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17.11.2014

Neue IMK-Studie

Lohn- und Arbeitskosten: Deutschland weiter im europäischen Mittelfeld – stärkere Dynamik wäre ökonomisch sinnvoll

Die Entwicklung der Arbeits- und der Lohnstückkosten in Deutschland hat 2013 und im ersten Halbjahr 2014 lediglich einen geringen Beitrag dazu geleistet, die wirtschaftlichen Ungleichgewichte und die Deflationsrisiken im Euroraum zu reduzieren. Weil die Arbeitskosten im Dienstleistungsbereich nur sehr schwach zunahmen, lag der Zuwachs der deutschen Arbeitskosten insgesamt mit 1,4 Prozent nahe am sehr niedrigen EU-Durchschnitt von 1,3 Prozent. Im ersten Halbjahr 2014 blieb die deutsche Arbeitskostenentwicklung mit lediglich 1,1 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr sogar unter dem EU-Mittel von 1,3 Prozent. Auch bei den für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Lohnstückkosten weist Deutschland für den Zeitraum von 2000 bis 2014 weiterhin eine sehr moderate Entwicklung auf. Ein dynamischerer Zuwachs bei Löhnen und Arbeitskosten wäre aber ökonomisch sinnvoll, um die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland und Europa zu stabilisieren. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Arbeitskostenreport, den das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellt.

Insgesamt liegt Deutschland bei den Arbeitskosten für die Privatwirtschaft weiterhin im westeuropäischen Mittelfeld – 2013 mit 31,30 Euro pro Arbeitsstunde unverändert an achter Stelle unter den EU-Ländern. Höhere Arbeitskosten weisen unter anderem wichtige Handelspartner wie die Niederlande, Frankreich, Belgien, Schweden und Dänemark auf. Dänemark hatte im vergangenen Jahr mit 41,40 Euro pro Stunde die höchsten Arbeitskosten in Europa. Geringfügig niedriger als in Deutschland waren die Arbeitskosten 2013 in Österreich. Da sie in der Alpenrepublik während der ersten Hälfte 2014 aber deutlich stärker gestiegen sind als in Deutschland, ist es nach Analyse der Wissenschaftler möglich, dass die beiden Nachbarstaaten in diesem Jahr die Plätze tauschen. In den Krisenländern Irland, Italien, Spanien, Griechenland und Portugal reichen die Arbeitskosten von 28,20 bis 12,80 Euro pro Stunde, haben die IMK-Experten Dr. Alexander Herzog-Stein, Dr. Ulrike Stein und Dr. Rudolf Zwiener auf Basis der neuesten verfügbaren europäischen Daten errechnet.

Forscher: Deutschland hat weiter Nachholbedarf bei Lohnentwicklung
„Wir sehen in Europa bei den Arbeits- und den Lohnstückkosten ein sehr prägnantes Muster“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „In Krisenländern wie Griechenland oder Portugal sind sie zuletzt unter großen Opfern der Bevölkerung drastisch zurückgegangen. In Irland und Spanien stagnieren sie. Die von manchen erhoffte wirtschaftliche Erholung ist aber ausgeblieben. Denn als Kehrseite dieser Senkung waren die Einkommensverluste in diesen Ländern so groß, dass die Binnennachfrage extrem gelitten hat. Grundsätzlich ähnlich, wenn zum Glück nicht so dramatisch, waren die Zusammenhänge in Deutschland während der 2000er Jahre: Löhne und Arbeitskosten hatten sich gesamtwirtschaftlich nur sehr langsam entwickelt, gleichzeitig waren Wirtschaftswachstum und Beschäftigung schwach. Besser gelaufen ist es erst, als nach der Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise die Lohnentwicklung stärker wurde und die Binnennachfrage die Konjunktur stützen konnte. Das unterstreicht einmal mehr, wie falsch es ist, sich einseitig auf möglichst niedrige Arbeitskosten zu fixieren.“

Dass die Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft in den Jahren 2011 und 2012 stärker stiegen als im Durchschnitt von EU und Euroraum, werten die Forscher des IMK als positive „Normalisierung“. Dass sich die Entwicklung 2013 und in der ersten Hälfte 2014 wieder deutlich verlangsamt hat, als enttäuschend: „Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist sehr hoch. Nachholbedarf hat Deutschland bei der Lohnentwicklung. Wir könnten und müssten in der gegenwärtigen Situation die Nachfragelokomotive in Europa sein – auch im eigenen Interesse“, sagt Horn. Schließlich schade die wirtschaftliche Schwäche vieler Euroländer auch der deutschen Konjunktur. Die Wissenschaftler unterstützen daher die Forderungen von Deutscher Bundesbank und Europäischer Zentralbank nach höheren Löhnen. Sie empfehlen gesamtwirtschaftliche Lohnsteigerungen in Deutschland um deutlich mehr als drei Prozent. Den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn betrachtet das IMK als wichtigen ersten Schritt, um die Lohnentwicklung, vor allem im Dienstleistungsbereich, zu unterstützen. Dass das Gesetz zur Stärkung der Tarifautonomie es darüber hinaus erleichtert, Tarifverträge allgemeinverbindlich zu erklären, sei ebenfalls vernünftig. Jetzt gelte es, dieses Instrument in der Praxis verstärkt zu nutzen.

Arbeitskosten 2013: 31,30 Euro pro Stunde
Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Bruttolohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung sowie als Arbeitskosten geltende Steuern. Die IMK-Forscher nutzen für ihre Studie die neuesten verfügbaren Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat. Erstmalig kann dabei auf die Zahlen der letzten Arbeitskostenerhebung, die im Jahr 2012 stattfand, zurückgegriffen werden. Dadurch ergeben sich bei der absoluten Höhe der Arbeitskosten in einigen Ländern erhebungsbedingte Unterschiede zu den Vorjahren. An den generellen Trends hat sich aber dadurch nichts geändert.

2013 mussten deutsche Arbeitgeber in der Privatwirtschaft (Industrie und privater Dienstleistungsbereich) 31,30 Euro pro geleistete Arbeitsstunde aufwenden (siehe auch Tabelle 1 in der pdf-Version). Höher liegen die Arbeitskosten in sieben Ländern: In Dänemark, Belgien, Schweden, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden und Finnland müssen zwischen 41,40 und 32,40 Euro pro Stunde ausgegeben werden. Geringfügig niedriger als in Deutschland sind die Arbeitskosten in Österreich (30,90 Euro). Der Durchschnitt des Euroraums liegt bei 29 Euro. Etwas darunter folgt Italien, das 2013 Arbeitskosten von 27,20 Euro auswies. In den übrigen südeuropäischen EU-Staaten betragen sie zwischen 21 Euro (Spanien) und 12,80 Euro (Portugal). Die portugiesischen Arbeitskosten liegen damit unter denen im EU-Beitrittsland Slowenien, wo 15,20 Euro aufgewendet werden müssen. In der Tschechischen Republik, Ungarn und Polen liegen die Stundenwerte zwischen 9,90 und 7,80 Euro. Schlusslichter sind Rumänien und Bulgarien mit Arbeitskosten von 4,50 bzw. 3,70 Euro pro Stunde.

Über 20 Prozent Abstand zwischen Industrie und Dienstleistungen
Im Verarbeitenden Gewerbe betrugen 2013 die Arbeitskosten in Deutschland 36,20 Euro pro geleistete Arbeitsstunde. Im EU-Vergleich steht die Bundesrepublik damit an vierter Stelle als Teil einer größeren Gruppe von Industrieländern, die mit 33,40 bis 42,70 Euro pro Stunde über dem Euroraum-Durchschnitt von 31,20 Euro liegen. Dazu zählen auch Belgien mit industriellen Arbeitskosten von 42,70 Euro, Schweden (42,20), Dänemark (40,90 Euro) und Frankreich, das 2012 vor Deutschland rangierte und 2013 mit 35,90 Euro knapp hinter die Bundesrepublik gerutscht ist. Außerdem Finnland, die Niederlande, und Österreich (35,30 bis 33,40 Euro). Dabei ist nicht berücksichtigt, dass das Verarbeitende Gewerbe in der Bundesrepublik stärker als in jedem anderen EU-Land von günstigeren Vorleistungen aus dem Dienstleistungsbereich profitiert (mehr im folgenden Abschnitt). 2013 stiegen die industriellen Arbeitskosten in Deutschland um 3,3 Prozent. Im Durchschnitt von EU und Euroraum lag die Zunahme bei 2,3 Prozent. Im ersten Halbjahr 2014 verlangsamte sich das Wachstum der Arbeitskosten in der deutschen Industrie auf 2,3 Prozent. Der Anstieg ist damit nur noch wenig höher als im Mittel von EU und Euroraum (2,2 und 1,8 Prozent).

Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten 2013 mit 28,70 Euro weiterhin an neunter Stelle nach den Benelux-Ländern, den nordischen EU-Staaten, Frankreich und Österreich. Den höchsten Wert wies auch hier Dänemark mit 42 Euro aus, der Durchschnitt im Euroraum beträgt 28 Euro. 2013 stiegen die Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor um gerade einmal 0,3 Prozent. Damit lag der Zuwachs deutlich unter dem ohnehin geringen Durchschnitt in Euroraum (0,7 Prozent) und EU (1 Prozent). In der ersten Hälfte 2014 legten die Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor um 0,4 Prozent zu. Im Euroraum lag die durchschnittliche Steigerungsrate bei 0,8 Prozent, in der EU bei 1 Prozent.

Industrie kann Vorleistungen günstiger einkaufen
Der Rückstand der Arbeitskosten im Dienstleistungssektor hinter denen im Verarbeitenden Gewerbe ist in Deutschland nach wie vor größer als in jedem anderen EU-Land. Er beträgt gut 20 Prozent oder 7,5 Euro pro Stunde. Vom vergleichsweise niedrigen Arbeitskostenniveau in den deutschen Dienstleistungsbranchen profitiert auch die Industrie, die dort Vorleistungen nachfragt. Dadurch entsteht eine Kosteneinsparung für die Industrie von acht bis zehn Prozent oder rund drei Euro je Arbeitsstunde. Während der Dienstleistungssektor die Industrie hierzulande bei den Arbeitskosten entlaste, sei es insbesondere in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern umgekehrt, betonen die Forscher.

Öffentliche Dienstleistungen: Spuren der Austerität
Zu den Arbeitskosten im öffentlichen Dienst liegen für 16 Euroraum-Länder Daten vor. Deutschland liegt mit einem Wert von 31 Euro pro Stunde auf Rang acht. Im europäischen Vergleich zeigten sich die drastischen Auswirkungen der Austeritätspolitik in den Krisenländern, betonen die Forscher. In den meisten Ländern hätten sich die Arbeitskosten bei den öffentlichen Dienstleistungen zwischen 2008 und 2013 wesentlich schwächer entwickelt als in der privaten Wirtschaft. In Griechenland sanken sie gar um 7,7 Prozent im Jahresdurchschnitt, in Portugal betrug der jährliche Rückgang 2,5 und in Irland 0,5 Prozent. In Deutschland war die jährliche Zuwachsrate mit 2,6 Prozent in diesem Zeitraum etwas dynamischer als im Privatsektor. Allerdings hatte der durchschnittliche jährliche Zuwachs zwischen 2000 und 2008 bei nur 0,9 Prozent gelegen.

Lohnstückkosten: Jährlich 0,9 Prozent Zunahme von 2000 bis 2013
Die Lohnstückkosten, welche die Arbeitskosten in Relation zur Produktivitätsentwicklung setzen, sind in Deutschland zwischen 2000 und 2013 um lediglich 0,9 Prozent im Jahresmittel gestiegen – und damit deutlich langsamer als im Euroraum insgesamt (+1,7 Prozent). Zwischen 2000 und 2008 stagnierten sie sogar.

Für 2013 beobachten die Forscher bei den Lohnstückkosten der deutschen Privatwirtschaft einen Anstieg um 2,3 Prozent, im Euroraum-Durchschnitt 1,2 Prozent. Im ersten Halbjahr 2014 sind die Lohnstückkosten in Deutschland gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1,7 Prozent gestiegen, im Mittel des Euroraums um schwache 0,7 Prozent. Auch wenn sich der über Jahre aufgelaufene Abstand zwischen Deutschland und seinen Euro-Partnern verringere, sei „der Wettbewerbsvorteil Deutschlands bei diesen Raten für die Krisenländer immer noch zu hoch, um gegenüber Deutschland nennenswert aufholen zu können“, schreiben die Wissenschaftler.

Weitere Informationen:

Alexander Herzog-Stein, Ulrike Stein, Rudolf Zwiener: Deutschlands Lohn- und Arbeitskostenentwicklung wieder zu schwach (pdf). IMK Report Nr. 100, November 2014

Videostatement von Gustav A. Horn

Kontakt:

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Dr. Alexander Herzog-Stein
IMK

Ulrike Stein, PhD
IMK

Dr. Rudolf Zwiener
IMK

Rainer Jung
Leiter Pressestelle


Die Pressemitteilung mit Tabellen (pdf)

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