Böckler Impuls Ausgabe 14/2011

Gender

Frauen: Allein gelassen mit Ernährerrolle

Bei Paaren mit Kindern geht die deutsche Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik von einer traditionellen Rollenverteilung aus. Doch Mütter übernehmen zunehmend auch die finanzielle Verantwortung für ihre Familie.

In fast jeder fünften Familie erwirtschaften inzwischen Frauen den Löwenanteil des Familieneinkommens; mehr als die Hälfte von ihnen, weil sie als Alleinerziehende den Lebensunterhalt für die Kinder bestreiten – die anderen, weil sie mehr Geld verdienen als ihr Partner. Zwei Forscherinnenteams haben die Situation der so genannten Familienernährerinnen mittels einer gründlichen Datenanalyse und ausführlicher Interviews untersucht. Viele sind unfreiwillig in diesen Status hineingerutscht, etwa weil ihr Partner arbeitslos oder erwerbsunfähig ist.

Die Probleme, die erwerbstätige Frauen häufig haben, wirken sich bei Familienernährerinnen besonders stark aus: Sie haben in der Regel ein niedrigeres Einkommen und kürzere Arbeitszeiten als der Durchschnitt aller Arbeitnehmer. Sogar jeder Partner in einer egalitär verdienenden Ehe erzielt ein höheres Einkommen als eine Familienernährerin.

WSI-Forscherin Christina Klenner, Ute Klammer, Professorin an der Universität Duisburg-Essen, und Svenja Pfahl vom SowiTra Berlin haben aus ihren Untersuchungen nun an die Politik gerichtete Vorschläge* abgeleitet, um die Situation der Familienernährerinnen – und vieler anderer erwerbstätiger Mütter – zu verbessern:

Arbeitsmarkt. Das Gros der befragten Familienernährerinnen wünscht sich eine sichere und ausreichend bezahlte Beschäftigung von 30 bis 35 Stunden in der Woche. Zusätzlich sollte es in solchen modifizierten Normalarbeitsverhältnissen möglich sein, die Arbeit flexibel zu gestalten und die Arbeitzeit auch vorübergehend zu reduzieren oder aufzustocken, empfehlen die Forscherinnen.

Einkommen. Viele Frauen arbeiten in Gesundheits- und Sozialberufen, die oft als Helferinnen- oder Assistentinnen-Tätigkeiten ausgestaltet und damit unterbewertet sind. Die Autorinnen sprechen sich dafür aus, diese typischen Frauenjobs aufzuwerten, unter anderem mit Hilfe diskriminierungsfreier Arbeitsbewertungssysteme. Ein Mindestlohn würde Familienernährerinnen im unteren Einkommensbereich nutzen.

Sozialpolitik. Besondere Bedeutung messen die Wissenschaftlerinnen einer besseren Arbeitsvermittlung von Frauen mit Kindern bei: Anstelle befristeter Ein-Euro- oder prekärer Jobs sollten Grundsicherungsstellen Müttern den Übergang in eine existenzsichernde Beschäftigung ermöglichen.

Arbeitsbedingungen. Familienernährerinnen klagen häufig über fehlende Rücksicht ihrer Vorgesetzten. Insbesondere Führungskräfte gelte es daher zu sensibilisieren – auch dafür, dass einige Männer inzwischen von den traditionellen Rollenvorstellungen abweichen. Es gelte, mehr Unternehmen für die familiengerechte Gestaltung der Arbeit für alle Beschäftigten zu gewinnen.

Kinderbetreuung. Ein Großteil der Betreuungsangebote deckt lediglich einen halben Tag ab – zugeschnitten auf eine höchstens zuverdienende Mutter. Auch Schulen setzen in der Regel voraus, dass Eltern ihre Kinder nachmittags beim Lernen unterstützen. Aus Sicht der Familienernährerinnen seien mehr Ganztagsangebote nötig, so Klammer, Klenner und Pfahl. Aber auch mehr Gestaltungsspielraum bei der zeitlichen Nutzung von Kitas sei dringend nötig.

Geschlechterrollen. Beide Geschlechter sind noch nicht hinreichend darauf vorbereitet, sich auf nicht-traditionelle Paararrangements einzulassen, stellen die Forscherinnen fest. Insbesondere Männer, die sich durch Verlust der Ernährerrolle oft in ihrer Männlichkeit „verletzt“ fühlen, bräuchten alternative Leitbilder – zum Beispiel das des aktiven Vaters.

Bei all diesen Vorschlägen gehe es nicht darum, Frauen und Männer durchgehend in einen Vollzeitjob zu zwingen und ihre Kinder weitgehend in der Obhut von Kitas und Schulen aufwachsen zu lassen, betonen Klammer, Klenner und Pfahl. „Vielmehr sollen beide Geschlechter die Option haben und entsprechende Rahmenbedingungen dafür vorfinden, ihre Erwerbsaufgaben mit ihren Fürsorgeaufgaben vereinbaren zu können, ohne dass es dadurch zu gravierenden beruflichen, einkommens- oder rentenbezogenen Nachteilen für sie kommt.“

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Quellen

Ute Klammer, Christina Klenner, Svenja Pfahl: Frauen als Ernährerinnen der Familie: Politische und rechtliche Herausforderungen (pdf), in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Zeit für Verantwortung im Lebensverlauf – Politische und rechtliche Handlungsstrategien, Berlin und München 2011.

mehr Infos zum WSI-Projekt „Flexible Familienernährerinnen. Prekarität im Lebenszusammenhang von ostdeutschen Frauen?“ von Christina Klenner, Katrin Menke und Svenja Pfahl

mehr Infos zum Forschungsprojekt „Flexible Familienernährerinnen. Eine Studie zur Entwicklung von Arbeitsbedingungen und Geschlechterverhältnissen in Westdeutschland“ von Ute Klammer, Sabine Neukirch und Dagmar Weßler-Poßberg


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