der Insolvenzmeldung hatte Mona Frias im Radio gehört, viele Kolleginnen erfuhren davon, weil sie von Kunden angesprochen wurden.

Inwieweit die Familie Schlecker im Unternehmen künftig noch das Sagen haben wird, ist unklar. Sicher ist hingegen, dass der alte Anton Schlecker die Geschäfte nicht mehr lenken wird. Bei der Pressekonferenz übte der Insolvenzverwalter deutliche Kritik an ihm: Er habe das Unternehmen patriarchalisch und intransparent geführt. Tatsächlich waren zum Zeitpunkt der Pleite so gut wie keine Wirtschaftsdaten des Unternehmens bekannt.

Noch 2011 war das Vermögen von Schlachtermeister Anton Schlecker, der die Drogeriekette 1975 gegründet hatte und als „eingetragener Kaufmann“ persönlich haftet, auf 3,1 Milliarden US-Dollar taxiert worden. Doch schon eine Woche nach dem Insolvenzantrag sagte seine Tochter Meike auf der ersten Pressekonferenz seit 22 Jahren, ihre Familie habe alle Reserven in die Restrukturierung des Unternehmens gesteckt: „Es ist nichts mehr da.“ Offenbar kam die von Geiwitz beauftragte Unternehmensberatung McKinsey zu einer ähnlichen Einschätzung. Mehr als 200 Millionen Euro Verlust hatte der Konzern allein 2011 gemacht, ein Ausmaß, das die Eigentümer offenbar selbst nicht übersehen hatten. Anton Schlecker hatte noch versucht, die Liquiditätsprobleme durch Immobilienverkäufe auszugleichen, als aber im Januar ein großer Lieferant auf der sofortigen Begleichung einer 20-Millionen-Euro-Rechnung bestand, blieb ihm keine andere Wahl, als zum Gericht zu gehen.

Mit der Beantragung einer Planinsolvenz versuchte der Patriarch, die Sanierung des Unternehmens selbst in der Hand zu behalten. „Er wollte wohl vermeiden, dass Dritte einen Insolvenzantrag stellen. Mir erschien er damals wie ein Getriebener. Ich glaube nicht, dass es ihm diesmal darum ging, uns und die Beschäftigten zu linken“, beschreibt ver.di-Gewerkschafter Franke seinen Eindruck. Welche Rolle wird die Familie künftig im Unternehmen spielen? Der Insolvenzverwalter hat sich auf die Suche nach einem Finanzier begeben, hält aber ein Überleben der Drogeriekette in deutlich verkleinerter Form auch ohne Geldgeber nicht für ausgeschlossen. Was aus dem Filialnetz „Ihr Platz“ wird, das ebenfalls pleite ist und wo etwa 6000 Menschen arbeiten, will Geiwitz erst in Kürze bekannt geben.

40 PROZENT BEI VER.DI ORGANISIERT_ Klar scheint indessen, dass die Schlecker-Belegschaft nicht einfach abwarten wird. „Wir überlegen, ob wir die Läden dichtmachen oder auf die Barrikaden gehen“, fasst Mona Frias am Tag nach der Pressekonferenz die Diskussion im Betriebsratsbüro zusammen. Als Folge der permanenten Bedrohung durch Abmahnungen und Unterstellungen sind die Schlecker-Frauen überdurchschnittlich stark organisiert: Während bei anderen Drogerieketten nicht einmal jede Zehnte eine Gewerkschafts-Mitgliedskarte hat, sind es bei Schlecker heute über 40 Prozent.

Hinzu kommt, dass sich zunächst die HBV und später ver.di intensiv und kontinuierlich bemühten, Betriebsratsstrukturen aufzubauen, nachdem 1996 ein entsprechender Vertrag nach einer intensiven Kampagne durchgesetzt werden konnte. „Reagiert hat das Unternehmen ja immer nur auf Druck“, sagt ver.di-Landesleiter Bernhard Franke. 1998 war Anton Schlecker wegen Betrugs verurteilt worden, weil er in den Arbeitsverträgen fälschlicherweise behauptet hatte, Tariflöhne zu zahlen, de facto aber über zehn Prozent weniger eingetragen hatte. Danach sah sich das Unternehmen genötigt, seine Beschäftigten tatsächlich entsprechend zu entlohnen und später einen Anerkennungstarifvertrag zu unterschreiben, sodass der Branchentarifvertrag galt. Als absoluter Tiefpunkt für das Unternehmen erwies sich der Versuch, bei der Einführung der XL-Läden Beschäftigten zu kündigen und sie gleich anschließend als schlechter bezahlte Leiharbeiter wieder einzustellen. Das empörte auch viele Kunden und führte zu enormen Umsatzeinbrüchen. Schleckers dreistes Vorgehen veranlasste die Bundesregierung auch, solcherlei Drehtür-Methoden zu verbieten. Dank des hohen Organisationsgrads konnte ver.di im Jahr 2010 einen Sozialtarifvertrag und einen Vertrag zur Beschäftigungssicherung bis Sommer 2012 durchsetzen. Allerdings hebelt das Insolvenzverfahren die nun aus.

Dass möglicherweise die Weiterbeschäftigten an der Sanierung des Unternehmens finanziell beteiligt werden sollen, empört Mona Frias. Schon heute kommt ein Großteil der Kolleginnen nur durch aufstockende Sozialhilfe über die Runden. „Wovon sollen die noch Geld abgeben?“ Von den etwa 125 Beschäftigten, für die sie und ihre Crew in den Ostberliner Bezirken Friedrichshain, Lichtenberg, Hellersdorf und Marzahn zuständig sind, sind nur etwa 20 Vollzeitkräfte. Die meisten arbeiten nur 18 bis 20 Stunden – obwohl ein Großteil von ihnen gerne eine ganze Stelle hätte.

Wie Schlecker in ein paar Monaten aussieht, weiß derzeit niemand. „Wenn es nicht gelingt, das schlechte Image abzustreifen, kann eine Fortführung des Unternehmens nicht gelingen“, ist Bernhard Franke sicher. Auch das von den Schlecker-Kindern Lars und Meike eingeführte Konzept „Schlecker 2012“ mit rund 200 Läden, das viele als erfolgversprechend eingestuft hatten, steht offenbar zur Disposition. Unter dem holprigen Motto „For you, vor Ort“ sollten gut gestaltete Filialen als Nahversorger aufgebaut werden; in ländlichen Regionen ist Schlecker oft der einzige Laden überhaupt. Auch in Mona Frias Berliner Bezirk existiert solch eine Filiale, und sie hat gehört, dass die Umsätze dort deutlich gestiegen seien. Dagegen seien in vielen der Dorfläden die Umsätze relativ niedrig und die Lieferlogistik zu aufwendig, heißt es. Insolvenzverwalter Geiwitz hat sich zwar noch nicht dazu geäußert, welche Geschäfte konkret zur Disposition stehen. Doch für Mona Frias steht schon fest: „For you, vor Ort, vorbei.“ Kampflos aber werden die Frauen nicht aufgeben.

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